Vom Fritzle und seiner Maske

Das Fritzle hatte einen derart dicken Hals aufs Maske tragen, dass es in der Schule zwischen Atembeschwerden, undeutlichem Reden und Einschlafen auf der Bank auch immer irgendwie dafür sorgte, vor lauter maskenbedingter Scheppelichtheit stets einen Brombeersaft oder Kakao oder Dreckbatzen vom Spielen darauf landen zu haben.

Indem dies nun schon einen guten Teil der Klasse immer mehr belustigte, war Klassenlehrerin K. verständlicherweise nicht davon begeistert; irgendie musste sie ja den Stall zusammenhalten.

Ein erstes ernsthaftes Gespräch mit dem Fritzle aber brachte gar nichts. Das Fritzle sagte einfach, es habe sich schon immer mit irgendwas im Gesicht herumgewischt, jetzt sei alles noch viel stressiger, jetzt erst sehe man das, und umso mehr, weil alles so viel stressiger sei und es sich sowieso kaum noch konzentrieren könne, mit dem Atemstopfding.

Da man nun des Fritzles Eltern nicht damit drohen konnte, ihn kurzerhand in ein Heim zu verbringen, da das Fritzle seit dem frühen Tod seiner Eltern bei einem Autounfall bei seiner Oma lebte, der es ihr Ein und Alles war, zuckte man doch etwas zurück, denn einerseits wollte man das Fritzchen doch lieber nicht in einem Heim haben, wo dann womöglich der Bär steppen würde, andererseits hatte man Angst vor ihr, die noch lange keinen Rollator brauchte und ihren Knotenstock allenfalls dafür, um heftig an verschlossene Türen zu klopfen.

Also ward die Bezirksschulpsychologin auf das Fritzle angesetzt.

„Fritz, warum machst du das mit den Masken?“ „Was mache ich?“ „Du beschmierst sie mit Absicht.“ „Ich beschmiere sie nicht mit Absicht.“ „Doch. Sag mir warum.“ „Es ist wie ein Fluch.“ „Wie, ein Fluch?“ „Ja.“ „Erklär‘ mir das, worin besteht der Fluch?“ „Nun, sobald ich die Rotzmaske aufhabe, sammelt sich von innen der Rotz und ich kann kaum noch schnaufen. Dann kann ich gar nicht mehr anders, denn es juckt auch, als mir dauernd hinzufassen, das Ding wieder irgendwohin zu rücken, mir den Schweiß seitlich und drunter wegzuwischen, und so ist das Teil dann eben bald von außen so versifft wie von innen.“

Wir wissen noch nicht, wie die Geschichte fürs Fritzle danach ausgegangen ist, da sie hier erst so richtig anfing.

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Mein Großvater, der nicht Gustav hieß, hieß zwar Fritz, und also heißt mein jüngerer Bruder mit Zweitnamen, das echte Fritzle aber heißt rein zufällig so, es hat mit der Göller-Sauter-Dynastie meines Wissens blutsmäßig nichts zu tun, jedenfalls so weit die Ahnentafeln reichen.

Es ist ganz einfach: Das Fritzle wohnt in der Nachbarschaft, ich habe es aufwachsen sehen, und es fing schon bald an, mir Fragen zu stellen, die andere Kinder seines Alters noch nicht einmal an sich selbst hatten. Jetzt, da das Fritzle elf und anfangs der Siebten vom Gymmi, halten wir, zumal in dieser Lage, unsere Freundschaft natürlich so gut als möglich geheim, der Psychologin und der Schulbehörde weitere Anwendungen von Kindesmissbrauchswaffen nicht noch argumentativ zu erleichtern.

Das Fritzle ist blitzgescheit und von einer natürlichen wie bewusst noch dazugelernten Zähigkeit, dass ich mich vor ihm mit meinen 56 schon offen ob meiner vergleichsweisen Zagheit und Verweichlichung schämte, gerade im Zusammenhang mit der Maskenfolter, wo es, achwas, er ist jetzt der Fritz, an vorderster Front steht, indem ich lediglich hinter meinem Schreibtisch hervormeckere, und das noch mit angezogener Handbremse.

Aber der Fritz, da tat ich auch den Schwur, „Fritzle“ nur noch im Spaß und zu literarischen Zwecken von ihm, zu ihm, über ihn zu sagen, der hatte schon die Größe, zunächst noch ein Schokoladeneis für seine Maske einzufordern, um mir dann zu sagen: „Magnus, du hast mir beigebracht, wie ich bei einem Scheißlehrer im Aufsatz mit minimalem Aufwand eine Zwei schreibe. Dreisatz und Prozente, das hatten wir in zwei Stunden. Allerlei nützliche Sachen ratzfatz. Und doch bist du ein ziemlicher Jammerlappen. Fast, den Begriff habe ich für das Maskenschlachtending von dir, eine Art Merkellappen.“

Man erkennt den echten Freund daran, dass er einen zumal zu den wesentlichen Dingen und überdies entscheidenden Zeiten und Wegmarken nicht schont; so peinlich berührt ich also erstmal war, so stolz auch auf meinen Freund Fritz.

Und so ließ der dann auch nicht nach: „Am Ende versteckst du dich mit deinen sechsundfünfzig Krautherbsten noch hinter mir, deinem Diszipulus (ich riet ihm, und darob ist er gar nicht stinkig, tut höchstens mal so, in der Fünften Latein zu nehmen), machst aus mir noch das Werk, das du selber nicht zusammenbringst. Im übrigen bin ich dir dankbar, dass du von einem IQ-Test abgeraten hast. Du wolltest nicht, dass der Rest das Ergebnis sieht, du wolltest es selber nicht sehen, ich sollte es nicht sehen, damit ich nicht überschnappe. Außerdem wäre ich ganz ohne Übung vielleicht nur auf 160 gekommen, und das wollte ich mir auch nicht geben.“

Ich hielt erstmal den Atem an, versuchte Zeit zu gewinnen.

„Und, Magnus, stell dir mal vor, ich weiß, dass du schon damit begonnen hast, meine Geschichte auf deiner Seite einzustellen. Wogegen ich grundsätzlich nichts habe. Ich bitte dich lediglich um redliche Erzähltreue.“

Daraufhin besprachen wir noch ein paar interne Dinge und mögliche Strategeme, ich gelobte für meine Seite, wieder etwas mehr Mut und Entschlossenheit an den Tag zu legen, redliche Erzähltreue.

„Komm, Magnus, jetzt hast du dich so in Demut geübt, irgendwas Lehrerhaftes hast du dahinter versteckt, ich weiß es genau, also sag es.“

„Mathe und all das fällt dir einfach zu. Lerne mit deinem Latein gleichzeitig auch und vor allem noch und immer besser Deutsch. Englisch lernst du nebenher sowieso.“

Fritz lachte und schüttelte den Kopf, und wir verabschiedeten uns aufs nächste Mal, denn am Telefon besprechen wir uns ernsthaft lieber nicht.

 

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