Stuttgart bei Nacht

In diesem beliebten zarten Video geht es um einen Schwaben, der seiner Altstadt erklärt, allen Huren und Zuhältern, dass er sich daselbst nicht mehr einfach von irgendeinem damit verbundenen Gesindel zusammenschlagen lassen werde, denn anderenfalls folge ein Scheißdreck.

Soweit bekannt ward der Wackere an diesem berüchtigten Eck, dem Bermuda-Dreieck Stuttgarts, seitdem auch nicht mehr gewaltsam angegangen, öfter, auch nächtens, wiederum da vorbeikommend. Manche würden sagen, der Mann habe die Sache einfach mittels Zivilcourage gelöst.

Nun, dieser außerhalb der Stadt wenig bekannte Mann schlägt sich sonst mit Analphabeten und Zuckerbergen herum, da konnte man davon ausgehen, dass er zwar mal deutlich und unsüß werde, wörtlich, sich aber nicht gar noch an einem auf ihn gehetzten, ihn vielleicht gar schützen Wollenden, auch nur sich selbst verteidigend zu vergreifen, am „666“ (riesengroß ihm rot auf die Stirn tätowiert, wie das kam, wissen nur die Täter, Gerüchte gibt es dazu genug), am Flitzer, oder Schlitzer hier, in bösestem Spott, einem lieben, gekrümmten alten Alkoholiker, den in der Stuttgarter Altstadt jeder kannte, ich sage kannte, weil ihn inzwischen lange keiner mehr sah. Dem man da und dort immer noch ein kostenloses Bier ausgab oder einen Schnaps zum Schnelltrinken, da er nie jemandem etwas getan hatte und man ihm dafür nur übel mitgespielt.

Ja, der ist da so schnell in der Szene, das erbärmliche Männchen wird zur Gewalt gegen den Heimatreklamator laut angestachelt, versucht sie sogar. Vielleicht eher scheinbar, wer weiß, wer ihn unter Druck gesetzt hatte oder welche Sorge er sich vielmehr um den anderen Schwaben macht.

Am Video ärgert eigentlich nur (abgesehen davon, dass ein Gewaltaufruf eingeblendet und durch unautorisierte Weitergabe im Netz Persönlichkeitsrechte verletzt sein könnten) die schlechte Audioqualität am Anfang. Man sieht die Gasse mit den Huren recht gut, hört aber nicht so genau, was der heimatverteidigende Schwabe da am Anfang doch anscheinend sehr deutlich hineinruft. Die Gasse heißt übrigens Leonhardstraße und ist der Kern aller Puffs zu Stuttgart.

Nun, an unschuldigen, spontanen Amateurvideos gibt es oft viel zu kritisieren, immerhin kommt es schön, wie die eine Hure sich schüttelnd nach vorn springt, ein Desaster erwartend oder einfach nur so aufgeregt, was denn darauf folgen werde, der Reconquista-Schwab macht sich endlich brav davon, den 666 werden sie für sein kongeniales Auftreten vermutlich nicht fertiggemacht haben.

Weshalb der Reconquista-Schwabe daselbst einst zur Weihnacht in die Bewusstlosigkeit in den Schnee getreten ward, was die liebe Polizei dann tat, ihm zu helfen, zu ermitteln, gar nichts Echtes, und Schlimmeres, ihn vielmehr doppelt zwangsverwurstelt, weswegen er dann so sein Heimatrecht in den eigenen Schwabenmund nahm, das wird er Euch vielleicht irgendwann auch noch erzählen.


Achja, der seine Bewegungsfreiheit mitsamt körperlicher Unversehrtheit dergestalt verteidigen zu müssen glaubende Schwabe ging, alswie ich ihn befrug, eiskalt vorbereitet etwa zwischen halb elf und elf an einem Freitag Abend gezielt an dies Eck, wohl wissend, dass links unterhalb, indem alle Huren gradaus auf Volltouren, noch jede Menge Müßigtrinker sitzen würden, masse Zeugen, also, dass ein Erschlagen seiner gleich vorort, wie damals vielleicht um Dreie, verunwahrscheinlicht, denn Zuhälter sein und angepisst, das heißt nicht gleich strunzdumm.

