Pitt und sein Mitleiden mit den Weibern

Eines Tages reichte es Pitt und er machte sich auf zur Patriotenpartei.

Da ward er zunächst sehr warmherzig aufgenommen, er traf auf manche tüchtige und zunächst selbstbewusste Leute.

Dann aber begann einige, offenkundig jene, die mehr zu sagen hatten, ihn nacheinander zu seiner Grundgesetztreue, wie er diese verstehe, wie auch verwandten Themen auszufragen, also, dass Pitt, der schon, wenn auch immer unschuldig, allerlei Begegnungen mit Polizisten und Geheimdienstleuten gehabt hatte, auch unsauberen, was ihn ja ebenfalls zur Partei getrieben, sich daran erinnert fühlte und darob ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend bekam.

„Wie haben diese Leute auch nur das Grundgesetz gelesen?“ – dachte er stille bei sich.

Er holte sich noch ein Bier und sah sich um. Es waren einige recht adrette Weiber da, keins von ihnen sah heruntergekommen aus oder dumm, doch zeigten sich alle, die er sonst als echte Kerle eingeschätzt hätte, immerhin möglicherweise welche, selbst bei den Frauen, um wieviel mehr noch bei den eher luschigen Befragern seiner, schon in ihrer Haltung schlecht, und erst recht versagten sie beiderlei in offener freier Rede.

Pitt hatte gute Lust, mal einen von diesen offenkundig unterdrückten Minicowboys zu reizen, allein, damit etwas echte kommunikative Bewegung in die Bude käme, den Damen wenigstens ein Minimum an Abwechslung und Erregnis beschert.

Also fackelte er nicht lange und sprach den Frechsten der Unterlinge direkt an: „Hey du, ich bin der Pitt. Du scheinst ein cooler Typ zu sein. Warum klärst du die Herren da drüben nicht etwas besser zum Thema Grundgesetz und Verfassung auf? Bist du etwa selber vom Verfassungsschutz?“

Das hätte nun in jedem anständigen Saloon zuwenigst sofort zu einer anständigen Keilerei geführt, wenn nicht Toten, nicht aber natürlich bei der sehr disziplinierten Patriotenpartei, also dass Pitt, wie in etwa errechnet, vonseiten des Herausgeforderten nur ein Knurren erntete, ansonsten verunsicherte Blicke.

Pitt, ein guter alter verlässlicher Freund, beschrieb mir die ganze Veranstaltung bei der Patriotischen Partei (die ihn natürlich sehr gerne vereinnahmt hätte, Pitt zwickt im Netz alle weg, die ihn nerven) eindringlich, er hatte einen mächtig dicken Hals, wiederholte sogar manches dreimal, was er fast nie tut, mir in Bewusstsein und Langzeitgedächtnis zu hämmern, was er da für eine traurige Versammlung vorgefunden habe.

Nachdem ich meine Einschätzungen und Erfahrungen noch ein wenig beigesteuert und wir hinreichend geflucht und geschumpfen hatten, überkam den guten alten Pitt wie mich natürlich das Mitleiden mit all den wohlgesinnten, wohlerzogenen, wohlmeinenden Seelen, die die Patriotische Partei an sich gezogen; dass diese, so gesehen, gewissermaßen ungehobene Schätze berge, verberge, die recht eigentlich zu heben seien.

Es war so etwa kurz vor drei Uhr in der Nacht, da Pitt und ich zwar mancherlei Witz gewechselt, der nicht jugendfrei, da wir merkten, dass wir kaum noch mehr als einen Mundeinfeuchter getrunken hatten, immer mehr vor dem tristen Schauspiele erstarrt.

Am Ende hatten wir nicht einmal mehr Hoffnung für die Weiber.

Damit waren wir ganz unten, aber damit kam auch unser Lachen wieder zurück.

Und siehe da, ich hatte zwar nicht den besten, aber immerhin einen passablen Malzwhisky noch im Hause.

Wir stießen an und Pitt beendete lediglich zu diesem Thema den danach nochmal lustigen Abend dieserweis: „Mit diesen Weibern auch noch Mitleiden haben, lieber Magnus, das fällt schwer.“


Pitt heißt natürlich nicht Pitt. Aber hat er mich gerade angerufen und erklärt, ihn habe von jenem Abend her eine Annemarie angerufen, die, wenn er sich recht erinnere deutlich unter dreihundert Pfund wiege, intensive Feindbeobachtung sei in jedem Kriege handbuchgemäß, er wolle sich in diesem Sinne wie als im Grunde Pazifist einer gewissen Anfrater- und sororisierung auch nicht völlig verschließen, ob ich eventuell mit zum Italiener käme, allwo er einlüde, wofern ich etwas Spannung rausnähme und für ihn kuppelte, mich rechtzeitig hochwichtig wegen eines allerdringendst einzuhaltenden Termins verzöge. Und zur Partei kein Wort.

