Einer geht noch

Einer geht noch.

Das ist der tödlichste Spruch für jeden Dichter, und er sieht es einfach nicht ein.

Dann sucht er, hilflos zappelnd, nach einem Ankerwort. Nach gleich was, das ihn noch zur Rede berechtigte. Jetzt sucht er schon kein Wort mehr, vielmehr ein Bild, einen Klang, oft auch nur einen Rocksaum.

Erstaunlich nun aber, doch sind Dichter Hungers und Durstes gewohnt, wie der an irgendeinem Zipfel der Wahrnehmung gestrandet, den flugs so festhält, dass er gleich wieder mit seinen sinnlosen und überzogenen und oft auch noch unschicklichen Geschichten anhebt, während seine Gedichte so schlecht sind, wie sie je waren.

Deshalb, weil der Mensch auch Mitgefühl mit den Verirrten hat und solche Gesellen immerhin neue Geschichten bringen, füttert er immer wieder Dichter durch, mancher Wirt hatte am Dichter seine Kundschaft, der Dichter dafür sein Bett.

Kein vernünftiger Mensch traut natürlich diesen Scharen von losgelassenen selbsternannten Dichtern, die sind schlimmer als die Fliegen in einem argen Sommer.

Man darf sie nicht einfach wegklatschen, wenn man sie mit Honig lockt, ist das Fass leer, sie sind meist etwas zerlumpt, dabei frech, wenn sie getrunken haben teils noch frecher.

Aber, das sagen manche Mädels, die legten sich nicht gerne auf Prügel an, hielten davon insgesamt eher wenig. Obwohl nicht alle von denen Weicheier seien, sagen sogar erfahrene Matronen.

Recht eigentlich sind sie ja ein scheues Volk, diese Dichter. Sie sind auch nicht sonderlich als Viehdiebe bekannt. Meistens sind es arme Schlucker.

Es sind derart liebe Trottel, dass man sie in Ruhe lassen sollte.

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Geunkt

Nun, da hier noch nicht einmal der Satzspiegel vernünftig eingerichtet ist, höre ich doch schon das dumpfe Stampfen der Empörten, die irgendwie spüren, dass schon wieder etwas an sie herankommen könne, das nur sie als dumpf empfinden, stets geschüttelt von ihrer sinnlosen Unruhe.

Oh, ich unke.

Vielleicht bleibe ich auch lieber erstmal unten in meinem Pfuhl, da, wo es selbst den Logenbrüdern zu schlickig und zu eklig wird.

Da warte ich dann, sende meine Botschaften nach oben und erfreue mich meines Schlicks alswie der Zarathustra am Berge, warte, bis sie sich so empören, dass sie sich auf den Treppen selber die Hälse brechen.

Dann schaffe ich es als erste Unke, denn bisher gab es nur einen Frosch, zum Menschen zurückgeküsst zu werden.

Ob ich in meinem Alter dann auch noch eine Prinzessin abkriege oder wenigstens eine guterhaltene Grafenwitwe, das weiß ich natürlich noch nicht, aber daran liegt im Ganzen ja auch wenig.

Hauptsache, ich muss nicht mehr unken.

Weißt Du, wie Dir als Unke der Wein schmeckt? Alles?

Gut, wenn ich wieder raufdarf, es wäre mir auch schon eine tüchtige Wirtin lieb.

Nein, ich will jetzt nicht jammern.

Bald bin ich hier raus, und dann ist mächtig was los!

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Vom Lesersiege

Ich sagte kürzlich einem, dass mir zehn gute Leser am Tage zehn Siege bedeuteten. Es sind aber dann eigentlich elf, denn ich bekomme ja auch noch einen.

Das habe ich nicht sehr gut hinbekommen, das war unbedachtes Geschlärr, denn es stimmte die Zahl nicht und der Rest nicht.

Ich meinte ja nur, dass ich mit gleich wie wenigen Lesern immer irgendwie mitsiegen würde, indem ich ihnen ja zu ihrem Siege auch mitverholfen.

Irgendwie ist mir das zu verwirrend, das Ganze, besonders das mit dem Lesersieg. Weiß ich, wie groß des einzelnen Lesers Sieg? Wie süß sein Sieg? Wie sehr ihn sein Sieg trunken machte?

Bin ich der Doktor Allwiss?

Ich will auch nicht zu jeder Siegesfeier jedes Lesers eingeladen werden, man mag zuviel von mir erwarten, weder Damen noch der Art Herren anwesend haben, mit denen ich gerne Verkehr pflege, und damit meine ich nicht deren Äußeres.

Wofern mich nun aber ein Leser vertraulich zu seinem Siege befragen will, darf er das gerne tun. Will er meine Dienste dazu länger in Anspruch nehmen, ist über ein angemessenes Entgelt dafür zu reden.

