Gut gewettet

Erzählte mir einer, er habe von einer AfD-Veranstaltung mitbekommen, wo man die CSU bei der anstehenden Bayernwahl auf 35 % oder darunter skandierte. (Das Wahlkampfspitzenstreitgespräch demnächst ist übrigens nur Söder gegen Grün. Ein Schelm, der…)

Nun, ich gönne der CSU aufgrund ihrer Verlogenheit jedes Debakel. Und doch meldete ich Zweifel an. So kam es schnell zur Wette um einen Kasten Bier, den ich ab 35 % für die CSU gewinne.

Was für eine geile Wette, so richtig nach meinem Geschmack. Nimmt die CSU die Hürde, so habe ich zum Troste den Kasten Bier. Verliere ich den Kasten Bier, so habe ich noch mehr Trost dafür, dass sie noch darunter liegen und mit jeder Sorte dahergelaufenem Gesindel fürderhin eine noch instabilere Regierung basteln müssen.

Mein Kumpel allerdings, der hat es härter. Denn wenn die CSU es schafft, verliert er doppelt. Schafft sie es indes nicht, so gewinnt er doppelt.

Und auch deshalb sollte er nicht nur den Kasten Bier gewinnen.

Eben lese ich, dass die CSU laut ZDF-Politbarometer gestern tatsächlich bei historisch niedrigen 35 % verortet wurde.

Gute Aussichten also, den Kasten Bier an einen wackeren Patrioten zu verlieren.

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Urlaub von meinen Tugenden

Wenn man, wie Nietzsche meint, auch mal Urlaub von seinen Tugenden machen sollte, so kann das in meinem Falle wohl nur bedeuten, dass ich der ständigen Mäßigung einmal entraten müsse, nicht unbedingt gleich bis hin zur Hybris, aber doch einem gewissen Übermute.

Wie fange ich das jetzt an, dass es nicht gleich wie Zwangsurlaub aussieht?

Gibt es irgendwas, das ich herausplärren könnte, das dem Sinn des Urlaubs gerecht würde?

Also nicht ins Gefängnis, und man hört mich doch?

Dieser Urlaub war schlimmer als Mucken und biblische Plagen. Noch nie wurde es mir abscheulicher, unsinnig grobe Rede zu führen. Ich war schon nach einer von drei Wochen fix und fertig. Bei meinem Lieblingswhisky schließlich geschah es, dass ich das Fluchen wieder lernte, indem ich bemerkt hatte, dass ich ihn kaum noch schmeckte: Welch Frevel, was für eine Undankbarkeit, welch Abweg!

Mit diesem Ausbruch war es um die Sache aber noch lange nicht getan. Denn drei Wochen waren dummerweise öffentlich angekündigt. Ich konnte nicht einfach abbrechen. Ich musste vielmehr endlich wenigstens ein Mal saftig liefern.

Ich musste mir eine Dummheit ausdenken, die so noch nie einer oder nach Eulenspiegel kaum einer ausgeboten hatte, und mir wurde bald klar, dass ich mehr brauchte, als eine Eulenspiegelei, nämlich eine wirksam grelle Verschwörungstheorie.

Ich sann noch drei Tage. Dann brachte ich in Umlauf, dass Angela Merkel von Reichsdeutschen als Tarnfigur dahingehend gesteuert sei, durch das Migrationschaos die Übernahme der Reichsdeutschen erst möglich zu machen.

Das war frech. Aber es saß. Denn auf sowas muss man erstmal kommen, kann man aber, so abwegig es erscheint, doch kommen. Es klappte vollauf.

Ich kam aus meinem Urlaub zurück, und die Leute sahen mich schweigend an. Nicht feindselig die meisten, eher zweiflig. Es war kein gutes Gefühl.

Ansonsten war man froh, dass ich aus dem Urlaub zurücksei, und doch sah ich verstohlene Blicke. Es war klar, dass man mir nicht mehr recht traute, mir mindestens dahingehend nicht mehr traute, dass ich meine Tätigkeit der ständigen Mäßigung wieder aufnehmen werde, werden wolle oder könne, alswie zuvor.

Kurzum, indem ich den einen Alp, jenen verdammten Urlaub von meinen Tugenden, abgeschüttelt zu haben glaubte, hatte ich in dessen Gefolge gleich noch einen zweiten im Genack, diesmal für allen Alltag.

Jetzt stellte ich selbst meinen Lieblingswhisky in den Schrank, aß einen halben Tag lang nur Rohmilchkäse mit Weißbrot und Oliven, trank den besten Roten dazu.

