Neuschwäbisch: „Aluhut Nacktbar!“ und „Fuck the police“! – Lehrstuhl für Antifantisch und Antifantik!?

Schon stolz wie Bolle, dass meine schwäbische Heimatstadt jetzt auch zur Partyhauptstadt aufgerückt ist, habe ich mich eben noch mehr gefreut, dass das ZDF auf Facebook zu einer Anfrage, weshalb da auf der Sause so wenig echtes Deutsch gehört worden sei, erklärt habe, es gebe eben in Deutschland bekanntermaßen recht unterschiedliche regionale Dialekte. Es sei also nicht Deutsch gewesen, sondern Schwäbisch – das sagte man wohl nicht direkt, müsste man daraus aber zwingend schließen.

Nun versteht es natürlich jeder echte aktiv mundartgewandte Schwabe (von denen es in Suttgart zumindest in der älteren Generation noch einige gibt), zumal wenn er auch Albschwäbisch beherrscht, einen frisch hereingespülten Norddeutschen in einige Verständnisschwierigkeiten zu bringen, allerdings eher mit einem „Siagsch wia sen saua launt?“ – „Do homma? I siags ed.“ (Siehst du, wie sie ihn laufen lassen? – Da drüben? Ich sehe es nicht.) Und eben nicht mit einem „Aluhut Nacktbar“ (selbst als „Aluhuad Naggdbar“ noch leicht übersetzbar), einem „Fuck the Police!“ und ähnlichen möchtegernverdunkelnden neuschwäbischen Ausdrücken, die nicht nur das ZDF nicht leicht zu entschlüsseln weiß.

Vielleicht wird das, was früher das Albschwäbische (von dem es diverse ans Kriminelle grenzende Varianten gibt, vo Oohla – Aalen – iber selbschd Raidlinga na bis ad Donau) war, eine Art Rotwelsch suebischer Wehrdörfer, zumal auch dafür stur behauptet, die verweichlichten Stuttgarter nicht zu übermütig werden zu lassen, nunmehr vom Neuschwäbischen also verdrängt, also dass der Altschwabe leichter für ein Zugereister gehalten denn ein Neuschwabe.

Der Altschwabe hat dabei natürlich den Vorteil, dass er Altschwäbisch, Halbschwäbisch (Viertels- und Dreiviertelsschwäbisch) und Deutsch kann und versteht, die wenigen neuen Begriffe, die irgendwie mit dem Deutschen zu tun haben, auch schnell intus hat, ebenso die angelsächsischen Kulturbereicherungsslogans und Neologismen, so dass er kommunikationslogistisch natürlich spitzenmäßig dasteht, jedenfalls solange sich die Neuschwaben nicht auf Schwaborabisch unterhalten. (Am besten ist natürlich einer von der Alb dran, der ein Arabistikstudium mit dem Erlernen von Paschtunisch, Kisuaheli usw. verband.)

Als Sprachwissenschaftler und als schwäbischer Patriot, seit jeher mit einem schweren Faible auch für nichtschwäbische Mundarten, den Heilquell sprachlicher Neuentwicklung, könnte ich geradezu hüpfen, tanzen und springen, wie die halbe Welt sich einbringt, meine eigentliche Muttersprache, alswelche Schwäbisch, keine Anstrengung scheut, noch umfässlicher, erhabener, alleserklärender zu machen.

Wäre „Allahu Akbar!“ nicht inzwischen auch schon Schwäbisch, so gäbe es die wunderschöne Findung „Aluhut Nacktbar!“ nicht, es fehlten uns nicht nur diese beiden Schlachtrufe, bekämen wir es mal wieder mit den Bayern, Franken, Hessen, ja gar Sachsen und Badensern zu tun. Oder es kommt der Franzos‘.

Derweil bin ich trotzdem froh, auf meine altschwäbische Geheimsprache zurückgreifen zu können, wenn der Neuschwabe nicht verstehen soll, was ich sage, mich lediglich für einen von den noch gelegentlich in Stuttgart anzutreffenden alten Bauerntrottel halten soll, der zu dumm, um ein Loch in den Schnee reinzubrunzen und nur deswegen keine Scheiben einschlägt, weil er nicht weiß, wie das geht: so dass es keinen Grund gibt, ihn ordentlich zu vertrimmen, nur weil er partyunfähig ist.

