Carmina

Carmina war immer ein lustiges Mädchen gewesen, ihre Eltern schickten sie zum Ballett, Sprachen waren ihr wie eingeboren, während sie den Rest ziemlich mühelos durch die Schule drückte.

Endlich hatte nun der fesche Bernd angebissen, bei der Abifeier geschah es, und nach einigem Hin und Her und Entfernungsschwierigkeiten ob Studium und Beruf, den üblichen fraktaltragischen Eifersüchteleien und Kurzzerwürfnissen junger, für einander bestimmter Paare, zogen die beiden endlich zusammen und waren einige Zeit glücklich und einander hold gleich tanzenden Forellen.

Dann aber geschah es. Bernd hatte wie üblich gekocht, denn Carmina hatte dafür nichts übrig, indem Bernd zurecht stolz, dass es ihr praktisch immer ausgezeichnet schmeckte, indem sie vom Schmecken durchaus etwas verstand. Diesmal aber hatte er, zum Jahrestag, ein vortreffliches Hirschragout vorgekocht, welches Carmina, da klarwar, dass Bernd erst gegen acht nach Hause kommen können werde, ab sieben auf der kleinsten Stufe wärmen und alle fünf bis zehn Minuten behutsam umrühren solle. Dann wolle er, die Kerzen angezündet, den Salat bereiten, man äße etwas Käse zum magenöffnenden Weißen: allwonebenher die feinen Nüdelchen gekocht und das Ragout endabgeschmeckt würden, dann der Spätburgunder dazu eingegossen.

Carmina nun aber merkte erst gegen halb acht, dass sie das Ragout noch nicht angestellt hätte, drehte, den Zeitverlust wettzumachen, ordentlich hoch, und als sie das Rühren dabei einmal vergessen, rührte sie ab da ständig. Kurzum: Als Bernd heimkam, war das edle Ragout ein leicht angebrannter, zusammengekochter, zerrührter Matsch. Nie hatte Carmina ihn so dreinschauen sehen, wie als er dessen gewahrte, einen derartigen Gesichtsverzug, beim Riechen schon, um wie viel mehr beim Löffeltest!

Das Schlimmste war, dass Bernd kein Wort sagte. Still säbelte er sich einen ordentlichen Ranken Käse ab, nahm einen großen Schluck Weißburgunders, schenkte dem Glase nach und schien alswie entrückt.

Endlich hielt Carmina es in ihrer Bluse nicht mehr aus und flötete: „Ach Berndi, es tut mir ja so leid, aber es ist doch nur ein Essen!“ – „Das war ein Essen! Und zwar nicht irgendein Essen, sondern ein Hirschragout! Und das hier ist übrigens eine fast leere Flasche Weißburgunder vom Stein, und hier siehst Du den Spätburgunder aus Bürgstadt, den ich jetzt ich jetzt hirschlos angehen muss. Vermaledeit.“ – „Ich weiß ja, dass…“ – „Du weißt nichts. Jetzt reicht es. Wenn Du nicht einmal Speisen wärmen kannst, wie willst Du je ein Baby aufziehen können?“

Darufhin ging in der Küche von Carminas Hand einiges zu Bruch, ein halber Weinkrampf und ein Beihnahenervenzusammenbruch folgten, bis dass Berndi endlich zu ihr in ihre Ecke kroch, sie unter tausend Bittküssen um Verzeihung bat, der Abend doch noch ein leidlich versöhnliches, wenn auch beischlafloses Ende im gemeinsamen Bette nahm.

Es war für das Liebespaar das Ordal der Ordale, die Prüfung aller Prüfungen. Bernd entschuldigte sich für diesen Abend so oft und bis fast zur Dackelhaftigkeit, dass Carmina recht schamhaft nach und nach die Bratkartoffeln, den Pfannkuchen, das Eieromelett, ja selbst das richtige Nudelkochen erlernte; dann Gemüsebrühe, Buletten, erste Suppen und Saucen, Brathühner und Hühnersuppe, Kurzgebratenes, selbst paniert. Berndi lebte derart auf, dass er gar nicht merkte, wie seine Carmina unter der Schürze nicht vom Schlecken am eigenen guten Essen ein Bäuchlein bekam: woher das rühren möchte, das offenbarte sie ihm erst, als er ihr Boeuf Bourguignon, nach einem umfangreichen bunten Vorspeisenteller mit allerlei Marinaden, selbstgemachtem Mangochutney, Tapenade, selbstgebackenem Dinkelweißbrot, einer Käseauswahl vor dem Herrn, nach Wahle dem Iphöfer Silvaner, wahlweise dem Riesling von der Inneren Leiste, nicht nur beschnüffelt, sondern mit den handgeschabten Spätzle und begleitet von ebenjenem erwähnten Spätburgunder, den Carmina noch einmal hatte ergattern können, in tiefer Andacht verzehrt.

Beider Bäuchlein wuchsen an diesem schönen Abend noch bis in Nachtisch, Kaffee, Kognak und Konfekt. Endlich wusste Berndi, weshalb seine göttliche Carmina schon seit Wochen am Weine kaum noch nippte.

 

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