Von der Lobscham

In den letzten Tagen fiel mir verstärkt auf – es kann natürlich nur meine Beobachtung sein und zumal mit meiner Person als dem Aussprechenden zusammenhängen – , dass ich andere in einem bestimmten Zusammenhang ein grundehrliches ausdrückliches Lob aussprach, die aber (es war keine Dulcinea dabei, um die ich buhlte) durchaus gewisse Schwierigkeiten damit hatten, teils wenigstens leicht peinlich berührt schienen, es einfach anzunehmen.

Mir scheint auch, dass das eher nicht so ausgeht, wenn ich etwa sage „das und das ist sehr lobenswert“, oder „ich finde es sehr löblich“, was im Grunde nichts anderes aussagt, aber, wenigstens nach meinem Empfinden, bei weitem leichter angenommen wird denn wenn ich das Hauptwort „Lob“ direkt verwende. Daher die Überschrift „Lobscham“.

Ich muss dem Neuleser nun anfügen, dass ich seit 1997 Privatlehrer bin, also mit dem Loben berufszwangsmäßig einige Erfahrung habe, nicht nur als Vater zweier Kinder und eines Ziehkindes.

Ich habe mir nun natürlich Gedanken gemacht, wie ich selbst reagiere (eher reagierte, denn das Wort „Lob“ höre ich auf mich bezogen auch nicht oft), wenn man etwa direkt sagt „dafür mein ausdrückliches Lob“.

Mir scheint, ich habe weniger Lobscham als viele andere. Vielleicht, weil ich (das mag ich mir auch nur einbilden, Selbstmitleiden kostet fast nichts, jedenfalls zunächst) seltener ein unmittelbares „Lob“ bekomme, was aber eigentlich unlogisch klingt. Oder auch nicht.

Ich freue mich eher einfach, zumal wenn etwas gelobt wird, selbstverständlich, das ich selber für gut halte, ich keinerlei Anlass dazu habe, eine Schmeichelei oder gar Einschleimerei zu vermuten, alles redlich und echt und aufrichtig wirkt.

Teilweise erschien es mir gar so, wie als ob ich einem (oder einer, ich lobe zwar vielleicht vorsichtiger, aber umso lieber auch Frauen, und zwar noch lieber nicht ob ihrer wundervollen, reizenden äußeren Gestalt, ihres damit verbundenen Anmutes) zu nahe getreten wäre, indem ich sprachlich hantierte wie beschrieben. Mich womöglich unglaubwürdig machte, in den Verdacht setzte, daraus irgendetwas für mich zu wollen.

Eigenartig. Vielleicht überkandidele ich nur, bilde mir lediglich was ein. Erwähnen wollte ich die Sache gleichwohl.

 

Bisher 5 Kommentare

5 Antworten auf „Von der Lobscham“

  1. Guten Tag Herr Göller,

    mein ausdrückliches Lob für Ihre Gedanken zum Thema Lob.

    Bemerkenswert erscheint mir gleichermaßen, dass die Menschen auch in meinem Umfeld – beruflich sowie privat – sich schwer damit tun redlich-echt-aufrichtiges Lob annehmen zu können.

    Meine These: Diese Fähigkeit wurde eben nicht gelernt. Eine banal-logische Feststellung nachdem ich annehme, dass diesbezüglich keine genetische Disposition vorliegt.
    Tja, was wäre ein naheliegender Lernort hierfür: womöglich die Schule?
    Ach ja, doch, denke ich schon.
    These: Die Edukanten haben in diesem vorgenannten Rahmen wenig Lerngelegenheit, da in dieser Richtung großflächig gähnende Leere herrscht – so mein Eindruck.
    Dieser Eindruck basiert auf über 25 Jahren Erfahrung im Individualunterricht mit Kindern und Jugendlichen in Bayern, die zwangsweise die Staatsschule besuchen „dürfen“. Nachdem viele Erwachsene Kinder waren und, in Deutschland aufwachsend, zwangsläufig in der Schule gewesen sein müssen, ist das Nicht-Können von Lob-Annehmen, also die logische Konsequenz, sofern man es nicht außerhalb der Staatsschule gelernt hat.

    Mein spontaner Gedanke zum Thema Lob:
    „Ich lobe mich dafür, dass ich meine Gedanken hierzu geäußert habe“.