Ich habe ihn auch gefragt, ob ich all das wirklich veröffentlichen solle. Er meinte ja. Er meinte, es sei nicht klug, wögen wir unsere Gegner allzusehr in Sicherheit, in ihren feuchtesten Träumen unserer auszunutzenden Wehrlosigkeit, das möchte sie nur zu noch mehr unerträglichen Grenzüberschreitungen und frechen Dreistigkeiten veranlassen.

Nun, so sieht er das.


Eben wollte ich noch wegen ein paar genauerer Umstände nachtelefonieren, da scholl schon das Gerät, und der Selbstschwabe erklärte mir, er empföhle selbstverständlich niemandem einfach so ein vergleichbares Vorgehen; ein solches sei fast immer töricht; Unfug weiter herauszureizen sei eigentlich Unfug; auf einen groben Klotz gehöre aber auch einmal ein grober Keil, vor allem dann, wenn die Mittel nicht helfen, die das längst hätten sollen.

Ja, er gibt sich schon ein wenig selbstkritisch. Er will offenundig nicht, dass jeder Jungspund ihn nachahmt. Er scheint eher daran zu denken, dass man all das eleganter machen könne als er dazumal. Als schwäbischer Notselbstwitz, etwas in Ernste gegangen. Mir scheint, der Typ träumt davon, achwas, baut die Bilder schon auf, wie junge Leute einen derartigen Blödsinn gar nicht mehr nötig haben, jämmerlich am Hureneck herumplärren zu müssen.

Am Grunde scheint er sich eben doch zu schämen. War das wirklich nötig? War DAS der Jugend ein Vorbild?

Insgesamt scheint er sich nicht sicher: Er tröstet sich anscheinend einstweilen damit, dass er wenigstens teilweise kein unverfälschtes Schwäbisch sprach.


Nach all dem ließen mir aber seine wenig verklausulierten oder niedergschwäbelten Andeutungen bezüglich Fehlverhaltens von seiten der Stuttgarter Polizei keine Ruhe, ich rief ihn darob nach elf nochmal an, ob er da nicht konkreter werden könne, allzumal wegen der Verunsicherung der Jugend.

Nein, meinte er, es gebe anständige Stuttgarter Polizisten, er wolle da keinen weiteren Händel, den nähme er nur auf, käme man ihm von der Seite her nochmal so sinnlos frech, widergesetzlich und blöde. Er sprach sogar von „Deeskalation“, was normalerweise nicht seine Wortwahl, nur auf dass dies jeder verstehe. Die „schamlosen Lugenbeutel“ aber von denen, die gelobte er gleichzeitig nicht zu vergessen. Nicht in dem Sinne, dass er solchen Simpeln je nachstellen wolle, aber ob deren Taten in genau diesem Zusammenhange. Wenn es darauf kommt, kann er fast geschwätzig werden, obzwar er seine Rede vor allem dazu dann plötzlich sehr eng hält. Es scheint wie als ob er da noch etwas zurückhielte.

Er hat auch, klug oder bescheuert, das weiß noch keiner, das Rätsel aufgestellt, wofür er denn vorgeblich ursprünglich an Weihnachten in den Schnee in die Bewusstlosigkeit getreten worden sein solle, von wem?

Darauf angesprochen sagte er mir, dass er engsten Freunden schon erzählt habe, weshalb und wie sich alles zutrug, er sich das aber aufspare, bis dass fröhlichere Zeiten anrückten, ansonsten schonmal, indem die es, wofern damals überhaupt so recht vernommen, wahrscheinlich ziemlich dumm vergessen, fallweise eben doch gegen die Stuttgarter Polizei.

Dieser Schwurbelschabschwab, man kann ihn schimpfen, was man will, Seckel, Dummseckel, dem egal, der redet tatsächlich so. Also wenn er schreibt. Sonst versteht man ihn noch weniger.

