Egon

Egon war schon als Kind klargeworden, bereits beim praktischen Sexualkundeunterricht in der Kita, dass der Geduldige besser durchs Leben kommt als der Ungeduldige.

Im Laufe der Jahre wurde es für den braven Egon trotzdem immer schwieriger. Auf der einen Seite gingen Sachen plötzlich viel schneller oder verschwanden gar, kaum, dass er sich richtig eingewöhnt hatte, sie zu erdulden, auf der anderen musste er immerzu und oft über Nacht neue Dinge erdulden lernen, so dass er kaum mehr nachkam, was sich auch nicht besserte, indem er immer tiefer ins Kognakglas schaute.

Also erbat er schließlich – so stolz er bisher gewesen war, sich seine Geduld ohne psychologische Fremdhilfe bewahrt zu haben –  schweren Herzens einen Termin bei Frau Doktor H., einer ausgewiesenen Spezialistin, einer Koryphäe für endogene Depressionen und spezifische wie polymorphe Geduldsstörungen.

Er hatte erwartet, dass man ihn im Wartezimmer testweis erstmal über eine Stunde warten lassen werde, tief in der zweiten begann er sich aber schon leise zu verfluchen, dass er nicht einmal seinen Wodkaflachmann dabei hatte, an einem gewissen Ort mal einen tiefen Zug daraus zu tun. Röche Frau Doktor H. etwas, na und? Das würde ja nur zeigen, wie sehr er leide, wie dringend er behandlungsbedürftig. Aber er bewahrte Haltung, rutschte kein bisschen auf seinem Stuhl herum (er war sich sicher, dass er, selbst wenn die Sprechstundenhilfe ihn gerade nicht direkt sehen konnte, die ganze Zeit beobachtet werde), bis dass er endlich auf die Couch gebeten.

„Sie sagten am Telefon – ich halte ja nicht viel von Selbstdiagnosen von Amateuren – , Sie hätten, ich zitiere ‚ein exogenes Geduldsdesorientierungssyndrom‘. Lächerlich. So etwas gibt es nicht. Jedenfalls wurde noch nie ein exogener Fall nachgewiesen.“

„Aber ich meinte ja nur…“ – „Sehen Sie, Sie halten sich für etwas nie dagewesen Besonderes, fangen dabei gleich mit einem „Aber“ an, nur um zu unterstreichen, dass bei Ihnen Geltungssucht, Größenwahn und ein gestörtes Verhältnis zu Ihren Mitmenschen und der Gesellschaft insgesamt zu einer sehr bedenklich niedrigen Toleranzschwelle, zu Allmachtsphantasien verbunden mit paranoid geprägtem Selbstmitleiden, zu einer Mischung geführt haben, dass ich Sie jederzeit für in der Lage halte, ein vorsätzliches Hassverbrechen zu begehen.“

„Äh…“ – „Na, das hört sich doch schon etwas besser an, denn Sie sind oder geben sich jetzt erstmal ahnungslos. Wir sind fertig für heute.“

„Äh…“ – „Einmal Äh reicht, Herr Ballauf. Lassen Sie sich für nächste Woche wieder einen Termin geben.“

Egon gehorchte wortlos und schaffte es weitestgehend, erst zu zittern, als er die Praxis deutlich hinter sich gelassen hatte.

Er meldete sich noch am selben Tage wegen einer Grippe krank, las Tag und Nacht Fachbücher über Verfolgungs- und Größenwahn und Angststörungen undsoweiter, wobei ihm immer klarer wurde, dass er Frau Doktor H. niemals werde ein Bein stellen können, oft sah er Artikel von ihr, und es war ihm, als stünde sie leibhaftig vor ihm. Also, dass sich in Egon eine nie gekannte Verzweiflung breit machte.

Endlich stieß er aber, dieser Seelenzustand hatte ihn wundersam dorthingeführt, auf ein Buch über die 36 chinesischen Strategeme, und siehe da, eines lautete: „Aus einem Nichts etwas erzeugen“. Schnell ward ihm klar, dass nur derlei ihn retten konnte.

Also ging er zum Termin, und bevor Frau Doktor H. überhaupt dazu kam, ihm die Couch anzuweisen, sagte er zu ihr: „Ich werde Sie heute mitnehmen und heiraten. Sie haben eine Stunde, sich für den Flug nach Vegas herzurichten.“

Sie flogen natürlich nicht gleich nach Vegas, aber das mit der Couch klappte sehr schnell, und so sind Frau Doktor Isabella Ballauf (sie bestand darauf, seinen Nachnamen anzunehmen) und Egon heute ein glückliches Paar. Man betreibt jetzt gemeinsam einen großen Erlebnispark für die ganze Familie, Eigengewächs Julia Gerlinde ist fast schon vier, Rüdiger Rainer hatte gestern seinen zweiten Geburtstag.

Bisher kein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.