Fast nie an den Leser denken

Angesichts der sich seit 2015 übereinanderwälzenden Aberwitzigkeiten, kaum versucht man, den Atem anzuhalten, noch einmal schaumichter, schreibe ich hier inzwischen oft eher im Sinne einer künftigen historischen Einordnung als Zeitgenosse denn für die Leser vom Tage.

Indem ich merkte, dass dies immer mehr Gewicht gewann, allzumal meine Reichweite gering, daher umso mehr auf die Dauer denn das heute Erreichbare zu schauen, kam die Frage auf, wie viel Detail, wie viele Beispiele und Anekdoten und schräge Witze dem Zeichnen eines größeren Bildes der Entwicklungen förderlich sei, wie sei das Gleichgewicht zwischen Anschaulichkeit und möglichst rationaler Abhandlung einzustellen, also, dass jeder spätere Leser sowohl die einzelenen Lagen erfühlen und erschauen könne, dazu aber auch prüfen, wie das zu den Gesamteinschätzungen passt; wie das zu den Standpunkten des Autors und seinen Vorlieben wie Abneigungen passt; wie es eben so anschaulich und rein und redlich wie möglich ins Wort gesetzt werden könne.

Zügele ich mich zu bestimmten Schuftereien, damit umso kühler auf diese eingehen zu können, schneidender, dem späten Leser eindringlicher und bewusster, wie viel davon ist dann klug, wie viel am Ende doch eine Portion Schwindel?

Einstweilen versuche ich, in den entsprechenden Stücken nicht allzuviel zu fluchen oder ausfällig zu werden, den Stab des Zynismus meine ich, zuweilen schwingen zu müssen, immer noch eine der besten Waffen gegen den Aberwitz, gelegentlich schleime ich mich dann wieder ein wenig ein, indem ich was Nettes und Liebenswertes einstreue.

Schön blöd, dass ich keinen Hund habe, nicht einmal eine Katze. Die müsste ich nicht einmal per Video einblenden, ab und zu eine süße echte Geschichte, das wäre schon was.

Die Leser in fünfzig oder hundert Jahren werden auf sowas eh nicht viel geben. Mache ich es gut, lachen sie vernügt dazu. Ansonsten werden sie mich auf Echtheit prüfen. (Die Dümmeren auf „Authentizität“)

Und genau darauf setze ich. Man findet alles. Kann meine Aussagen überprüfen und mit dem Rest abgleichen. Nebenher Deutsch lernen und einige weitergehende Zusammenhänge, Vergleiche mit den Alten ins Auge ziehend.

So locke ich sie. Es wird nicht nur mehr Freude machen und Erbauung bringen, hier zu lesen, eben auch mehr Einsicht, Einfühlenkönnen und Verständnis für diese unsere Menschheitsepoche, allzumal von dortaus schon betrachtet am Vergleiche mit anderen.

Von irgendwelchen Erscheinungen, Stimmen, Visionen oder Wundern erzähle ich ihnen selbstverständlich nichts, selbst wenn ich hie und da betroffen oder gar beteiligt gewesen sein mag. Die Leute sind in fünfzig Jahren nicht unbedingt weniger nervös als heute.

Ja, ich habe noch daran zu arbeiten. Ich gehe ja von menschlichen Lesern aus, nicht von Maschinen, die lediglich meinen Wortschatz in Bezug setzen wollen, an irgendwas herumfummeln, was sie in ihrem Sinne brauchen können.

Und die werden eben, so hart ist dies Los, wofern sie nicht unter den Maschinen stehen, höhere Ansprüche an die Darlegung von Sachverhalten, die Schilderung von Szenen, den mehrschrittigen und vernetzten Gedankenaufbau legen; es wird Leser geben, die einem noch den einzelnen Buchstaben in mehrere Teile zersägen lassen, zu schauen, ob nicht eine kabbalistische Botschaft darin verborgen sei.

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Angst vor meinen Lesern. Gar noch vor solchen, die gar nicht da sind, vielleicht nie da sein werden, regelrecht vor Phantomen.

Das kommt davon, wenn man zu viel an die Zukunft denkt, zumal an mögliche Leser.

 

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