Rede an die schreibenden Kollegen

Ich wende mich jetzt wesentlich an die schreibenden Kollegen. Der Rest darf natürlich auch lesen.

Wir werden von der Fülle an Videos derart untergepflügt, die mögen in einer Stunde nicht mehr Inhalt haben, zumal so auf den Punkt gebracht, wie dafür bei uns beim Langsamlesen fünf Minuten genug, es ist aber diese Zeit, wir sind vergleichsweise am Arsch, lächerlich, vergleichsweise kaum noch beachtet.

Da macht es fast nichts, dass es (außer, dass man uns über Suchbegriffe indirekt zensiert, kaum findet) viel schwerer ist, uns komplett zu zensieren, wie es auf YouTube inzwischen Standard, wir sind derzeit, schreiben wir nicht für den Spiegel oder die Welt oder die Bild, jämmerlich abgehängt.

Und meine ich, dass wir uns durch Links zumal auf Videos noch weiter von der Wahrnehmung der Leute abhängen. Was heißt „Wir“, ich zumindest meine, diesen Fehler oft selbst gemacht zu haben.

Denn sobald da (wenn auch nur ganz unten, vorn, zwischendrein, egal wo) so ein Anklickbild eines Videos eingeblendet, sind unsere Texte allenfalls noch halb so lesenswert, denn das Bild springt jeden an, 23 Minuten sind da kein Problem, für unsere Aussagen hat man dann nicht einmal mehr Dreie.

Selbstverständlich werde ich weiterhin auf derart erhellende Videos wie jene von Amazing Polly hinweisen, sie anmoderieren, Leute dorthin zu locken trachten, auch etwas ausführlicher kommentieren und besprechen, insgesamt aber sehe ich uns Schreibende in diesem Spiel als Verlierer, wir schicken unsere Leser regelrecht auf bequemere Weiden, wo einem das Gras einfach ins Maul wächst, mit tausend Wiederholungen, die man uns nie durchgehen ließe, bei uns reicht schon ein Einleitungssatz, der etwas länger geht, und die Kundschaft klickt weg.

Ich werde jetzt also ein wenig umstellen (ja, ich habe das schonmal angekündigt, nur teilweise eingehalten).

Ich werde also vorzüglich entweder ein Video konkret empfehlen und anmoderieren und besprechen (oder auch mal richtig runterlassen), oder keines mehr einstellen, lediglich wörtlich darauf hinweisen, allenfalls den Zeig angeben, dass man da und dort weiteres Interessante zur Sache finden könne, ja selbst, erst am Schluss des Artikels, dass ich von daher entscheidend angeregt worden sei.

Vielleicht ist es ein Don Quijotesker Kampf, ich meine aber, dass das Missverhältnis allzu groß ist, sei es drum.

Nichts gegen „Live-Streams“, zumal in dieser Zeit, prima Arbeit von vielen, aber, wenn da einer drei Stunden lang rumlatscht, war das auch nur drei Stunden Arbeit. Bis ich einen Text geschrieben habe, für den ein durchschnittlicher Leser drei Stunden braucht, brauche ich, wenn auch nur halbwegs gegengelesen und nochmal logisch geprüft, ein Mehrfaches.

Also will zumindest ich raus aus diesem Schreibloch.

Will keiner lesen, was ich zu sagen habe, nun, es mag an meiner langweiligen Schreibe liegen, dass kaum Interessantes dortsteht, an was auch immer, aber will ich mir nicht auch noch selber meinen guten alten Ackergaul vor allen als lahme Mähre hinstellen, indem ich mir stolzeste Araberhengste zur Konkurrenz auf die eigene Kurzbahn stelle.

Jetzt aber, liebe Kollegen, mal raus aus diesem Gejammer.

Schreiben wir mit Gehalt und bedacht und gut, so wird man unsere Texte in Jahren noch lesen, wenn längst keiner mehr Zeit dafür hat, sich zehntausend Endlosvideos zu einem damals aktuellen Thema anzuschauen. Ganz einfach, weil man da womöglich in drei Minuten das hat, was sonst nicht in einer Stunde oder Stunden.

Bewegte Bilder (selbst stehende) sind fraglos ungeheuer mächtig, die Masse kann dadurch viel leichter bewegt werden als durch das geschriebene Wort. Letzteres ist aber zumindest bei Menschen wir mir nachhaltiger. Schon einzelne Sätze von Konfuzius, Cicero, Cervantes, Kleist, Nietzsche sind mir weittragender als hunderte Filmsequenzen.

Was sagt mir so ein Schwachsinn, der heute noch Milliarden Menschen befasst, dass man, groß eingefilmt, entweder die rote oder die blaue Pille nehmen könne? So einfach gehe es nach hier oder dort? Was für ein Kleinkindergartenansatz ist das?

Auf die Gefahr hin, dass langsame Leser jetzt bald in die achte Minute kommen, viele, wenn durchgehalten, schon dreimal beleidigt, setze ich jetzt noch fort.

Und sei es aus blanker Sturheit, gepaart mit Arglist, halb verschüttet, in Ewiggestrigkeit, grunduneinsichtig, kurz vor einem Fossil, das in seiner ausgestorbenen Art, bald nicht einmal einem Discovery Channel noch eine Randnotiz wert, und wenn, im Spotte darüber, dass es zu Zeiten noch welche gab, die Worte und Begriffe ernstnahmen, ich werde nicht nachlassen, denn das Optische ist heute meines Erachtens gegenüber dem Akustischen, zu dem eben das Wort, als Musik des menschlichen Ausdrucks, vom Grunde her gehört, völlig überbewertet.

Genug der Predigt. Das mag jetzt manchen tatsächlich einige Minuten gekostet haben. Frech ist das. Man hätte derweil ein Zwanzigstel eines Livestreams anschauen können oder ein geiles Videospiel auf das zweite Level bringen.

 

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