Und dann ist das Vermaledeite, vermutet man erst recht so leicht nicht, dass er vollauf fahrlässig ins Hohle redet, im Zweifel nichts auf der Hand hat. Und so ist er doch wieder ein Stück weit ernstzunehmen, so lästig das sein mag.

Außerdem hat er auch etwas Liebenswertes, Kindliches. Der denkt wirklich noch, er könne in seiner Heimatstadt Unversehrtsheitsforderungen anstellen, nachdem es ihn vermutlich ja schon einmal recht heftig traf. Ein ziemlich hoffnungsloser Romantiker. Vermutlich dachte er, irgendeine Luzinde rettete ihn da weg in ein sauberes Bett, und er müsste nicht einmal bezahlen dafür. Ja, ein postmoderner wie bestellt antretender Trottel. Karikatur allen Wehrsinnes. Kompletter Kasper. Schande mindestens von Rottweil bis Ulm und Heilbronn. Bannmeile für den rund um den Schillerplatz. So schon gefordert.


In seiner diesmal schriftlichen Stellungnahme zur gegen ihn erlassenen Bannmeile rund um den Schillerplatz schreibt er: „Das ist sehr schade. Ich liebe diesen Platz und zumal den beinahe angrenzenden Karlsplatz mit dem samstäglichen wunderbaren Flohmarkt unter Kastanien, ebenso die Markthalle, darin besonders meinen Gewürzhändler, den Rest konnte ich meist nur anschauen, dessen Waren sind hervorragend und dabei preiswert. Darf man mich nicht einmal mehr an solchen Stellen sehen, es mag die Stadt in einem gewissen Sinne reinigen, lustiger aber wird sie dadurch vermutlich nicht. Schafsseckel.“

 

 

Bisher 7 Kommentare

7 Antworten auf „Stuttgart bei Nacht“

  1. Ich bin erschüttert. Der heimatlose verschissene „666“ geht auf Sie los. Der hammer. Muss mich erstmal beruhigen, bevor ich den Text lesen kann

    1. @ Erika Walter

      Jeder in der Stuttgarter Altstadt kannte „666“. Der bei aller Versoffenheit, man legte ihn, der wohl nie jemandem wirklich was zuleide tat, übelst rein, tätowierte ihm die 666 fett rot über die ganze Stirn, was für Arschlöcher, gar nicht doof war oder hoffentlich vielleicht noch ist. Ich hatte Gelegenheit, mit ihm zu reden, vor diesem Auftritt. Abgründig ist der, der ihn auch noch auf mich loshetzte, sich einen Spaß daraus machte, in sein Schmerzphon reinbrüllend, das dann veröffentlichte. Dem könnte ich leicht juristisch kommen, was ich aber nicht tun werde, wird er oder werden andere nicht noch sinnloser und frecher. Ausdrücklich einschließlich der Stuttgarter Polizei. An seiner verruchten Stimme mag er dort sowieso erkannt werden. Keine Ahnung, ob er sich damit Ruhm erworben hat. Von mir weiß sowieso schon jeder, wer ich bin. Mein Gesicht reicht, dass ich keine 666 brauche.
      Ich werde mich ansonsten, nötigt man mich nicht dahin, zumal zu der Vorgeschichte, da ich an diesem Eck unschuldig bewusstlos in den Schnee geschlagen wurde, ja, vor der Erderwärmung, nicht weiter äußern. Ich hätte nicht nur Polizeibeamte anzuzeigen, die mich hernach weiterhin misshandelten. Das spare ich mir, es sei denn, es muss.