Noch ein paar Wochen, und sie würden mich aufgefressen haben, das war klar. Nach diesem Urlaub werden sie mir nie mehr trauen.

Ich holte doch noch Nüsse. Mein Groll wuchs.

Ich werde sie verklagen. Ich werde ihnen sagen, dass ich gemäß meines Glaubens gehandelt habe. Der mir sagt, dass ich Urlaub von meinen Tugenden nehmen solle, und Urlaub stand mir zu, wurde mir zudem angeraten, jeder weiß, dass ich Nietzscheaner bin, und nun werde ich aufgrund meines Glaubens, vermutlich auch Geschlechts und Alters wie meiner Hautfarbe, von allen Mitarbeitern gemieden, schräg angeschaut, man tuschelt, grinst schräge, ja ich fühle mich gemobbt, her mit der Knete.

Das Ganze endete natürlich in einem mittleren Fiasko. Allerdings für beide Seiten. Von der grellen Verschwörungstheorie blieb so viel hängen, dass mich keiner mehr in einen solchen Sonderurlaub schicken wollte. Ich sagte zu, nicht mehr darauf herumzureiten und wurde, unter Drohungen, einigermaßen ausbezahlt.

Jetzt habe ich erstmal Dauerurlaub und kann mich um meine Tugenden kümmern, wann und wie ich will.

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Von der Matte

Ich lasse mir meine Haare jetzt nicht nur zum Spaß wachsen und auch, weil ich das schon so viele Jahre nicht mehr gemacht habe, sondern ist das überdies ein Sieg der Antideutschen, ich rette mich in meine Feigheit.

Denn, indem das Haar so anfing über den Nacken zu kriechen, begann ich darüber nachzudenken, welche handfesten Vorteile es haben könne, demgegenüber, als Mann in den besten Jahren mit einer bescheuerten Matte herumzulaufen, ob die langen Haare, außer einem gewissen Wärme- und Nackenschutz, denn irgendwas, sozial zumal, brächten.

Und da fiel mir ein, dass mich Antideutsche mit den langen Haaren erstens nicht so leicht als Patrioten verdächtigen oder erkennen werden, und selbst wenn dann doch, ihre Kumpane schwerer auf mich hetzen, denn ein richtig böser Rechter läuft ja nicht in meinem Alter mit so einem Arschgesicht und dann noch so einer Matte rum.

Man könnte sagen, ich fange an, in Tarnung zu gehen. Pro Zentimeter Haar werde ich mindestens einmal weniger in Richtung Nazis gerückt, wenn ich etwas Vernünftiges und wirklich Offenkundiges sage. Das kann einen ganzen Abend retten, vielleicht sogar das Leben.

Ob die Weiber mich für meine Matte für einen Extralummel halten, ist mir schnurz; ein Weib, das nicht sieht, dass ich trotz oder gerade wegen Matte noch einen guten Arsch in der Hose habe, das sollte zum Sehklempner.

Ob lange Haare die Redekunst unterstützen könnten? – die Frage kommt mir erst jetzt beim Schreiben.

Nun, im Winter, ohne Kappe, Wind von hinten, da mögen sie immerhin den Rüsel nicht schon vom Genack her einfrosten lassen. Das wäre allerdings ein Sonderfall, gleichwohl, immerhin.

Vielleicht ersetzen lange Haare auch den Aluhut. Also, dass man so einen gar nicht mehr braucht, gegen die ganzen Strahlenbanditen da draußen. Damit würde man natürlich auch redfester.

Außerdem, hat man gerade keine Schnur, aber doch ein Messer, reicht eine gute Strähne, um so manches abzubinden, feste. Das hieraus gewonnene Sicherheitsgefühl könnte wiederum der Redekunst zumindest nicht schaden.

Mann ohne Schal. Braucht er nicht. Einfach immer schon dran. Keine Angst vor Eiswinden.

Was schwatze ich da herum.

Die Wikinger hatten lange Haare.

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Einer geht noch

Einer geht noch.

Das ist der tödlichste Spruch für jeden Dichter, und er sieht es einfach nicht ein.

Dann sucht er, hilflos zappelnd, nach einem Ankerwort. Nach gleich was, das ihn noch zur Rede berechtigte. Jetzt sucht er schon kein Wort mehr, vielmehr ein Bild, einen Klang, oft auch nur einen Rocksaum.

