Semsakrebsler: Sprache auch beim Wein tückisch

Im Schwäbischen gibt es gängig für einen recht sauren Wein das abschätzige Wort „Semsakrebsler“.

Eben fand ich aber vollauf klar bestätigt, dass es sich dabei ursprünglich um einen aus an einer Hauswand bis zum Fernstersims gewachsenen Reben gekelterten Wein handelt, der durchaus beachtliche Qualität erreichen kann. (Im Unterfränkischen kenne ich den als „Housmouschd“, der meist als „Federweißer“, noch gärig, halbsüß, gleich im Herbst weggesoffen wird.)

Ich tumber Tor nun dachte bei dem Begriff lange Jahre nicht von außen an den Sims, sondern von innen.

Also, dass der Wein so greislich sauer sei, dass man fast lieber auf den Simsen krebselte, um aus dem Fenster zu springen, denn so einen Wein zu trinken.

Tübinger Gelahrte haben mich netzweis endlich eines Besseren betan.

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Latein auf Deutsch zu lang

Zu Senecas „De tranquillitate animae“.

Quod desideras autem magnum et summum est deoque vicinum: non concuti.“

Was du nun ersehnst ist groß und höchst und gottnah: unerschütterlich sein.“

Die Übersetzung oben ist meine neue.

Auf dem zweisprachigen Reclam-Büchlein, das ich mir jüngst gekauft, lautet die Übertragung rückseitig:

Das aber, worauf du deine Sehnsucht richtest, ist etwas Großes, Vollkommenes und der Gottheit Nahes: sich nicht erschüttern zu lassen.“

Meine mag nicht besser sein, doch sieht jeder, dass sie kürzer ist. Auch hat sie nur die eine Pause.

Beides bei einem Sinnspruch wichtig

Und will ich noch anfügen, dass „summum“ eben nicht mit „Vollkommenes“ zu übersetzen sein sollte, mindestens halte ich das für eine Ungenauigkeit, denn „perfectum“ steht nicht da.

Noch zum Titel.

Der steht mit „Über die Ausgeglichenheit der Seele“ vorderseitig.

Man hätte auch „Von der Seelenruhe“ ansetzen können, gar mal zwei Silben kürzer als das Lateinische.

Ich weiß jedenfalls nicht, weshalb Deutsch immer länger und gar noch soviel länger sein müsse.

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Ein Lob dem Seneca

Senecas „De brevitate vitae“ – Von der Kürze des Lebens – fiel mir in die Hände, und ich staunte nicht schlecht.

Er spricht auf wenigen Seiten deutlich von all den Sinnlosen, die ihr Leben in jeder Weise vergeuden, es nie für sich haben, daher noch nicht einmal ein Gedächtnis dulden können.

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The X-Word

Gerade habe ich ein weiteres englisches Tabu-Kunstwort gelernt, das „R-word“.

Dass dahinter ein ganz schlimmes Wort stecken müsse, war mir gleich klar, als das US-Video begann, denn offenkundig hatte einer das ursprüngliche schwerstskandalöserweise öffentlich verwendet

Nun, ich hatte gerade keinen Bock zu warten, rätselte ein wenig, immerhin kenne ich ja das „N-word“ und das „F-word“, schmiss dann aber die Suchmaschine an, und siehe – wie kam ich da nicht drauf? – , das „R“ steht für „retarded“ (was ich so natürlich kannte), welches in etwa „geistig zurückgeblieben“ oder „leicht geistig behindert“ bedeutet, abgeleitet vom Lateinischen „tardus“, langsam, säumig, im geistigen Zusammenhang auch schon stumpfsinnig.

Was kommt als nächstes?

Drei Buchstaben des englischen 26er-Alphabets sind bereits verbraten, doch bleiben da schon noch welche für die sprachliche Korrektheit beziehungsweise Behinderung übrig.

Verdammte Hacke, jetzt überlege ich schon eine verfi..te Viertelstunde und habe immer noch keinen geeigneten Kandidaten, denn etwas mit Rasse, Sex und Geistesschwäche haben wir schon, und das Unwort sollte ja vergleichbar sitzen.

ABCDEGHIJKLMOPQSTUVWXYZ?

Jetzt dachte ich gerade, ich könne mit einem S-word reüssieren (weil man „shit“ im Englischen nicht so leicht sagen darf wie im Deutschen die Entsprechung), doch teilt mir Wiktionary eben mit, dass es gleich vier davon gibt, nämlich außer „shit“ auch „slut“ sowie „spastic“ und „spic“. Also schon wieder ein Buchstabe verbrannt.