  2. @ Magnus Wolf Göller
    Sie werden lachen, ich kenne 666 vom sehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die grosse Tätowierung unbemerkt an ihm vollzogen werden konnte. Es wäre um eine Wette gegangen, habe ich gehört. Er ist schon lange nicht mehr gesehen worden, ich dachte schon, er hätte das Zeitliche gesegnet, sah ihn aber auf einem Foto zusammen mit Bernd Heidelbauer. Ich glaube nach dem Tod dieses Attila. Vielleicht reist er ja mit Geisterbahn-Schaustellern in den Landen rum.Sie haben recht, der zum schlagen auffordert, ist mies. Sie haben sehr cool reagiert, muss ich sagen

    1. @ Erika Walter

      Ich habe die Geschichte von der Wette im Viertel auch gehört. Es gibt aber die andere Variante, man habe ihn erbarmungslos abgefüllt…
      Da fällt mir endlich wieder ein, wie er heißt (mein Namensgedächtnis ist eine für einen Sprachwissenschaftler schwer erklärliche, peinliche Verheerung, Hermes‘ Rache vielleicht), er heißt Herbert. Er soll vor seinem alkoholischen Absturz ein überaus freigiebiger Mensch gewesen sein. Ich verachte den, der da ins Handy schreit, nicht meinethalben, sondern Herberts wegen. Was für ein Halbwichsschlunz, um dem noch Nettes zu sagen. Dem hätte es wohl am besten gefallen, hätte ich mich von ihm oder Herbert zu einer Tätlichkeit reizen lassen, er mich gleich mit Beweisvideo anzeigen können, sein Aufruf, mich fertigzumachen (also vielleicht gar zu töten), wäre dann, gemäß heutigem Stande gegen anständige Deutsche, nur Satire gewesen. Höhö.
      Nachtrag
      Meine Genugtuung besteht einstweilen darin, dass der sich so laut und mit erkennbarer Stimme selber hinterlassen hat. Was er gemacht hat, findet vermutlich nicht einmal unter den Huren und Luden irgendeine dauerhafte Wertschätzung. Außerdem scheint meine schwachsinnig erscheinende (wirklich ziemlich schwachsinnige) Aktion geholfen zu haben. Ich kann seitdem in meine Musikerstammkneipe (kein Puff), an der Hauptstätter, 30 Meter von der Leonhard, ohne dass gleich nochmal der nächste Schwachkopf anrückt, mich in den Schnee zu treten.
      Und wenn wir schon beim „Insidern“ sind: Zwei Freunde von mir wurden genau an demselben Eck überfallen. Ich nannte es deshalb gegenüber den Stuttgarter Polizisten schon das Bermuda-Dreieck der Stadt.
      Von der anschließenden Scheinrazzia, was mir man hernach im Marienhospital antat, eindeutig Nötigung und eine weitere Körperverletzung, schwerer Amtsmissbrauch, bewusster medizinischer Missbrauch, danach Lug und Freiheitsberaubung, erzähle ich hier jetzt nichts.
      Immerhin bekam ich selber kein Strafverfahren wegen schweren Landfriedensbruchs wegen sich Zusammenschlagenlassens und erstmal gleich Müll Liegenbleibens, damit Umweltverschmutzung, Stadtverunreinigung, gar keins.

  3. @ Magnus Wolf Göller
    Sie haben da ja anscheinend eine sehr interessante Geschichte auf Lager. „Schreib das auf !“. Leider lassen sie das slawische Nüttchen unerwähnt, welches „Hebbe“ auf sie gehetzt hat. Vielleicht finde ich irgendwann die Geschichte von 666 raus. Wann immer ich ihn gebeugt daherschlurfend kommen sah, dachte ich so zu mir: „Aber zäh ist das Bürschle auf jeden Fall“. Stellen sie sich vor, mein Namensgedächtnis ist praktisch kaputt. Manchmal gebe ich meinem Unterbewusstsein den Befehl, den Namen zu suchen und oft fällt er mir dann Tage später ein. Unerklärlich, da ich sonst ein Gedächtnis habe, zu dem im Vergleich das Gedächtnis eines Elefanten sehr kurz ist
    Welche Musikerkneipe meinen sie?

  4. @ Magnus Wolf Göller

    Aah, ja. Rogers Kiste, da war ich auch schon drin. Vor Jahren sass ich gerne im „Brett“ im Bohnenviertel, wenn ich mal in Stuttgart war. Kennen sie das?

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