    Mit freundlichem Gruße
    Stefan Ludwig Johannes Ehrl

    1. @ Stefan Ehrl

      Ja, das Selbstlob will auch noch gelernt sein.
      Wenn es nicht andauernd und zur rechten Sache kommt, ist es kein Prahlen und keine versuchte Vorteilsnahme.
      Im übrigen: Jedes Unternehmen, das für sich wirbt, lobt sich selbst, wie wir wissen oft unredlicherweise.
      Da regt sich so gut wie keiner auf, selbst wenn jeder Denkfähige merkt, wie die Werbung, wenn sie nicht schon lügt oder wenigstens schwindelt, so zumindest übertreibt.
      Es gibt auch das Sprichwort (oder die Redensart) „Eigenlob stinkt.“ Und selbstverständlich stinkt es, wenn es überzogen beziehungsweise unangebracht ist, so wie jedes andere Lob eben auch.
      Und natürlich werde ich zum Beispiel Schüler für „gleiche“ Leistungen unterschiedlich loben. Wer aus einer Fünf eine Drei gemacht hat, völlig sauber beurteilt, der ist höchlich zu loben. Einer, der statt seiner Einser eine Zweibisdrei geschrieben, hat zwar immer noch die verdient bessere Note, Grund zu großem Lob aber gibt es nicht. Ein sehr spannendes Thema. Danke für Ihre Zuschrift.
      Nachtrag
      Das Beispiel mit den Noten und dem Lob lässt sich selbstverständlich auf alle möglichen Lagen übertragen. Gestern Abend zum Beispiel hatte ich die freudsame Gelegenheit, einen zu loben, der nie länger als Pädagoge tätig war, jetzt aber schon zwei Lehrvideos produziert hat, denen ich eine Einsminus (mindestens Einsbiszwei) gäbe beziehungsweise halb scherzhaft gab. Bei einem bewährten alten Hasen hätte ich das Werk ebenfalls gelobt, aber verhaltener. Wenn sehr gut praktisch normal ist, muss man es nicht so herausstreichen. Ab da will man Sternchen vergeben.
      Nachtrag II
      Am liebsten lobte ich jetzt noch meinen vor einigen Jahren verstorbenen Vater, der Gymnasialprofessor für Deutsch und Französisch war (späterhin unterrichtete er fast nur noch Französisch, auch an der Pädagogischen Hochschule), was hiermit ja doch schon ansatzweise getan, doch scheue ich davor noch etwas zurück, zumindest bis ich sein Buch „Zensuren und Zeugnisse“, erschienen 1966 im Klett-Verlag, inzwischen für mich frei, da lange nicht wiederaufgelegt, ins Netz gestellt habe. Da dreht sich alles um das Maß zwischen Strenge und Milde. Er betrachtete es als eine persönliche Niederlage, wenn er nicht umhinkam, einem Schüler, der nicht steckendumm und endfaul, eine Fünf geben zu müssen…

  2. @ Magnus

    Was aber ist mit dem Schamlob. Nur ein schamloser Tippfehler? Beileibe nicht, wie Cristoph Fürchtegott Traundeibel in seinem berühmten Gedicht „Von der Scham“ so treffend beschrieben hat.

    Man lobe die Scham,
    die niemals nahm.
    So lieblich die Gestalt ,
    ganz ohne Gewalt

    Sie ist nie nackt,
    noch frech besackt.
    Sie hebet an
    so dann und wann

    Man lobe die Scham,
    die niemals nahm.
    So lieblich die Gestalt ,
    ganz ohne Gewalt

    Wünsche Dir einen vergnüglichen Restsonntag bei Kaiserwetter in der in der gutesten aller Stuben. Zur Zeit würde ich gerne auf dem Land leben. Ich war gestern nicht schlecht erstaunt, wie viele junge Leute, auch in Gruppen bei dem schönen Coronawetter auf der Strasse und im Supermarkt rumwuselten. Nicht, daß sie mir auf die Pelle gerückt wären, aber fast. Der Park ist sicher voll. Aber es kommen ja noch viele sonnige Tage

    1. @ Erika

      Dir auch erstmal einen schönen Restsonntag.
      Lustiges Gedicht.
      War eben nochmal draußen in der Nachmittagssonne, hatte Gelegenheit mir meine Haare gründlich zu raufen.
      Die Scham lobt natürlich jeder, im einen Sinne oder dem anderen…
      Ja, es ist schön hier am Land, alle (fast alle) draußen grüßen sich freundlich.
      Ich

  3. @ Magnus

    Tatsächlich habe ich auch bemerkt, daß ein Teil der Leute sehr freundlich grüsst. Vielleicht ein heilsamer Schock.

    Vielen Dank für dein Lob.

    Jetzt ziehe ich mir gleich auf ARTE den Cirque de Soleil rein. Zirkus gehört in meinen Kindheitserinnerungen zu den schönsten, neben klassischer Musik und Feuerwerk.

    Einen Schönen Abend wünsche ich dir noch und bleibe so wie du bist. Vielleicht manchmal ein wenig diplomatischer formulierend. Die Kanten am Stein schleifen sich mit der Zeit fast von alleine ab…

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