Aberglaube durch das Zeitempfinden

Ein Kollege erzählte mir mal von seinem Aberglauben, für ihn gegründet auf Erfahrung.

Er meinte, wenn man eine Veranstaltung ansetze, nicht wissend, wer, wie viele kämen, dann sei es verhängnisvoll, immerzu sehnlichst hoffend nach der Tür zu schauen. Dann käme erst recht keiner.

Kaum aber habe man die Tür vergessen, sozusagen mit Absicht, denke man ganz und gar an anderes, hoppla! , da käme einer nach der anderen rein.

Ich muss nicht weiter erklären, für was für einen Unfug ich das halte, kann aber doch eine recht einfache Erklärung für dies Empfinden ansetzen.

Man sitzt also da, frägt sich, was für eine Pleite im Sinne des grundsätzlichen Interesses vieler der Abend wohl werde, indem noch kaum einer gekommen, die Neuzugänge allenfalls tröpfeln. Die Nervosität lässt jede Minute zur Ewigkeit werden.

Dann beschäftigt man sich noch einmal mit seiner Rede oder wird in ein interessantes Vorgespräch verwickelt. Zehn Minuten später wundert man sich erfreut, dass doch noch ein paar, eine ganze Menge Leute gekommen.

Dabei denkt man leicht nicht daran, dass viele eben erst später kommen, nicht eine halbe Stunde vorher, dass sich die innere Zeitachse, das Zeitempfinden total verschoben haben.

Und so kann man zu dem Schluss gelangen, es kämen immer mehr Interessierte, je weniger man an sie dächte, sich nach ihnen sehnte.

Eine ganze Menge Aberglaube beruht auf diesem Phänomen.

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Von strategemartigen Tripelprinzipien

Soll ich eine ärgerliche Sache, ja eine mehr als nur ärgerliche Sache, einen arglistigen Durchstecher, Lügner, Intriganten nun lieber links liegen lassen (LLL-Prinzip), mich zu schonen, der Sache oder dem nicht noch Auftrieb zu geben, oder doch rechts rausreizen, rechts rausreiben, rechts rausriegeln, rechts raufrüseln (RRR-Prinzip)?

Oder soll ich von hinten hinunter höhnen (HHH-Prinzip)?

Oder von oben Ohren ordern (OOO-Prinzip)?

Oder von unten Unklares unken (UUU-Prinzip)?

Doch bloß xylophonweis Xeroxanthippe spielen (XXX-Prinzip)?

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Lesen besser als Hören?

Ist menschliche Sprache über den Umweg der Schrift effektiver?

Mir fiel beim Schauen von englischsprachigen Spielfilmen, deren Dialoge eins zu eins lesbar unterlegt waren, mehrfach auf, dass ich die jeweilige Rede übers Lesen in weniger als der halben Zeit erfasst hatte, als der Schauspieler brauchte, die Passage aufzusagen.

Natürlich hatte ich damit nur den Inhalt, nicht dessen tonale Interpretation, wobei auch das nicht unbedingt ein Nachteil. Denn die mag ablenken, überdies die vielen Bilder dazu. Die mich allerdings beim Lesen, selbst wenn der Ton und die Bilder dabei, anscheinend viel weniger ablenken.

Wenn nun drei oder gar fünf Leute gleichzeitig durcheinander reden, kann ich das zwar gleichzeitig hören, aber nicht gleichzeitig lesen, wodurch eine Abfolgegewichtung irgendeiner willkürlichen Art immer verzerrend wirken muss.

Hier gilt es, auch daran zu forschen, an wie viel und an was man sich jeweils pro aufgewendeter Zeiteinheit erinnert. Was man über die Charaktere sagen wird, wenn man sie sieht und hört, und was, wenn man nur die Dialoge liest. Und zum Inhalt. Am besten fünf Minuten nach insgesamt gleicher Zeit. Das heißt, ich konnte zweimal lesen.

Wer außer Interesse auch Geld hat, der melde sich bei mir.

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Wir von der Menschenzeit

Hatte ich es kürzlich mit einem, den ich nunmehr einen Freund nennen will, dass wir darauf kamen, wie man sich inzwischen jederzeit von den Entwicklungen überholt sehe, die, bis man einige halbwegs begriffen, schon wieder an einem vorbeizögen.

Er ist noch etwas älter als ich und doch wahrlich, gerade auch was die Entwicklungen im Netz anlangt, nicht nur von gestern.

Ich kam nicht mehr dazu, das, was wir da im Keime schon ansprachen, schon lange in mir gummelt, genauer auszuführen, weshalb ich‘s jetzt versuche.

Die Zeit ist willentlich zu verzögern, anzuhalten, rückwärtig laufen zu lassen, ja umzudrehen.

Anker sind auszuwerfen, Erinnerung ist zu durchleuchten und vergleichen, Zeiten außerhalb der technischen Walze sind ernstzunehmen, Worte über die Jahrtausende zu wägen, die Menschenzeit zu erfassen und erfühlen, die jetzt als die unsere gefragt ist, indem wir den Zeitfressern nicht völlig zur Beute werden wollen.

