Versteigere alle meine mir zustehenden Impfdosen (III)

Jetzt überschlagen sich die Dinge vollends.

Vorhin hat einer unserer Inlandsgeheimdienste bei mir anrufen lassen, es werde langsam bedenklich, denn die Impfstoffhersteller schlichen mir schon ums Haus und hörten mich selbst im Schlafe noch ab, für ihre Marketingkampagnen herauszufinden, wessen Erzeugnis ich denn tatsächlich versteigern wolle.

Das ist mir noch nie passiert. Denn normalerweise rufe ich die an, und nicht umgekehrt. Es war zwar eine technisch perfekt verzerrte Stimme, man gab mir aber ein sechsunddreißigstelliges Passwort, um zu verifizieren, dass der Anruf ansonsten echt.

Man habe ernsthafte Bedenken um meine Sicherheit. Alle Herstellerfirmen stünden schon lange unter permanenter Beobachtung, das sei ein Gebot der nationalen Sicherheit. Ich solle mich bei Bedenken jederzeit über das Passwort einloggen, ich sei inzwischen systemrelevant. („Auch noch du loses Arschloch!“ ward nicht direkt gesagt, klang über die signifikanten Tonpausen indes trotz Verzerrung deutlich durch.)

Ich solle die Versteigerung unbedingt bis mindestens einen Monat vor der anstehenden Bundestagswahl zum Abschluss bringen. Ansonsten garantiere man für nichts. Man könne auch jetzt nicht Tag und Nacht zehn Beamte gen Rohrbach abstellen, denn das fiele nicht nur den Mitdörflern, sondern auch den diversen Gegenseiten sonst bald zwangsläufig auf. Ich solle so tun, als wäre alles ganz normal. Also im Bus wie immer dumm rausschwätzen oder meinen Cicero lesen und mich wie gewohnt am Hintern kratzen. Die üblichen schrägen Kalauer absondern und beim Aussteigen über den Scheißendrecksrotzlappen zum Abziehen laut fluchen. Meinen Bundeswehrrucksack jetzt bloß nicht durch einen meiner zivilen ersetzen. Meine Deppenkappe auf, meinetwegen noch jene unsägliche Wollmütze, auf keinen Fall aber einen meiner Borsalinos oder Mayserhüte. Keine frische Hose oder gar noch ein verdachtserregendes Wams. Allenfalls dürfe ich frisch gewichste Stiefel tragen, denn so kenne man mich. Rasieren dürfe ich mich auch, denn das sei bei mir nicht sonderlich auffällig, da ich das ja hin und wieder täte. Wofern mir darnach sei, sei auch gegen den kleinen Haarkrebs nichts einzuwenden. Den mir kürzlich von U. geschenkten Lapislazuli an der schönen gelborangenen Bergsteigerschnur aus meinem Schuhputzkasten solle ich aber keinesfalls anlegen. Schmuck an mir, das fiele jedem sofort auf. Ruhe bewahren und zumal mentale wie äußerliche Konsistenz, das sei jetzt alles.

Und so ging das fast eine Viertelstunde weiter. Ich solle wie gewohnt zweihundert Meter vor dem Lidl an gewohnter Stelle mein Mittagsbier abseichen. Unter keinen Umständen je die Maske (nur die schon gut verdreckte mit dem roten X darauf) länger aufgesetzt halten als vorgeschrieben. Und meine lange Winterhose anbehalten, egal wie warm der Tag schon werden könne. Die Fachleute der Gegenseite sähen am Faltenwurf der Überhose ganz genau, ob ich eine drunterhätte oder nicht. Das könne dann darauf hinweisen, dass ich plötzlich genug Geld für ein normales Heizen, mich gar für einen Behördenflur zu einem längeren konspirativen Treffen bei deutlich über zwölf Grad Celsius vorbereitet hätte. Haare nicht waschen!!! Unbedingt den stinkerten Bundeswehrpulli anlassen! Keine Experimente! Null Extravaganzen!

Ich frug dann noch, wie viel Knoblauch ich weiterhin essen dürfe, wie oft vor dem Bus schon scheißen. Knoblauch sei OK, scheißen dürfe ich so viel ich wolle, nur nicht im Bus.

Ich weiß jetzt endlich, was die Jungs da tatsächlich draufhaben. Wie gut sie sich darum kümmern, dass Systemrelevanz niemandem auffällt.

Einziger echter Wermutstropfen: Ich solle das Zwischenergebnis der Versteigerung nicht schon am 29. Feber rausgeben. Daran sei frühestens im Mai zu denken.

 

 

 

 

 

 

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