Dumm dreinschauen und am besten nur etwas wirr und zusammenhangslos rausschwätzen, das ist ohnehin die angesagte pragmalinguistische Option, gerät man unversehens in bedrohliche neuschwäbische Verhältnisse. Niemals klar und schneidend Hochdeutsch reden! Nie! Nur einzelne Wörter, wo altschwäbische nicht ankommen können, etwas aber gerade ankommen muss (also nicht übertreiben mit dem Altschwäbisch!), kurze lahme Sätze, unsicherer Schritt, unter Umständen etwas lallicht, vielleicht ein leichtes Handzittern oder Kopfwackeln, nicht überdosiert, man will ja nicht rassistisch provozieren, jeder entwickele da seine eigene Trickkiste und statte sie gut aus.

Und dabei vergesse der stolze Schwabe nie, dass Schwäbisch inzwischen in Berlin, Hamburg, München, Köln, Leipzig, Dresden, dem ganzen Ruhrpott gesprochen wird, ja selbst in Frankfurt und in Bielefeld. Bald wird es mehr Lehrstühle für Neuschwäbisch geben als für Gender Studies.

Die Uni Würzburg – meine geliebte alte Alma Mater – läge natürlich für mich näher, ein Ruf aus Wien, wo man inzwischen auch Neuschwäbisch spricht, ehrte mich natürlich noch mehr, zu Basel in die Fußstapfen Nietzsches zu treten, das könnte ich mir auch gut vorstellen: Immerhin aber habe ich schon zwei Angebote, nämlich, naheliegenderweise, ein konkretes aus Tübingen und ein noch vages einer badischen (!!!) Universität, die noch etwas mit sich ringt, da sie mit dem Terminus „Neuschwäbisch“ etwas fremdelt, es solle „Neualemannisch“ heißen, bei den Vorlesungen wie Seminaren.

Das wird geil, wenn ich auf Unibudget zwei Wochen Feldstudie machen kann, vielleicht kommt ja eine lustige Privatdozentin mit, in Paris zu studieren, wie viel Neuschwäbisch oder auch Neualemannisch dort inzwischen gesprochen wird, ob der dortige Ableger nicht eher als neufränkisch bezeichnet werden müsse, ja, wissenschaftlich hoch relevante Fragen werden da zu betreuen sein.

Nachtrag

Kaum hatte ich eben auf den Knopf „Veröffentlichen“ gedrückt, da kam ein Anruf herein, ob ich nicht außer Neuschwäbisch, oder unter dem Dach Neuschwäbisch, auch Antifantisch unterrichten wolle. Es gehe dabei auch um die Beiziehung von erheblichen Förder- und Drittmitteln. Viel mediale Aufmerksamkeit sei so gewiss, man könne so viel leichter die begabtesten und ambitioniertesten jungen Leute anziehen, die Klitorisministerin und der Ministerpräser hielten sehr viel von der Idee, man halte mich für denkbar geeignet, die erste leuchtende Fackel zu diesem menschheitsgeschichtlich bedeutsamen Aufbruch zu tragen.

Dies Angebot werde ich nun selbstverständlich annehmen. Ein Lehrstuhl für Antifantisch!

Ich werde die Sache noch weiter anziehen. Ich will eine ganze „Fakultät für Antifantisch und Antifantik“, den zweiten Teil für antifantische Soziologie.

Bisher 18 Kommentare

18 Antworten auf „Neuschwäbisch: „Aluhut Nacktbar!“ und „Fuck the police“! – Lehrstuhl für Antifantisch und Antifantik!?“

  1. @ Magnus

    Herrlich und witzig geschrieben. Stammt „Aluhut Nacktbar“ von dir? Musste ich gleich auf Facebook posten, unter Nennung von dir als Autor, selbstverständlich.

    1. @ Erika

      Ich habe „Aluhut Nacktbar“ heute bei Carolin Matthie aufgeschnappt, ob sie das selber erfunden hat, erschloss sich mir nicht ganz, vermutlich hat sie diesen Schlachtruf auch irgendwo aufgelesen. In der Tat wäre ich als Neoschwabologe ziemlich ein klein wenig erlaubtermaßen stolz darauf, stammte er urspründlich von mir.

  2. @ Magnus

    Nachtrag: Damit kann man eine gewisse Klientel ganz schön anbaggern und sie können nichts dagegen tun.