„Nein, lieber Pitt, diese Schote musst du alleine knacken“, sagte ich ihm hart nach kurzem Bedenk. „Dass sie in diese missratene Partei und jetzt offenkundig auch noch an dich geraten, disqualifiziert sie nicht endgültig. Es wurden schon schlimmere Fehler gemacht. Mehr noch aber: Du wirst mich vor ihr verdammen und in den Staub treten müssen, denn es liegt im Netz schon einiges von mir vor, das die Partei nicht gerade gut wegkommen lässt. Das kriegt die raus. Oder bist du an der Dümmsten von denen dran?“

Was Pitt dann rausblubberte, kann ich hier nicht ansatzweise wiedergeben. Klar, dass er mir nicht alles erzählt hatte. Diese eine von der Partei, die hatte ihn gleich so angemacht, dass es jetzt hierhin gebracht.

Pitt nun in solcher Liebesnot – wie sollte sie insgesamt nichts taugen, nur weil auch einmal zur Partei verirrt? – wie hätte ich meinem Herzen noch mehr Härte befehlen können, Befürchtungen über Vertrauen und Freiheit und Freundesliebe setzen?

Ich ging also doch gut gewaschen zum Italiener, und die Sache ward schier ein Desaster. Sie, aus Angst oder List, sich und ihre heftige Begierde, die zweifellos meinem alten Freunde galt, zu sehr zu entdecken, entspann mit mir jede Art Gespräch, war nur auf die Gebiete versessen, wo ich Pitt voraus: kurzum, sie ließ ihn am Bettelstabe sitzen, lauschte selbst recht banaler Ausführungen meiner, wie als ob sie gerade den Alwis kennengelernt.

Ein Freund ist aber ein Freund, und jetzt reichte es. Ich wollte keine Kolik simulieren oder einen drögen Geschäftstermin vorschieben, also log ich glücklich, wie geboten (ich hatte mein Telefon vorsorglich darauf eingestellt, mich gewichtig anzurufen), sozusagen „Reichswichtiges“ (der dumme Witz erleichterte die Sache) rufe mich jetzt doch recht dringend von dannen, Gruß noch an den Koch, missachtet mir nicht den vortrefflichen Barolo.

Das scheint funktioniert zu haben. Pitt hat nämlich noch nicht angerufen. Eine Woche und immer noch keine Schimpfkanonade wegen meines ungepflegten Auftretens.

Es sollte geklappt haben.


Ich wollte es nicht wahrhaben, hatte im Grunde aber mit einem Geschlechterkrieg dieses Ausmaßes gerechnet. Inzwischen kenne ich auch Annemarie recht gut.

Pitt, der Irre, verlangte wohl eines Abends tatsächlich von ihr, aus der Partei auszutreten, ansonsten… Und dann redete er seine Drohung nicht einmal weiter, was für sie das Schlimmste war.

Da sagte ich mir, wer eh nichts kriegt, der hat auch nichts zu verlieren, nahm das Bündel Weib in den Arm und bot, zum ersten Male in all den Jahren, dem Pitt eine ernsthafte Backpfeife an, wofern er jetzt nicht sofort Abbitte leiste, und zwar auch selbst noch bei mir, wegen Missbrauchs seines Schandmauls.

Annemarie und Pitt geht es jetzt prima.

Und ich kann mich auch nicht beklagen. Sie laden mich freimütig zu Kuchen mit Kognak wie auch Abendgesellschaften. Zusammenkünften zu Dritt.

Annemarie wird immer schöner, und Pitt, der noch nie zum Weichei neigte, lebt immer mehr auf. Eine einzige Pracht dies Paar.

Annemarie hat mich auch sehr lieb, tut nicht nur so. Immerhin habe ich alles dafür getan, dass sie ihren Pitt bekommt, wenigstens nichts dawider, dass sie ihn bekäme. Ich mag sie, ich hülfe ihr noch einmal.

Pitt ist derweil alswie beflügelt. Er räumt im Netz auf wie noch nie.

 

 

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