Von tausend Freunden

Ich habe keineswegs etwas gegen die zumal in den USA (ähnlich hier im ländlichen Franken) verbreitete Sitte, sich auch unter Erwachsenen sehr schnell mit dem Vornamen anzusprechen.

Trotzdem bin ich immer wieder irritiert, wie viele Kommentatoren außerhalb einer direkten Ansprache oder Satire Leute wie jetzt etwa Joe Biden oder Kamala Harris beim Vornamen nennen, indem sie sie gleichzeitig in Grund und Boden stampfen. Also nicht etwa nur, wenn es spottweis ein Kamala Chameleon oder Sleepy Creepy Joe setzt. Ist das klug?

Ein möglicherweise verwandtes Phänomen (bei Engländern habe ich das nie so inflationär festgestellt) tut sich mir als seltsam auf, wenn Amerikaner öffentlich von ihren Freunden reden. Die haben dann zu einem bestimmten Thema mit all ihren lesbischen, jüdischen, schwarzen, moslemischen, kaukasischen, hispanischen, asiatischen und nativamerikanischen Freunden in sämtlichen Berufen gesprochen, so dass man sich unwillkürlich frägt, wie viele „friends“ der Ami im Schnitt wohl hat. 250 plus?

Man stelle sich mal vor, ein deutscher YouTuber erzählte einem, er habe sich über die Coronamaßnahmen mit all seinen italienischen, kroatischen, bisexuellen, sächsischen, dunkelhäutigen, türkischen, arabischen, griechischen, veganen und luxemburgischen Freunden besprochen, natürlich auch mit denen aus dem Schützenverein, vom Karneval und vom Schafkopfen, mit seinen Freunden aus dem medizinischen Bereich und den Medien, den Maklern unter ihnen, den Börsenfachleuten, Musikern und Komödianten.

Der Trick ist natürlich klar: Wer in jeder Richtung jede Menge Freunde hat, der muss ein toller Typ sein. Und demonstriert gleichzeitig, dass er weder ein Antisemit ist noch homo- oder gar islamophob, ein Antirassist und Antisexist ist durch und durch, total weltoffen und 100% tolerant, ein astreiner Unnazi wie er im Buche steht.

Vielleicht sehe ich das einfach zu kleinkariert. Immerhin bin ich schon mit Schwulen und Lesben und Transen recht gut ausgekommen, habe Abende mit ihnen verbracht. Ebenso mit Juden und Leuten aller Hautfarben. Hie und da sogar Heterofrauen.

Ich kann ja einfach für mich behalten, dass ich auch schon mit Patrioten, Verbindungsstudenten und deren alten Herren, ja selbst Kaisertreuen und Katholiken recht lustig gebechert habe. 9/11-Ketzern. Impfgegnern. Zumal Nietzscheanern. Japanerinnen, die mir erklärten, Japaner seien keine Asiaten sondern Japaner. Asiaten, das sei der Rest in Asien. Die lasse ich auch besser weg. Zudem und vor allem die Russen.

 

 

 

 

 

 

Bisher kein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.