The A Word (ohne Bindestrich) bezeichnet nun schon eine BBC-TV-Serie, und ich dachte vor dieser Prüfung noch, ich könne auch sämtliche „assholes“ unterbringen. Birgt wohl zuviel Verwechslungsgefahr.

Bei The C Word dieselbe Pleite. Diesmal ein Spielfilm. Hier hätte ich die „cunts“ erwischt gehabt.

Das Ganze harrt wohl noch einer genaueren Prüfung.

Erstmal bin ich jetzt aber frustriert genug, um hier vorläufig abzubrechen.

Ach, jetzt habe ich doch noch nach dem X-word gesucht. Das soll es bislang nicht geben, aber es gibt es doch, es werde nämlich zur reinen Xerarschung eingesetzt, damit der andere denkt, er wisse von ganz Schlimmem noch nichts, habe eine Bildungslücke.

Also gut, das Shorter OED aufgeklappt, irgendwas Xenophobes oder so sollte sich doch finden lassen.

Also, xantippe kennt auch das Englische, xanthopath wäre ein böses Wort für einen mit krankhaft gelber Haut (damit könnten Osasiaten herabgesetzt werden), ein xerophag ist einer, der seine Oblaten trocken frisst, das sollte für christliche Blaukreuzler reichen, endlich hätte der xiphopagus eine Chance, das Zwillingsmonster.

Irgendwann geht halt doch was.

Beharrlichkeit führt zum Ziel, sagt der nicht nur xanthopathische Chinese.

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Vom unschuldigen Lachen und hinterfotzigen Heulen

Man ist sich ziemlich einig, dass man dreckig lachen könne, ja gar manche Menschen generell eine besonders dreckige Lache an den Tag legten.

Ebenso kann man boshaft oder dreckig grinsen und immerhin hinterlistig, arglistig oder verstohlen, höhnisch, sardonisch, teuflisch, hinterfotzig, diabolisch, zynisch lächeln.

Nur zum Weinen und Heulen, da werden derlei herabsetzende Eigenschaftswörter fast nie verwendet.

Dabei ist es gang und gäbe, zumal wenn Frauen oder auch gewiefte, skrupellose Kinder Geld aus einem Deppen rauslassen wollen, dass sie mindestens arglistig Plärren. Von Priestern, die vorgeben, von einer Heiligen Anwandlung befallen zu sein, auch ihren Jüngern, die eine gute Figur machen wollen, kennt man das ebenso.

Dem, der vielleicht ganz unschuldig und fröhlich lacht, grinst, lächelt, kann man also jederzeit auf Verdacht eins reindrehen, nur dem Weinenden kaum. Der oder zumal die ist ja praktisch sakrosankt. Nur ganz üble Hollywood-Vebrecher, die dürfen das und machen es auch entsprechend regelhaft.

Liegt wohl an der Feigheit und Dummheit der Leute.

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Emo, aggro, ratio, perfo, vernü und perdu

Dass einer ziemlich „emo“ oder „aggro“ sei oder in einer bestimmten Lage geworden sei, ist Bestandteil der Jugendsprache.

Noch nie aber habe ich gehört, einer sei „ratio“ oder „ratio“ geworden.

Liegt das etwa daran, dass man das Wort „rational“, welches die beiden anderen ja perfo erzänzte, gar nicht so recht kennt, mit seiner deutschen Grundbedeutung vernü?

Vielleicht ist es auch einfach perdu, wo immer die Leute gleich per Du.

 

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Philosophens Lehrbrot

Mittlere kleine menschliche Enttäuschungen sollten dem Philosophen das Salz in der Suppe sein, denn daranentlang kann er wiederum verhältnismäßig schmerzfrei erkennen, wie dumm er noch immer ist.

Nun muss er nur noch lernen, schneller und besser zum Lachen über sich selbst zu finden als beim letzten Mal.

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„Deplatforming“: Wie sage ich das auf Deutsch?

Deplatforming“, also das willkürliche Rausschmeißen bei YouTube, Fuckbook & Cie. ist inzwischen jedem ein Begriff, der überhaupt mitbekommt, was das Silikontal neuerdings besonders an Niederungen sucht.

To deplatform“: Wie bringe ich das richtig ins Deutsche?

Entplattformen? Deplattformen? Abplattformen? Ausplattformen? Wegplattformen?

Geht es besser gar ohne „platt“?

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