Wir von der Menschenzeit

Hatte ich es kürzlich mit einem, den ich nunmehr einen Freund nennen will, dass wir darauf kamen, wie man sich inzwischen jederzeit von den Entwicklungen überholt sehe, die, bis man einige halbwegs begriffen, schon wieder an einem vorbeizögen.

Er ist noch etwas älter als ich und doch wahrlich, gerade auch was die Entwicklungen im Netz anlangt, nicht nur von gestern.

Ich kam nicht mehr dazu, das, was wir da im Keime schon ansprachen, schon lange in mir gummelt, genauer auszuführen, weshalb ich‘s jetzt versuche.

Die Zeit ist willentlich zu verzögern, anzuhalten, rückwärtig laufen zu lassen, ja umzudrehen.

Anker sind auszuwerfen, Erinnerung ist zu durchleuchten und vergleichen, Zeiten außerhalb der technischen Walze sind ernstzunehmen, Worte über die Jahrtausende zu wägen, die Menschenzeit zu erfassen und erfühlen, die jetzt als die unsere gefragt ist, indem wir den Zeitfressern nicht völlig zur Beute werden wollen.

Es geht da schon gar nicht mehr darum, wie viel Zeit sie uns durch ihre Datenfresserei fressen. Sie fressen uns insgesamt die Zeit weg, Menschenzeit.

Gewinnen wir die Herrschaft über die Zeit nicht zurück, so wird immer weniger Menschenzeit.

Wir können damit anfangen, in die Vorhand zu kommen, dass wir nicht dauernervös, zu viel, zu sorglos, zu schlampig, zu enthemmt, zu schamlos, zu lose, zu undurchdacht, zu beliebig daherreden, alleweil, aber zumal im Netz. So setzen wir Menschenzeit.

Auch damit, dass wir generationenübergreifend wirken. Das schafft Menschenzeit für alle.

Wir brauchen keine „realen“ Zeitreisen. In der Zeit reisen können wir im Kopfe, das reicht.

Wir haben, um in andere Zeiten zu gelangen, in Menschenzeit, Schriften, die nicht umsonst über Jahrhunderte oder mehr auf uns heruntergekommen sind, wo Helden beschrieben, die ihren Weg noch ohne elektrische Hilfe fanden. Die noch ein eigenes Gedächtnis, einen eigenen Weg, die Menschenzeit hatten. Wir von der Menschenzeit haben Zeiten, die der Facebook-Android nicht einmal zu erahnen weiß.

Nein, ich bin nicht schlechter Dinge dessenthalben.

Es gibt schon eine ganze Menge von uns.

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Also sprach Zarathustra

Ich lese nun wieder zum zwölfzichsten Male im Zarathustra herum, gerade wieder in Richtung Ende, habe eben das Eselsfest genossen.

Dies Buch ist eine derartige Fundgrube, dass ich es nunmehr, indem ich den Don Quijote im Laufe der Jahre zuerst auf Deutsch, dann auf Spanisch, inzwischen auch auf Englisch gelesen habe, die Runden auf Italienisch und Französisch noch vor mir, doch nicht mehr auf die gleiche Stufe stellen will, sondern vor dem Quijote an die erste.

Wundersam ist allein schon der Band selbst, der mich seit nunmehr dreißig Jahren bis ins spanische Gebirg und sonstwohin begleitet. Ein einfaches Taschenbüchlein vom dtv (Colli-Montinari-Ausgabe, nur die zählt!), nicht einmal gebunden, auf dessen Rücken wohl auch schon Chorizo geschnitten wurde, völlig verbogen und zerspeckt, und noch ist nicht eine Seite herausgefallen. Wenn es Magie gibt, hier hat sie sich sichtbar gemacht.

Ich wundere mich allein darüber immer wieder, wie sehr ich mich immer wieder über einen Satz, eine Wendung erstmals so wundern kann, wie über Wundersames aufs Neue, noch einmal anders als zuvor. Es ist, als stünde man staunend vor einer Schatzkiste, die dem immer neue bunte Goldstücke und Edelsteine ausgibt, der sie zu heben weiß.

Ich dachte gerade, wer den Zarathustra nicht gelesen hat, der hat recht eigentlich gar kein Buch gelesen. Was natürlich ein grober Unfug ist. Doch selbst solcherlei Narrheit mag einen umglitzern.

Dies buchlange Gedicht narrt selbst noch die ärgste Narretei.

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Also!

Begab sich‘s, dass ich mich mit einem noch jungen Musiker (dreißig) unterhielt, zu Stuttgart, meiner Heimatstadt, wo er nun schon, als Sachse aus dem Erzgebirge, seit zehn Jahren lebt, und so kamen wir auf die typischen Eigenheiten der schwäbischen Mundart, insonderheit, welches Wort an welcher Stelle da besonders auffällig sei.

Ich kam auf dies und das, selles, selliches, sellichdes und selledes (also nicht diese heute schon selten gewordenen hinweisenden Fürwörter, sondern alles mögliche), bis er meinte, nein, alles von mir Aufgezählte sei es nicht, es sei das typisch schwäbische „Also!“, um ein Gespräch, da alles geschwätzt sei, damit zum Aufbruch und zur Tat zu beschließen.

Nach kurzem Bedenk fiel mir auf, dass mir das so wohl noch gar nicht aufgefallen war. Es aber wohl stimmen könne. Betriebstaubheit ganz einfach, das selber, als Schwabe, nicht gemerkt zu haben.

Im folgenden achtete ich darauf. Und, höre da, immer wieder fiel dies „Also!“ unter Schwaben genau so, wie er es vernommen hatte.

Die Sachsen sind eben helle.

 

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Sun Tzus Weisheit

Endlich habe ich Sun Tzus „Kriegskunst“ (sonst: „Die Kunst des Krieges“) ganz gelesen.

Eine Vorgabe, von der ich nie Aufhebens gehört habe, hat es mir besonders angetan.

Abschnitt IX – 26 (meine Version) :

Verbiete die Annahme von Vorzeichen und schaffe abergläubische Zweifel ab. Sodann ist, bis der Tod selbst kommt, kein Unheil zu fürchten.“

Wahrlich, dieser weise Chinese verstand etwas vom Menschen und dem Wirken der Welt.

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