Marken jagen Verbraucher

Ich nenne hier nach einigem Bedenk keine Firmen- bzw. Markennamen, denn das möchte nur stören.

Die ganzen Großkonzerne, die sich mit breiter Brust für die Plünderer, Brandstifter, Terroristen und Mörder von Black Lives Matter stark machen, will ich hier auch nicht thematisieren, allzumal ich sie dafür schwerlich sämtlich boykottieren kann. (Bei Gilette, der Firma, die sich ohne Muttergesellschaft ob ihrer männerfeindlichen Propaganda wohl ganz runiert hätte, fällt das leicht.)

Wenn mir aber bei der von mir in der Regel favorisierten deutschen Drogeriemarktkette garantiert veganes und zudem glutenfreies Meersalz verkauft wird, und an der Kasse grinst mich die Klima-Superheldin Langstreckenluisa auf der Titelseite der Firmenzeitschrift an, fühle ich mich nochmals veräppelt.

Dann finde ich bei einem großen Discounter einen ausgezeichneten Haselnusslikör, und auf dem Rückenetikett steht im Ernst: „Österreichs erster klimaneutraler Spiritouosenerzeuger.“ – Mit etwas (schleich di!) Widerwillen trinke ich den also preiswerten wie ausgezeichneten Saft trotzdem, gerne aromatisiere ich mein Eis mit zwei oder drei Teelöffelchen davon.

Und dann fahre ich unschuldig mit dem Bus durch unsere herrliche Landschaft und gewahre eines großen Schildes, wo doch genau die bekannte Senfmarke als klimaneutral produziert sich anpreist, die ich seit Jahren immer wieder gerne kaufe und wovon gerade noch ein Glas in mittelscharf in meinem Kühlschrank steht.  Und, ich Erztor, erst indem ich mich eben beim Schreiben dessen erinnere, beim letzten gewohnten Kauf nicht extra aufs Etikett geschaut zu haben (was ich bei Unbekanntem immer mache, bei Bekanntem nur in gewissen Abständen), hole ich jetzt das Glas raus, und siehe da, darauf steht:

ICH BIN

KLIMANEUTRAL

Nun bekomme ich um die Hälfte einen ähnlichen, etwas weniger guten Senf, beim Kauf weniger schlechtes Gewissen (ich bin garantiert nicht klimaneutral, Leben ist nie klimaneutral, auch nicht Senfkochen oder Schnapsbrennen), aber, besser noch, ich weiß zwei gute deutsche Senfmarken, die mir zu etwa demselben Preis etwa dieselbe Qualität bieten, wie der (einst?) geschätzte königlich-bayerische Gretasenf.

Vor ein paar Tagen schaltete ich denn auf YouTube einen Sportschuhspot unachtsamerweise gleich weg, da es gleich eingangs hieß (sinngemäß oder wörtlich – Nachtrag 13.9.: Es hieß „den Planeten nicht retten…“ – Anzeige von Zalando und Adidas gegen Plastikmüll, hehe): „Wir können zwar für Sie das Klima nicht retten, aber…“

Ja, aber was? – Etwa durch die Supertechnologie des Schuhs den ganzen Skelett- und Bewegungsapparat (so noch mehr Kohlendioxid ausstoßen zu können, täglich mehr und noch viel mehr durch langes Leben?) retten, von der Achillesferse bis ins Genack? Oder vor „body positivity“ bewahren, also dem Feiern vom Fettsein? Oder vor Schweißfüßen und Fußpilz, durch Aktivkohleeinlagen, nach jedem Lauf zu wechseln, garantiert klimaneutral hergestellt und zu hundert Prozent wiederverwertbar? (Vermutlich wird der Schuh, wie von der Sorte fast alle, in irgendwelchen Schwitzfabriken in Indonesien oder Vietnam hergestellt, ArbeiterInnen ohne jede Rechte bekommen die angemessenen zwei oder drei Dollar am Tag, weshalb der Schuh dann fünf Dollar kostet, äh, das Paar, also, wenn er auch nicht gerade das Klima für uns rettet, allemal seine 150 bis 250 Dollar wert, den Idioten jedenfalls, die ein Stück morsches Plastik zu einem Preis haben müssen, für den man fast schon unverwüstliche zwiegenähte Bergstiefel bekommt, mit denen man bis ins Altaigebirge laufen kann, indem jene Fußkondome beim ersten Gehen über Schotter und Geröll schon Plastikmüll in die Gegend abgeben.

Derweil gehen die Dinge – get woke, go broke – auch sonst nicht sehr nachhaltig. Denn bei meinem Lieblingsdiscounter, da gibt es auch sonen Veggie-Fleischersatzgezeugs, als sündhaft teure Scheinburger und  Sonstwasnichts, aber nur noch sehr wenige Packungen, und derer sehe ich dann, immer wieder, mit Vergnügen, da nicht abverkauft, noch welche mit rotem Aufkleber notherabgesetzt.

Lassen wir jetzt mal dies ekle Plastikschuhwerk und die Erbsenchemiefalschfleischpflanzerl weg und kehren zurück zum guten Senf und zum guten Likör.

Ich bin kein fanatischer Ideologe, auch kein genereller Anhänger von Boykottaufrufen, vielmehr ein inzwischen doch etwas genervter Pragmatiker. Also, dass ich des Nusslikörs ob seiner ausgezeichneten Qualität und mangels eines mir ähnlich preiswert erschließbaren Konkurrenzproduktes weiterhin genießen werde, als genussesholder Pharisäer, der ich nunmal bin, dessen nicht entraten mag, aber meine Senfpolitik noch einmal grundlegend überdenken.

Als ich übrigens vor ein paar Monaten mal auf der Heißlinie jener Drogeriemarktkette anrief, mich über die Verarsche mit dem veganen und glutenfreien Salz konstruktiv zu beschweren, nahm da gleich eine nette junge Dame ab, die sich die Sache nicht nur freundlich anhörte, sondern auch signalisierte, dass solcherlei jeden zum Idioten erklärende Etikettierung (so deutlich ward sie wörtlich natürlich nicht) in der Tat etwas überhand genommen haben könne, durchblicken ließ, dass es ähnliche Beschwerden wie die meine durchaus auch ansonsten gebe, man sich im Unternehmen der Problematik durchaus schon gewahr sei.

Wer noch etwas sportlicher an den Spiritouosen- wie Senfhersteller herangehen will, an ihre Versprechen, der kann bei denen ja mal anfragen, mit welcher Energie sie bei Dunkelflaute (kaum Sonnenlicht, windstill) ihre Kessel beheizen, die Produktionsstätten insgesamt, etwa über ein privates Wasserkraftwerk? Zugekauften, dann im Sommer wieder abgemeierten Strom?

Sollte mir am Montag hinreichend langweilig sein oder mich eben der Ökohafer stechen, rufe ich mal bei den Ösi-Schnapshubern und bayerischen Senfgschaftlern an. Vielleicht können die Senfgschaftler mir alles so gut erklären, dass ich meine Senfpolitik daraufhin nochmals überdenke.

 

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