Vom Schachweltmeisterschaftskandidatenturnier 2020

Immerhin findet im sibirischen Jekaterinburg noch das Kandidatenturnier 2020 statt. (Zwar mussten sich die Spieler vorher in Quarantäne begeben, einer sagte aus Angst ab, Radjabov, was schade, doch kam damit Maxime Vachier-Lagrave zum Zuge, was sich ohnehin viele wünschten.)

Heute ist Ruhetag, morgen geht es wieder an. Es gibt mehrere hochrangige Kommentatorenteams, die sehr unterhaltsam sind, die spanischen von Chess24 reißen einen Witz am anderen, die englischsprachigen derselben Seite sind diesbezüglich auch nicht von Pappe, und zweitweise macht sogar der Weltmeister Magnus Carlsen höchstselbst mit. Die für gewöhnlich ausgezeichneten US-amerikanischen habe ich mir noch nicht angeschaut, werde das aber am morgigen Spieltag zeitweise nachholen.

Nebenher kochen, Wäsche waschen, aufräumen, fegen, Knöpfe annähen, Schuhe putzen, Messer abziehen, zwischenzeitlich vielleicht auch mal wieder einen lustigen Aphorismus verfassen, die Zeit schreit ja danach, ich freue mich schon.

Manchmal finde ich sogar selber den besten (nicht völlig naheliegenden) Zug. Oder habe ihn wenigstens ernstlich in Betracht gezogen. Dann bin ich ein ganz kleines bisschen stolz auf mich, was ja heimlich, zuhause, auch einem Deutschen noch nicht grundgesetzlich verboten.

Ich bewundere das Können, die Ausdauer, die Nervenstärke, zumal den überaus anständigen Umgang dieser Kämpen miteinander. Und manche Partien werden so spannend, dass man meinen könnte, das Brett breche jetzt gleich entzwei.

Und: Wie ich hier schon einmal schrieb, gibt es wohl gelegentliche Dopingkontrollen, welche aber eigentlich auch ganz unterlassen werden könnten, denn Doping jenseits von Koffein und Nikotin (vielleicht auch mal einem heimlichen kleinen Schnaps) ist im Schach absolut sinnlos, die nötige Konzentrationsspanne und Denkfähigkeit über Stunden hinweg sorgen dafür. Es gibt allerdings eine Anekdote von GM Simon Williams, einem lustigen Rotschopf, er habe sich zu Amsterdam mal Psilocybepilze – „Magic Mushrooms“ – reingepfiffen, gegen einen nicht unbeachtlichen Gegner in einer klassischen Partie (also über Stunden gespielt) gewonnen, indem ihm die Springer im Geiste und endlich sinnig nur noch so über das Brett flogen. Ein Kandidatenturnier gewinnt man auf solcher Diät aber sicher nicht.

Magnus Carlsen selbst nun, der entwickelt sich inzwischen immer mehr zu einem wohlwollend feingiftigen humorigen Geist, fast schon einem Philosophen. Was nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, welche Anforderungen das Spiel stellt, wie viel Psychologie mitspielt.

Es ist auch ganz anders als bei anderen Sportarten (außer Go oder Shogi natürlich). Ein gravierender Fehler, und die Sache ist gegessen, man kann sich in den eigenen Arsch beißen und dawider auflehnen wie man nur will. Im Tennis kann man jeden Doppelfehler wieder gutmachen, im Basketball jeden Fehlwurf, im Fußball jedes Eigentor.

Nicht im Schach. Gnadenlos ist das. Ich liebe es.

 

 

Bisher ein Kommentar

Eine Antwort auf „Vom Schachweltmeisterschaftskandidatenturnier 2020“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.