Erstaunlich nun aber, doch sind Dichter Hungers und Durstes gewohnt, wie der an irgendeinem Zipfel der Wahrnehmung gestrandet, den flugs so festhält, dass er gleich wieder mit seinen sinnlosen und überzogenen und oft auch noch unschicklichen Geschichten anhebt, während seine Gedichte so schlecht sind, wie sie je waren.

Deshalb, weil der Mensch auch Mitgefühl mit den Verirrten hat und solche Gesellen immerhin neue Geschichten bringen, füttert er immer wieder Dichter durch, mancher Wirt hatte am Dichter seine Kundschaft, der Dichter dafür sein Bett.

Kein vernünftiger Mensch traut natürlich diesen Scharen von losgelassenen selbsternannten Dichtern, die sind schlimmer als die Fliegen in einem argen Sommer.

Man darf sie nicht einfach wegklatschen, wenn man sie mit Honig lockt, ist das Fass leer, sie sind meist etwas zerlumpt, dabei frech, wenn sie getrunken haben teils noch frecher.

Aber, das sagen manche Mädels, die legten sich nicht gerne auf Prügel an, hielten davon insgesamt eher wenig. Obwohl nicht alle von denen Weicheier seien, sagen sogar erfahrene Matronen.

Recht eigentlich sind sie ja ein scheues Volk, diese Dichter. Sie sind auch nicht sonderlich als Viehdiebe bekannt. Meistens sind es arme Schlucker.

Es sind derart liebe Trottel, dass man sie in Ruhe lassen sollte.

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Geunkt

Nun, da hier noch nicht einmal der Satzspiegel vernünftig eingerichtet ist, höre ich doch schon das dumpfe Stampfen der Empörten, die irgendwie spüren, dass schon wieder etwas an sie herankommen könne, das nur sie als dumpf empfinden, stets geschüttelt von ihrer sinnlosen Unruhe.

Oh, ich unke.

Vielleicht bleibe ich auch lieber erstmal unten in meinem Pfuhl, da, wo es selbst den Logenbrüdern zu schlickig und zu eklig wird.

Da warte ich dann, sende meine Botschaften nach oben und erfreue mich meines Schlicks alswie der Zarathustra am Berge, warte, bis sie sich so empören, dass sie sich auf den Treppen selber die Hälse brechen.

Dann schaffe ich es als erste Unke, denn bisher gab es nur einen Frosch, zum Menschen zurückgeküsst zu werden.

Ob ich in meinem Alter dann auch noch eine Prinzessin abkriege oder wenigstens eine guterhaltene Grafenwitwe, das weiß ich natürlich noch nicht, aber daran liegt im Ganzen ja auch wenig.

Hauptsache, ich muss nicht mehr unken.

Weißt Du, wie Dir als Unke der Wein schmeckt? Alles?

Gut, wenn ich wieder raufdarf, es wäre mir auch schon eine tüchtige Wirtin lieb.

Nein, ich will jetzt nicht jammern.

Bald bin ich hier raus, und dann ist mächtig was los!

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Vom Lesersiege

Ich sagte kürzlich einem, dass mir zehn gute Leser am Tage zehn Siege bedeuteten. Es sind aber dann eigentlich elf, denn ich bekomme ja auch noch einen.

Das habe ich nicht sehr gut hinbekommen, das war unbedachtes Geschlärr, denn es stimmte die Zahl nicht und der Rest nicht.

Ich meinte ja nur, dass ich mit gleich wie wenigen Lesern immer irgendwie mitsiegen würde, indem ich ihnen ja zu ihrem Siege auch mitverholfen.

Irgendwie ist mir das zu verwirrend, das Ganze, besonders das mit dem Lesersieg. Weiß ich, wie groß des einzelnen Lesers Sieg? Wie süß sein Sieg? Wie sehr ihn sein Sieg trunken machte?

Bin ich der Doktor Allwiss?

Ich will auch nicht zu jeder Siegesfeier jedes Lesers eingeladen werden, man mag zuviel von mir erwarten, weder Damen noch der Art Herren anwesend haben, mit denen ich gerne Verkehr pflege, und damit meine ich nicht deren Äußeres.

Wofern mich nun aber ein Leser vertraulich zu seinem Siege befragen will, darf er das gerne tun. Will er meine Dienste dazu länger in Anspruch nehmen, ist über ein angemessenes Entgelt dafür zu reden.

Ich bin auch bereit, mit Gruppen über ihre Lesersiege zu reden. Ich rede in Sälen und Stadien zu den Lesersiegen meiner Leser. Das bin ich ihnen schließlich schuldig, indem so viel von ihrem Siegesglanz auf mich herabfällt.

