Vom Lobe und der Schutztextkunst

Gestern lobte ich vor einem Freund einen anderen Freund, den er nicht so gut kennt wie ich, als „einen der konkretesten Männer, die mir je begegnet sind“.

Lassen wir mal fallen, dass „konkret“ ein recht vernutztes Fremdwort ist, man kann es sinngemäß durchgehen lassen, gutes Deutsch ist das aber nicht: Gut, es war spät in der Nacht, wir waren am Telefon schon ein wenig in Laune, doch hätte ich wohl besser gesagt „gerade“.

Der also Gelobte ist nämlich in seiner Art durchaus nicht grob, in vielerlei Hinsicht vorbildlich diskret, hält aber nie hählinge hinterm Berge, kommt vorzüglich gerne bald auf den Punkt, vergeudet Zeit und Lebenssaft nicht gerne auf allzu Ungefähres und langes spekulatives Gerede, also, dass ich mich in meiner notorischen Schwatzsucht da lieber rechtzeitig selber zur Ordnung rufe, schon noch gerne ich selber bleiben will, aber immer wieder ein Vorbild an kluger Unmittelbarkeit und Tüchtigkeit erlebe.

Immerhin habe ich mit „konkret“ nichts Grundsätzliches falsch gemacht. Ich wollte das Lob aber wirklich angemessen satt setzen, zumal, indem ich den Superlativ beizog, und so bin ich mir, auch wenn mein Gegenüber mich vom Sinn her wohl gut und richtig verstand, meiner ungenauen, recht eigentlich schlampigen, nachlässigen Wahl, auch wenn „konkret“ manche heute mehr beeindruckte als „gerade“, doch ziemlich gram.

Nicht ganz in den Adjektiveimer gefallen, aber etwas darüber gestolpert.

Schlecht oder ungenau und fahrlässig beschimpfen, das sollte man natürlich auch nicht tun täten wollen. Schlecht oder ungenau und fahrlässig loben, das sollte man sich aber vielleicht noch umso weniger unterkommen lassen.

Denn letztlich beleidigt man den zwar ehrlich, aber nicht richtig Gelobten dadurch. Womöglich bringt man seinen Widersachern so unabsichtlich ein geflügeltes Spottwort auf ihn aus, beschädigt ihn schlimmer, als dessen übelste Verleumder und Feindwortkocher es ohne diese Zutat je vermocht hätten. Es gab – und gibt sie immer noch – schon vor Jahrtausenden bezahlte Zutodelober.

Zum Glück hagelt es bei mir – rein coronabedingt – gerade nicht so viele lukrative Angebote, irgendwo Laudationes auf epsteinische Prinzen und Milliardäre und Impfpäpste zu halten, wo Fehler wie oben für mich selbst, nicht nur im Sinne einer Weiter- und Wiederbeschäftigung, ziemlich fatal sein könnten. Selbst nahe oberhalb von Rohrbach gibt es eine Brücke, wo man auf die ICE-Gleise fallen kann. Dazu eine herrliche Schneise zum unbeobachteten vorspessartlichen Sichhinlegen.

Insofern ist dies natürlich das, was man einen Schutztext nennt. Man zieht irgendwas bei, baut es auf, nur um die eigene Unfähigkeit deutlich zu machen, damit nicht mehr gefragt, aus dem Spiel zu sein.

Es ist zwar immer recht riskant, Zuflucht bei einem eigenen Schutztext zu suchen, denn es mag allein die Rachsucht und der Drang darnach, ein Exempel zu statuieren, dumm gegen einen ausschlagen: Andererseits aber wird man mit Sicherheit nicht mehr eingeladen, es sind genau die Aufträge weg, die man nicht haben will.

Auf jeden Fall sind nach einem derartigen Schutztext die Karten völlig neu gemischt. Womit ich keineswegs dazu rate, Schutztexte als Hündchenleckerli zu betrachten.

Wer wissen will, wann und wie man gute Schutztexte schreibt, dem empfehle ich ein Studium der klassischen 36 Strategeme, dazu meine weiteren, alswelche im Altarchiv zu finden.

Als Faustregel führte ich an, dass man im Schnitt nicht öfter als ein Mal im Jahr (besser weniger) einen echten Schutztext brauchen sollte.

Mehr zur sinnigen Anwendung der Schutztextkunst zu gegebener Zeit.

 

 

 

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