Schreibe nicht „für den Leser“ (dem Nachwuchse)

Ja, schreibe möglichst allgemeinverständlich, oder eben auch mit Fachbegriffen, wenn es im Sinne der Wissenschaft notwendig, mit Schachtelsätzen und Stilfiguren, wo das erst die rechte Würze geben mag, insgesamt aber schreibe nicht „für den Leser“.

Anders nämlich als in einem privaten Brief, wo du eine dir schon bekannte Person direkt ansprichst, bringt dich das nur ab vom eigenen echten Wege. Denn du kennst deine möglichen Leser ja größtenteils nicht, weder die heutigen noch gar die künftigen. Wie solltest du dein Bestes geben können, wenn du nach dem Motto „immer an den Leser denken“ schreibst?

Natürlich schadet es in vielen Fällen keineswegs, ein wenig darüber nachzudenken, wen Du vermutlich wie erreichen willst und kannst. Aber immerzu? Traust du deinen eigenen Gedanken und Worten nicht? Geht es dir viel mehr um Reichweite als um die Sache?

Geht es dir mehr um Reichweite (was für eine Reichweite ist das, wenn man der Masse nach ihrem Geschmacke schreibt oder sie lediglich manipulieren will?), so bist du ein billiger Lohnschreiber oder gar schierer Propagandist. Dann kannst du jetzt getrost aufhören zu lesen.

Im anderen Falle geht es ja gerade ganz wesesentlich um DEINE Gedanken, DEINEN Ausdruck, und zwar erst recht dann, wenn die Dinge schwierig und gefährlich, gerade womöglich so gut wie niemand etwas davon wissen will. Selbsttreue schaffe Textreue.

Derweil mag irgendein verhältnismäßig läppischer frivoler Spaß, in den du gar keinen großen Ernst gelegt, fast nur eine Fingerübung, bald einen Haufen Leute beeindrucken, während das, worauf du mächtig stolz bist, erstmal keinen Hund hinterm Ofen hervorlockt.

Selbstverständlich liegt die Sache etwas anders (nicht grundsätzlich, aber eben doch), wenn du beispielsweise für ein gutes Buch ein Vorwort oder Nachwort zu schreiben gebeten wirst. Denn da musst du zurückstehen und in der Tat an die in diesem vermutlich hauptsächlich angesprochenen Leser denken, die Absicht und Ausführung des Autors, da bist du eben auch Dienstleister, der sich zwar nicht selber verraten darf, aber oft eine Kapriole oder einen Scherz, eine Anspielung, irgendein Geschwurbel oder eine Sprachakrobatik, die du selber gerne reingetan hättest, bei dir selber jederzeit, schlicht weglassen. Hier ist nunmal vergleichsweise mehr Pflicht als Kür verlangt.

In solchen Fällen liegt die Sache ähnlich wie wenn du eine wirklich gute, texttreue Übersetzung abzuliefern hast. Auch da mag es dich manchmal jucken, einen Einfall unterzubringen, der dir allzusehr gefällt, die Sache sozusagen aufzuwürzen, was dir aber hier nicht zusteht.

Sowieso gebe ich den uralten Rat, dass du dich im ernsthaften Übersetzen üben solltest. Da musst du nämlich auch sprachliche Formen beherrschen lernen, die ansonsten so noch eher gar nicht deine sind. Kaum etwas bringt darin weiter.

Und auch da schreibst du ja nicht „für den Leser“, sondern dafür, dass der Urtext möglichst sauber in die Zielsprache gebracht wird.

Taugt dir der Text schon gleich nicht recht, so lehne den Auftrag ab und übe dich stattdessen an anderen. Nimmst du den Auftrag an, so gib, selbst unter gelegentlichen Schmerzen, dein treulich Bestes.

Wir hätten nie einen Schiller, Kleist oder Hölderlin gehabt, hätten die ständig an „den Leser“ gedacht.

 

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