Halloween 2020: Finaler Maskenball zu Berlin

Willi rief mal wieder aus Berlin an und war ganz aufgeregt: „Du, Magnus, hast du mitbekommen, dass Rauchen und Trinken gegen Corona schützen könnte?“

„Wahrscheinlich kommt es darauf an, wer wann wie viel und was raucht und trinkt. Also beispielsweise dreißig Kippen am Tag und acht fette Joints und ein halbes Fass Rum, ich glaube, das hilft den wenigsten. Ich denke, Ihr raucht und trinkt schon genug in Deiner WG. Haut zur Sicherheit vielleicht noch jeden Tag ein paar Zehen rohen Knoblauch oben drauf und fresst die Biozitronen in den Longdrinks mit Schale dazu. Da reicht dann einer. Ansonsten empföhle ich eher Wein, wegen der Radikalenfänger und gegen Sachen wie Hirnverkalkung und Herzkasper. Oder hat schon einer von Euch Corona?“

„Nö… Aber eigentlich würde ich ja gerne… Keine Partys mehr… Ach, vergiss es.“

„Oh je… Ich ahne es schon. Du würdest gerne vollkommen abgefahrene Untergrundparties organisieren, an die man sich in der Hauptstadt noch lange erinnern wird, nachdem Du wieder aus dem Knast bist.“

„Hey, Magnus, was haben wir hier in Berlin noch zu verlieren? Wenn ich und die anderen jetzt nichts machen, stirbt bald die ganze Stadt. Und dann kommt Brandenburg gleich mit runter. Dann muss ich hoffen, dass ich irgendwo in Sachsen Asyl bekomme, als einer von viel zu vielen abgestürzten Berlinern.“

„Du und die anderen? Du zettelst etwa nicht schon eine Verschwörung gegen den Senat an?“

„Wir legen schon zu Halloween los. Mit Maskenbällen, wie sie Berlin noch nie gesehen hat. Mit Livestreams und allen Schikanen. Wir haben Trommler und Trompeter, natürlich jede Menge beweglichen Sound, Feuerzeuge, Wunderkerzen und Taschenlampen für die Lichtermeere, Tänzerinnen vor dem Herrn, Barden und Bänkelsänger (da wunderte ich mich, wo er das herhatte), Coronamonster ohne Ende, noch viel mehr Überraschungen, also fast alles außer Feuerschluckern und einem unangemeldeten Großfeuerwerk.“

Ich versuchte, ihn mit Hinweis auf die schon sehr unlustige Staatsmacht wiederum ein wenig runterzubringen: „Mit wie vielen Festnahmen rechnest du, und mit welchen folgenden Strafen für einfache Teilnehmer und dann zumal Organisatoren?“

„Wir werden einfach sagen, dass wir stets alle Masken getragen haben, jedenfalls dort wo und wann immer eine entsprechende Vorschrift galt, und dann sollen sie uns erstmal das Gegenteil beweisen. Und natürlich werden es alles Spontandemos. Muss man nicht anmelden. Masse davon.“

„Dann dürft ihr euch aber nicht schon deutlich vorher auf doof auf euren Schmerzphonen verabreden. Sonst hat euch die Polente gleich oder nachher garantiert.“

„Magnus, wir sind nicht blöde.“

„OK. Habe ich ja auch nicht gesagt.“

„Fahr doch einfach her und mache mit. Ein bisschen frische Berliner Luft könnte dir mal wieder guttun. Sowieso, wo ist dein Kämpferherz geblieben, dein alter Elan?“

„Naja, irgendwo sehr heimlich übernachtet oder halt im Park, da könnte ich aus eurem Höchstrisikokatastrophengebiet irgendwie zurück nach Hause gelangen, ohne dass man mich dann zwei Wochen lang dort einsperrt. Und wenn man in Berlin anlässlich der Sache meine Personalien aufnimmt, bin ich fast garantiert geliefert. Eine Geldstrafe obendrauf.“

„Aalteeer! Was bist du für ein Weichei! Die Party wird um die Welt gehen!“

„Also gut, ich überleg’s mir. Wir reden nochmal.“

„Denn jute Nacht Alter.“

„Nacht Willi.“


Inzwischen haben wir nochmal geredet, ich kann aus Geheimhaltungsgründen hier natürlich nicht sagen, auf welchem Wege und ob überhaupt ich nach Berlin fahren werde und zumal zurück.

Willi schlug mir vor, ich solle doch einfach eine Konfuzius- oder Nietzschemaske mitbringen und im künstlerischen Kontrast zum Rest ein wenig wanderpredigen und mich gelehrigen Schülern zuwenden. „Sieht und merkt ja keiner, dass dich gar nicht interessiert, was du gerade erzählst, nur Zeit gewinnen willst, leicht angetrunkene Studienrätinnen angraben zu können.“

Berliner Schnauze halt. Ich verwies das also nicht, und Willi kam richtig in Fahrt.

„Du könntest auch als Scheinkrüppel oder zerlumpter Bettler gehen. Es gibt Leute, die haben es mit dem Mitleiden, auch und zumal Weiber. Oder als Bill Gates. Oder Hillary Clinton. Kriegst wahrscheinlich nicht einmal dann eine gescheuert. Oder du setzt dir einfach eine Art schrumpeligen Maskenarsch auf und gehst gleich als Merkel. Alles geht, Magnus.“

Willi hat mich fast. Doch werde ich im Falle als Waldschrat gehen (klappbare Kafkaüberhelme aus Pappe zum Zwischenspaße sind vorort schnell gemacht, hat man Stift und Klebeband). Das ist auch insgesamt optimal für die Ausrüstung. Gescheite Stiefel, dicker Filzhut, Rucksack, lange halbzottelige Haare, alles wetterfest, genug Notration. Glaubwürdiger kann ich fast nicht auftreten. Es macht dann wenig bis nichts, wenn es mich nicht zum ersten Mal in einen Herbstmatsch reinwichst und ich im Park schlafen muss. Hauptsache Party und der Söder kriegt mich nicht.

 

 

 

 

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