    Typisch Deutschland: Weil ein Polizist in der Plünderungsnacht von „nur Kanacken“ sprach, wurde das Video auf Youtube gelöscht und er wird von seiner Behörde nun verfolgt. Ich schrieb daraufhin: „Kinder, aufgemerkt: Es heisst nicht A-Nacke und auch nicht B-Nacke, sondern…“

    https://video.wixstatic.com/video/0e29c1_baddd02f355e40bcb6c3e64505a6ab65/480p/mp4/file.mp4?_=1

    https://www.youtube.com/watch?v=d4iClAqaN9Y&feature=youtu.be&t=34&fbclid=IwAR0jSTkSuVf7KXcsBuM4WWSLI2QW2DYgym5djsv1jdcboC8Qo2_aacUeKgk

    1. @ Erika

      „Schwanaken“ hätte vielleicht zu sehr nach „Schabracken“ geklungen und damit nicht nur Abschwitzdecken insgesamt herabgesetzt und kollektiv beleidigt, sondern auch noch die stolze Männlichkeit der Stadterneuerer in Zweifel gezogen. Auch nicht Ledernacken oder Makaken. Kannste haken.

  3. @ Magnus

    Dies ist vollkommen „out of thread“ aber ich bin momentan zu faul, deinen umfangreichen Blog nach korrespondierenden Inhalten zu durchsuchen.

    Ich sah mich gerade gemüssigt, meinen Geschlechtsgenossinnen mal die Federn zu lesen, im Fratzenbuch. Deine Meinung hierzu würde mich interessieren.

    „Hätten unsere genialen Vorväter nicht das Matriarchat abgeschafft, würden wir alle noch nackt um’s Feuer tanzen (mit Peitschen)“

    „Aber dennoch hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert…“

    „Diese Geschichte interessiert mich seit vielen Jahren. Ich stelle mir vor, wie in den Höhlen die Weiber Göttinnen waren, weil sie das Leben weiter gaben. Monoganismus gab es in den Höhlen nicht. Ich stelle mir vor, daß Proto-Schabracke so ätzend war, daß sie weggeschickt worden ist. Ein schmächtiger Loser schloss sich ihr an, aber er war schwul. Irgendwo da draussen merkte er irgendwann, daß Madame Schotterschnauze weder einen dicken Bauch bekam noch neue Menschen warf. Irgendwann hat er die Situation vollkommen erfasst, ging zurück in die Höhle und sagte: „Brüder, ich habe etwas heraus gefunden ! Wenn wir unseren Pillermann nicht in die reinstecken, bekommen sie keinen dicken Bauch mehr“ und so wurde die natürliche Ordnung wieder hergestellt. Weil ja die Brut versorgt werden sollte, haben die Steinzeitweibchen die romantische Liebe* erfunden. „Und nun sind sie in ihre selbstgestellte Falle getappt“ meinte Nietzsche (*Von der Natur her gibt es kein Weibchen, welches nicht polygam wäre)“

    „It’s all Yin and Yang, stupid. Read my lips.“

    (Bisher noch keine Kommentare. Erwarte einen weiblichen Shitstorm)

  4. @ Magnus

    Ich muss etwas gestehen: Ich habe (selbstverständlich unter deiner Namensnennung) deinen Beitrag „Schon stolz wie Bolle“ im Fratzenbuch unerlaubt veröffentlicht (Ich hoffe, Du kannst mir das nachsehen, es ist ja positiv gemeint).

    Schon nach Minuten kommen „likes“ und zwar von ein paar hochkarätigen Zeitgenossen.

    „Aluhut Nacktbar“ ist natürlich ein Bullet

    Wünsch Dir noch einen Schönen Abend und bleibe bitte am Ball

    LG Erika

    1. @ Erika

      Solange mein Name genannt und entsprechend verlinkt, alles unverfälscht und kein eigener Kommerz damit gemacht wird, ist das, allzumal wenn auch noch „Selbstanzeige“ erfolgt, durchaus in Ordnung.
      „Aluhut Nacktbar“ ist in der Tat eine Findung, die gleichzeitig so viele Aspekte zur Sache auf der Schippe hat, dass sie mir fast schon ein Zwangsgrinsen ins Gesichte furcht. Eigentlich muss ein Lied mit diesem Titel her. Vielleicht sorge ich nachher noch für die restlichen „Lyrics“. Viel wird es da, außer einem knackigen Refrain, ja nicht brauchen. Muss mir nur noch überlegen, zu welcher einfachen Melodie der deutsche Sommergassenhauer 2020 zu verdichten sei.
      Da Du in modernen musikalischen Dingen ja recht bewandert, vielleicht weißt Du mir Rats?

