Coronawahn: Reaktionsmechanismen

Ein Freund erklärte mir gestern am Telefon, das Thema Corona hänge ihm inzwischen deromaßen zum Halse heraus, er wolle darüber gar nicht mehr reden oder auch nur nachdenken.

Mich beinahe dafür entschuldigend, dass ich sozusagen noch nicht so weit sei, ihm darin auch schwerlich folgen könne, da es für einen publizistisch Tätigen nunmal das Thema dieser Zeit, ich wohl kaum aufgeben werde, bis die Sache ausgefochten, sicherte ich ihm zu, ihn darauf nicht mehr anzuquatschen.

Ich kann ihn derweil sehr gut verstehen. Alleweil dass er, indem ihn mit seiner Familie die Sache ohnehin täglich heimsucht, nicht auch noch mit mir Nervensäge über unsere tägliche Demütigung und Schande reden will.

Insgesamt aber sehe ich da – denn ähnlich wie er haben viele gestrichen die Schnauze voll – durchaus ein Problem. Ist es nämlich zwar durchaus verständlich, dass man in einem Gebiet, das immerzu stechmücken- und kakerlaken- und giftschlangenverseucht, es fehlt auch nicht an Wurmkrankheiten, Krokodilen, Vogelspinnen und Flugvampiren, einen eher stoischen Weg einschlägt, sich nicht Tag und Nacht die Stimmung zu verderben: Doch wird man schwere Plagen nicht los oder ihrer wenigstens halbwegs Herr, indem man sie wegzuignorieren versucht. Damit kommen nämlich nur Bettelmönche durch, solange man ihnen was in die Schüssel tut.

Ich sehe darin sogar eine erhebliche Gefahr. Man sich an die „Neue Normalität“ irgendwann achselzuckend gewöhnen tut. Einfach um nicht dauernd daran denken zu müssen, welchem gigantischen organisierten Verbrechen globalen Ausmaßes man unterworfen ist, entrechtet, nur noch Untertan eines dreisten Lugengesindels. Also sich gewöhnen man tut, womit genau das erreicht und stetig fortsetzbar, ja noch erweiterbar, was das vollkommen skrupellose Banditentum will.

Ich werde meinen Freund jetzt nicht darauf ansprechen, denn vermutlich weiß er das alles ganz genau, hat aber trotzdem und gerade erst recht keinen Bock mehr auch nur noch einen eigenen Hirnfunken freiwillig an diese granatenmmäßige Quadratsscheiße zu vertun. Immerhin denke ich, dass er in seiner Art, nicht mehr darüber reden oder sich auch nur noch damit befassen zu wollen, für manchen auch ein Zeichen setzt. Denn er kennt eine Menge Leute, denen er dies Signal, durchaus als Zeichen des Widerstandes, wohl sobald gefordert aussendet.

Im privaten Verkehr beschränke ich mich zu Corona auch schon lange auf kurze schräge Witze und halb unterdrückte kleine Flüche, anders natürlich auf Demos und meinen Einmannkundgebungen. Denn es ist nichts erreicht, womöglich das Gegenteil, wenn man den Leuten ungefragt auf den Sack geht. So habe ich mir so fest als möglich vorgenommen, zu meinem Geburtstag demnächst keinen Gratulanten durch Coronalästereien zu verdrießen. Also nur, wenn keck dazu gefordert.

Auch habe ich mich dazu entschlossen, indem das ganze Dorf eh schon weiß, dass ich gelegentlich widerständig gen Karlstadt und zumal Würzburg ausrücke, hier kein provokantes Plakat, keine Lehrtafel in die Hofeinfahrt zu stellen, gar oben in dem Fensterchen zur Straße hin zu plazieren, wo früher mal eine Madonna stand. Es juckt mich zwar seit langem jeden Tag, ich will aber in meinem Wehrdorf, wo nie jemand Maske trägt, keinen Ärger heraufbeschwören, auf unserer kleinen fränkischen Insel der immer noch fast Glückseligen, gar noch als reingeschmeckter Schwab.

Gleichzeitig habe ich mir aber auch verordnet, niemals gleichgültig diesen Scheißendrecksrotzlappen aufzusetzen, wenn es im Bus oder Laden eben nicht anders geht. Da will ich mich bewusst weiter ärgern, einfach um meine Selbstachtung nicht zu verlieren, und wenn es bis an mein Lebensende nötig. Hier wären für mich Gewöhnung in die Gleichgültigkeit, in die „Neue Normalität“, eine unerträgliche Form schändlichster Kapitulation. Mindestens einmal reinfluchen und einmal wieder rausfluchen. Damit man nie vergisst.


Nachtrag

Was ich hier in Rohrbach vielleicht trotzdem wieder mache, ist draußen an der Tafel ein Plakat malen. Denn das letzte Mal kam eine überaus freundliche und interessierte ältere Frau vorbei, sah schon einige meiner deftigen Wortschöpfungen zum Maskenthema und lachte dazu, wir wechselten einige Worte zur Kindesmisshandlung, und das scheint nicht geschadet zu haben. Jedenfalls grüßen die Leute mich noch, manche, zumal ältere, bilde ich mir das nicht ein, sogar freundlicher als vordem.

Also höchstens kleine Schaueinlagen, kein dauerhaftes Rausreizen. Viele sind unsicher, nervös, wissen nicht, was gespielt wird. Und ist hier eh alles anders. Wenn ich die Klingel nicht höre, latscht nicht nur der Kaminfeger einfach mal ungefragt ins Haus und die Treppe hoch, bis dass ich trotz Bachklängen sein heftiges Türklopfen höre. Rustikal eben.

Natürlich macht man das eher bei mir als bei jedem, so viel Vertrauen habe ich mir redlich verdient (mein Unterfränkisch ist inzwischen recht beachtlich, immerhin schon das halbe Leben in diesen wundersamen mundartlichen Zonen durchgehalten). Und derweil bin ich zu allen gut, indem man mit einer gewissen Anerkennung weiß, dass dieser Schwab, wenn dazu genötigt, auch also laut und deutsch und deutlich werden kann wie der härteste Franke. (Es gibt keine Härteren.)

Wir sind hier in einem anderen Orbit. Mit dem ich mich im Bus immer am lustigsten unterhalte, das ist ein eingefleischter Linker, der jederzeit offen deklamiert, dass er die Linkspartei wählt. Und jeder weiß, dass ich zu Zeiten eher die AfD gewählt hätte. So machen wir Muppetsshow im Bus – er weiß viel, ich manches, langweilig wird es nie – , und die beifahrende Jugend wundert sich.

Von ihm weiß ich auch, dass Karlstadt recht eigentlich nicht „Karscht“ heißt (je nach Laune mit langem oder kurzem „a“), sondern „Korscht“, mit einem kurzen „o“. In Mühlbach aufgewachsen, ein autodidaktischer Historiker auch sonst vor dem Herrn, traue ich zwar den verschiedenen Lautqualitäten des „o“ noch nicht so recht, nehme es ihm aber, der selbst römische noch am Feld findet, als bare Münze ab.

Am liebsten riefe ich hier das coronafreie Paradies aus. Das aber wäre zu unchristlich. Achso, ja, der erwähnte Spezi wird zwar immer ein bisschen nervös, wenn ich die Runen ins Spiel bringe, aber ein ausgesprochener Jesusjünger ist er als Linker eben auch nicht.

Kurzum, wir haben hier eine kleine Republik, die nur formalrechtlich zu Karlstadt gehört (jener nahegelegenen Großstadt mit vielleicht 10 000 verwirrten echten Stadtbewohnern), aber eigenen guten alten Regeln folgt.

 

 

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