Ich bin auch bereit, mit Gruppen über ihre Lesersiege zu reden. Ich rede in Sälen und Stadien zu den Lesersiegen meiner Leser. Das bin ich ihnen schließlich schuldig, indem so viel von ihrem Siegesglanz auf mich herabfällt.

Außerdem habe ich ja eine klare kriegerische Grundaufstellung: Wer es schafft, meine Schriften zu verdauen, den heiße ich einen Lesersieger.

Vor solchen Leuten habe ich noch mehr Achtung, als ihnen ein jedes entgegenbringen sollte. Vorboten eines neuen Adels.

Immer mehr Sieger. Und keiner ist dem anderen bös oder neidet ihm seinen eigenen Sieg. Klingt so, wie als ob ich eine Art Siegerparadies einrichten könnte, einfach mit lauter Lesersiegern drin.

Das wird nicht klappen.

Lesersieger wird es gleichwohl geben.

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Wozu Schach?

Nachdem ich als junger Kerl etwas Schach in niedrigen Ligen spielte, erlahmte das Interesse, es kehrte erst nach Jahrzehnten wieder, vor ein paar Jahren.

Das schöne Harte am Schach ist seine unerbittliche Gnadenlosigkeit. Es gibt keine Ausreden. Ein schlechter Zug ist ein schlechter Zug, und gegen einen guten Gegner reicht einer, um zu verlieren. Der Text ist nicht mehr zu ändern.

Diese Strenge stählt.

Auch meine ich, dass es meinem Hirnkasten guttut, wenn er sich nicht nur mit allerlei Geschreibs und Geglotz befasst, sondern auch ein Denken übt, das zwar, mathematisch gesehen, streng binärlogisch, in der menschlichen Wirklichkeit aber nicht nur mit Rechnen zu tun hat, sondern auch mit aus Erfahrung gewonnener Intuition, mit dem schnellen Erfassen, notwendig, von Stellungen, mit zwingender Geschwindigkeit, mit dem Entscheiden jedes Mal.

Entscheidungskraft. Die ist wesentlich im Schach.

In Armenien, einem bitterarmen, gleichwohl stolzen Land, die Armenier beinahe von den Türken vernichtet, ist Schach Schulfach.

Mindestens als Wahlschulfach, anstatt Schwachsinnsenglisch in der Grundschule, indem kaum einer noch Deutsch oder Mathe kann, wünschte ich mir das auch für Deutschland.

Es gibt genügend – in dem Falle für mich glaubwürdige – Studien, dass das Schachspiel das logische Denkvermögen gerade bei Kindern befördert, ja selbst, indem man für jeden Sieg wie für jede Niederlage ausschließlich selbst verantwortlich, selbstverantwortlich ständig Entscheidungen treffen muss, das echte Selbstbewusstsein fördern kann.

Ich meine nicht, dass Kinder dazu gezwungen werden sollten. Davon halte ich gar nichts. Ein schlechter Schachspieler ist nicht ein dummer Mensch.

Andersherum sind aber die besten Schachspieler meist sehr reflektierte Menschen, oft echte Vorbilder in ihrer Sportlichkeit, von ihrer Tapferkeit gar nicht zu reden.

Und ist ja merkwürdig, dass das Schach, indem kein Mensch darin mehr mit den Maschinen mithalten kann, doch weiterhin so anziehend, allzumal indem in diesem Sport gerade einmal ein paar handvoll Leute davon als Profis ordentlich leben können. Jeder Fußballregionalligaspieler verdient mehr als ein mittlerer Großmeister je.

So gesehen ist Schach eben ein Ehrensport. Millionen betreiben ihn, aber kaum einer verdient auch nur Tausender daran.

Insofern kann man auch ansetzen, dass es ein aristokratischer Sport sei. Allzumal die, welche nichts davon verstehen, wirklich nichts davon verstehen. Von Fußball versteht jeder etwas. Ist ja auch nicht schwer. Guter Spielzug, Ball im Tor. Schlecht geköpft, daneben.

Und: Selbst die Maschinen haben das Schach noch nicht ganz ausgerechnet. Schätzungen der insgesamt möglichen Partien gehen in Richtung von zehn hoch einhundertzwanzig. Damit an die Grenze oder über die Grenze des überhaupt je Ausrechenbaren.

Und: Die Maschinen haben die menschlichen Schachspieler, da sind sich alle Großen einig, in ihrem Schachspielen noch beflügelt, zumal indem sie zeigten, dass bislang als unhaltbare Stellungen angesehene doch zu halten sind, die Maschinen teils Material opfern, als wären sie Michail Tal, der große Opferweltmeister.

Wo sonst haben die Binärrechner den Menschen bisher geistig weitergebracht?

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