          1. @ Erika

            Naja, es gibt auch Partys, an denen man in der und um die Nacktbar lieber nicht mit Aluhut teilnimmt.
            Es gibt übrigens (hätte ich schon vorher mal in die Suchmaschine eingeben sollen) im Netz schon seit einiger Zeit „Aluhut-Nacktbar“-Oberbekleidung, besonders apart auch dies Modell mit der (schwarzen!) Maschinenpistole:
            https://www.spreadshirt.ch/shop/design/aluhut+nacktbar+allahu+akbar+dunkel+maenner+premium+t-shirt-D5b8c04312225093291dcfff7?sellable=Ow3ON99LYGtdvblXqoAg-812-7

  5. @ Magnus

    Dein obiger Artikel ist so schmackhaft, rund und witzig, daß ich mich eventuell gemüssigt sehe, zu denken, Du hättest Dich vielleicht auf Deiner Kurzreise mir vorzüglichstem Pantagruelion eingedeckt ? Liege ich da vollkommen daneben ?

  6. @ Magnus

    Bzgl. des T-Shirts: Ja, manche sind da schnell. Den Schriftzug finde ich zwar recht gelungen, doch etwas unleserlich. Ich trage mich schon länger mit dem Gedanken, mir eine winzige Siebdruckerei zuzulegen. Die gibt es schon für knapp 150.-, wenn ich sie speziell für T-Shirts will ca. 600.- Dann künstlerische T-Shirts in Kleinauflage drucken. Ein verstorbener Freund hatte vor Jahrzehnten die Idee, T-Shirts mit dem Logo „100 DM“ zu bedrucken, welches zeigen würde, daß der Käufer 100.- für ein billiges T-Shirt ausgegeben hat.

    1. @ Erika

      Ja, selber Siebdruck in kleinen Auflagen, das hat was. Allerdings bekommt man professionell schon 100 Stück recht günstig. Ich hätte gerade gerne eins mit dem Aufdruck „White Old Men’s Lives Matter“.

  7. @ Markus

    Was du da günstig bekommst, sind T-Shirts mit Transferdruck. Per Bügeleisen (o.ä.) wird eine Plastifolie auf das Textil „geschweisst“. Diese Dinger kann man nicht tragen, weil darunter die Haut schwitzt. Siebdruck ist da die Wahl, aber dies kann man natürlich nicht der Masse beibringen. Man müsste das schon auf ein künstlerisches Niveau heben, mit allem Brimborium darum usw usf.

    Auf Facebook habe ich heute das Aluhut T-Shirt gepostet. Der eng befreundete* hochintelligente Journalist Michael Schäfer schrieb mir, dass ich das ruhig tragen solle, bekäme dann von den „Neubürgern“ und der Polizei gleichermassen auf’s Maul.

    Man braucht ja Zeit um den Schriftzug zu entziffern und sieht zunächst nur dire Knarre. Das ist scheisse. Einfach den fetten Aufdruck: Aluhut Nacktbar, von mir aus in einem Herzilein, wie ich es auf Fb gepostet habe.

    Deine Idee mit „White old men lives matter“ liegt quasi auf der Hand, obwohl ich denke, daß man damit zum Feuermelder werden könnte. „Eh Aldä, ich geb dir gleich auf Kartoffelfresse“. Natürlich gilt die Parole „White lives matter“ die ich schon eine Weile von mir gebe. Über London flog vor ein paar Tagen ein Flugzeug mit diesem Slogan und es gab von den Nicht-Weissen ein heftig Geschrei (Grad so wie man’s kennt)

    Zum Neu-Englisch: Weil mir einen befreundete Malerin vorhin schrieb, ihr Gemälde wäre in der „Ethosphere“ sah ich mich genötigt, nach zu schauen und zwar im Urban Dictionary, welches ich fast vergessen hatte. Ich selbst habe dorten mal einen Eintrag verbrochen und zwar als ich erklärte, was ein „French Good-bye“ bedeuten würde.

    Das hier ist Wort des Tages und ich könnte mir vorstellen, daß es Dir gefällt

    BHAZ

    Black House Autonomous Zone. The area around Lafayette Square, Washington D.C. It is in reference to Seattle, Washington’s Capitol Hill Autonomous Zone CHAZ.

    „The CNN crew was ejected, without explanation, from the BHAZ across from the White House.“

    (Zu Facebook. Eine Handvoll von Leuten, die auf ähnlicher Wellenlänge sind, hat sich heraus kristallisiert. Will es nicht missen)

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