Außerdem habe ich ja eine klare kriegerische Grundaufstellung: Wer es schafft, meine Schriften zu verdauen, den heiße ich einen Lesersieger.

Vor solchen Leuten habe ich noch mehr Achtung, als ihnen ein jedes entgegenbringen sollte. Vorboten eines neuen Adels.

Immer mehr Sieger. Und keiner ist dem anderen bös oder neidet ihm seinen eigenen Sieg. Klingt so, wie als ob ich eine Art Siegerparadies einrichten könnte, einfach mit lauter Lesersiegern drin.

Das wird nicht klappen.

Lesersieger wird es gleichwohl geben.

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Wozu Schach?

Nachdem ich als junger Kerl etwas Schach in niedrigen Ligen spielte, erlahmte das Interesse, es kehrte erst nach Jahrzehnten wieder, vor ein paar Jahren.

Das schöne Harte am Schach ist seine unerbittliche Gnadenlosigkeit. Es gibt keine Ausreden. Ein schlechter Zug ist ein schlechter Zug, und gegen einen guten Gegner reicht einer, um zu verlieren. Der Text ist nicht mehr zu ändern.

Diese Strenge stählt.

Auch meine ich, dass es meinem Hirnkasten guttut, wenn er sich nicht nur mit allerlei Geschreibs und Geglotz befasst, sondern auch ein Denken übt, das zwar, mathematisch gesehen, streng binärlogisch, in der menschlichen Wirklichkeit aber nicht nur mit Rechnen zu tun hat, sondern auch mit aus Erfahrung gewonnener Intuition, mit dem schnellen Erfassen, notwendig, von Stellungen, mit zwingender Geschwindigkeit, mit dem Entscheiden jedes Mal.

Entscheidungskraft. Die ist wesentlich im Schach.

In Armenien, einem bitterarmen, gleichwohl stolzen Land, die Armenier beinahe von den Türken vernichtet, ist Schach Schulfach.

Mindestens als Wahlschulfach, anstatt Schwachsinnsenglisch in der Grundschule, indem kaum einer noch Deutsch oder Mathe kann, wünschte ich mir das auch für Deutschland.

Es gibt genügend – in dem Falle für mich glaubwürdige – Studien, dass das Schachspiel das logische Denkvermögen gerade bei Kindern befördert, ja selbst, indem man für jeden Sieg wie für jede Niederlage ausschließlich selbst verantwortlich, selbstverantwortlich ständig Entscheidungen treffen muss, das echte Selbstbewusstsein fördern kann.

Ich meine nicht, dass Kinder dazu gezwungen werden sollten. Davon halte ich gar nichts. Ein schlechter Schachspieler ist nicht ein dummer Mensch.

Andersherum sind aber die besten Schachspieler meist sehr reflektierte Menschen, oft echte Vorbilder in ihrer Sportlichkeit, von ihrer Tapferkeit gar nicht zu reden.

Und ist ja merkwürdig, dass das Schach, indem kein Mensch darin mehr mit den Maschinen mithalten kann, doch weiterhin so anziehend, allzumal indem in diesem Sport gerade einmal ein paar handvoll Leute davon als Profis ordentlich leben können. Jeder Fußballregionalligaspieler verdient mehr als ein mittlerer Großmeister je.

So gesehen ist Schach eben ein Ehrensport. Millionen betreiben ihn, aber kaum einer verdient auch nur Tausender daran.

Insofern kann man auch ansetzen, dass es ein aristokratischer Sport sei. Allzumal die, welche nichts davon verstehen, wirklich nichts davon verstehen. Von Fußball versteht jeder etwas. Ist ja auch nicht schwer. Guter Spielzug, Ball im Tor. Schlecht geköpft, daneben.

Und: Selbst die Maschinen haben das Schach noch nicht ganz ausgerechnet. Schätzungen der insgesamt möglichen Partien gehen in Richtung von zehn hoch einhundertzwanzig. Damit an die Grenze oder über die Grenze des überhaupt je Ausrechenbaren.

Und: Die Maschinen haben die menschlichen Schachspieler, da sind sich alle Großen einig, in ihrem Schachspielen noch beflügelt, zumal indem sie zeigten, dass bislang als unhaltbare Stellungen angesehene doch zu halten sind, die Maschinen teils Material opfern, als wären sie Michail Tal, der große Opferweltmeister.

Wo sonst haben die Binärrechner den Menschen bisher geistig weitergebracht?

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