Es geht da schon gar nicht mehr darum, wie viel Zeit sie uns durch ihre Datenfresserei fressen. Sie fressen uns insgesamt die Zeit weg, Menschenzeit.

Gewinnen wir die Herrschaft über die Zeit nicht zurück, so wird immer weniger Menschenzeit.

Wir können damit anfangen, in die Vorhand zu kommen, dass wir nicht dauernervös, zu viel, zu sorglos, zu schlampig, zu enthemmt, zu schamlos, zu lose, zu undurchdacht, zu beliebig daherreden, alleweil, aber zumal im Netz. So setzen wir Menschenzeit.

Auch damit, dass wir generationenübergreifend wirken. Das schafft Menschenzeit für alle.

Wir brauchen keine „realen“ Zeitreisen. In der Zeit reisen können wir im Kopfe, das reicht.

Wir haben, um in andere Zeiten zu gelangen, in Menschenzeit, Schriften, die nicht umsonst über Jahrhunderte oder mehr auf uns heruntergekommen sind, wo Helden beschrieben, die ihren Weg noch ohne elektrische Hilfe fanden. Die noch ein eigenes Gedächtnis, einen eigenen Weg, die Menschenzeit hatten. Wir von der Menschenzeit haben Zeiten, die der Facebook-Android nicht einmal zu erahnen weiß.

Nein, ich bin nicht schlechter Dinge dessenthalben.

Es gibt schon eine ganze Menge von uns.

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Also sprach Zarathustra

Ich lese nun wieder zum zwölfzichsten Male im Zarathustra herum, gerade wieder in Richtung Ende, habe eben das Eselsfest genossen.

Dies Buch ist eine derartige Fundgrube, dass ich es nunmehr, indem ich den Don Quijote im Laufe der Jahre zuerst auf Deutsch, dann auf Spanisch, inzwischen auch auf Englisch gelesen habe, die Runden auf Italienisch und Französisch noch vor mir, doch nicht mehr auf die gleiche Stufe stellen will, sondern vor dem Quijote an die erste.

Wundersam ist allein schon der Band selbst, der mich seit nunmehr dreißig Jahren bis ins spanische Gebirg und sonstwohin begleitet. Ein einfaches Taschenbüchlein vom dtv (Colli-Montinari-Ausgabe, nur die zählt!), nicht einmal gebunden, auf dessen Rücken wohl auch schon Chorizo geschnitten wurde, völlig verbogen und zerspeckt, und noch ist nicht eine Seite herausgefallen. Wenn es Magie gibt, hier hat sie sich sichtbar gemacht.

Ich wundere mich allein darüber immer wieder, wie sehr ich mich immer wieder über einen Satz, eine Wendung erstmals so wundern kann, wie über Wundersames aufs Neue, noch einmal anders als zuvor. Es ist, als stünde man staunend vor einer Schatzkiste, die dem immer neue bunte Goldstücke und Edelsteine ausgibt, der sie zu heben weiß.

Ich dachte gerade, wer den Zarathustra nicht gelesen hat, der hat recht eigentlich gar kein Buch gelesen. Was natürlich ein grober Unfug ist. Doch selbst solcherlei Narrheit mag einen umglitzern.

Dies buchlange Gedicht narrt selbst noch die ärgste Narretei.

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Also!

Begab sich‘s, dass ich mich mit einem noch jungen Musiker (dreißig) unterhielt, zu Stuttgart, meiner Heimatstadt, wo er nun schon, als Sachse aus dem Erzgebirge, seit zehn Jahren lebt, und so kamen wir auf die typischen Eigenheiten der schwäbischen Mundart, insonderheit, welches Wort an welcher Stelle da besonders auffällig sei.

Ich kam auf dies und das, selles, selliches, sellichdes und selledes (also nicht diese heute schon selten gewordenen hinweisenden Fürwörter, sondern alles mögliche), bis er meinte, nein, alles von mir Aufgezählte sei es nicht, es sei das typisch schwäbische „Also!“, um ein Gespräch, da alles geschwätzt sei, damit zum Aufbruch und zur Tat zu beschließen.

Nach kurzem Bedenk fiel mir auf, dass mir das so wohl noch gar nicht aufgefallen war. Es aber wohl stimmen könne. Betriebstaubheit ganz einfach, das selber, als Schwabe, nicht gemerkt zu haben.

Im folgenden achtete ich darauf. Und, höre da, immer wieder fiel dies „Also!“ unter Schwaben genau so, wie er es vernommen hatte.

Die Sachsen sind eben helle.

 

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Sun Tzus Weisheit

Endlich habe ich Sun Tzus „Kriegskunst“ (sonst: „Die Kunst des Krieges“) ganz gelesen.

Eine Vorgabe, von der ich nie Aufhebens gehört habe, hat es mir besonders angetan.

Abschnitt IX – 26 (meine Version) :

Verbiete die Annahme von Vorzeichen und schaffe abergläubische Zweifel ab. Sodann ist, bis der Tod selbst kommt, kein Unheil zu fürchten.“

Wahrlich, dieser weise Chinese verstand etwas vom Menschen und dem Wirken der Welt.

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