Die spirituelle Verlogenheit – Oder: Einbildung ist auch eine Bildung

Gastbeitrag von Gigi Lichtaubergh

Die Eso-Szene hat sich gewandelt. Esoterik hat einen schalen, sehr theoretischen Beigeschmack bekommen, bei all der Kritik, die auftauchte, nun nennt sich eine ganze Szene „spitituell“. Die „Spiri-Szene“. Ganze Blogs nennen sich spirituell, fortschrittlich, allen Anderen vorangehend, alles besser wissend über den neuen Menschen, den Menschen im Wandel, den Menschen, der sich auf mannigfache Weise verändert – und mit ihm die ganze uns umgebende Welt. Oder wegen der uns umgebenden Welt, weil die ist ja vor allem im Wandel.

Was in der realen Welt nicht erkennbar ist, wird wunschgemäß und an äußeren Pseudomerkmalen herbeigezerrt, an eingebildeten Mahnmalen festgezurrt, selbst wenn die Praxis sichtbar davon abweicht, zu 98% abweicht, wird vehement darauf bestanden, dass der Mensch in jeder Situation spirituell ist, sein muss, und wenn es geschrien wird, es m u s s so sein.

Da gibt es Überschriften wie: Energie will fließen – die Geldwirtschaft wird sich auflösen. Die neue Erde. Die Liebe ist die Liebe, und nichts Anderes ist. Das Erwachen der göttlich-männlichen sexuellen Energie. Der Vollmond am 13. Oktober 2019.

Daraufhin folgen ganze Artikel mit vordergründig sehr einleuchtenden, theoretischen Ausführungen, die uns schon allein durch Lesen besser machen. Richtig funktionieren lassen. Vor allem auch brauchen wir kein Fleisch mehr essen, weil die Photonen, welche unsere Sonne nun entsendet, nähren uns über Licht. Wunderbar.

Alles ist so schön, so gut, so praktisch, wir sind spirituell bis in die Fingerspitzen, nichts anderes, nichts kann diese Harmonie stören. Nur ein Mord. Dann bricht Hektik aus. Vor allem bei einem Fünffachmord. Da wird es noch hektischer, und noch spiritueller. Weil da gibt es einen, nur einen, der stört die Harmonie, die jetzt überall herrscht.

Unsere Welt und wir Menschen wurden und werden von der Spiri-Szene schön geredet, harmonisch geredet, und da komme nur ja keiner, der etwas anderes behauptet. Nieder mit der Praxis, nein, wir sind alle gut, spirituell, liebevoll, und es soll ja keiner, keine kommen, und behaupten, unsere Welt sei schlecht, barbarisch, in Interaktion gemeinschaftlich junge Menschen entmutigend, in die Enge treibend, in Ausnahmezustände katapultierend – n e i n ! Es ist ja nichts!

Ja dann….
Die 5 Menschen leben ja noch. Es war ja nichts.

Hier ab Kommentar 19 geht es abwärts in der Spirale:

https://www.gehvoran.com/2019/07/deutschland-im-juli-2019-emotionaler-ausstieg/

Bei so viel Realitätsverweigerung bleibt sogar mir der Mund offen stehen und ich weiß nicht mehr, was ich schreiben wollte. Ich wollte über Spaß schreiben! Doch dies hat mich nun mitgerissen und ich muss mich wohl entschuldigen bei Magnus. Es gibt nur das zu berichten, was eben zu berichten ist. DAS ist k e i n Spaß!

Ein junger Mensch wurde verheizt. Von einem ganzen Dorf. Doch WIR – wir sind a l l e spirituell ! ! Fasse es, wer kann!

Wir können sehen, was sich zuträgt, doch wir, Spirituelle vom Scheitel bis zur Sohle, wir sehen, wie die Welt mit jedem Tag besser wird. Wir entwickeln uns so spirituell, dass wir bald ohne das Sterben des Körpers die Dimension wechseln können. Wir sind fast schon eine fortgeschrittene Zivilisation, vom Homo Sapiens zum Homo Universalis. Eigentlich s i n d wir schon Homo Universalis. Wir sind Geistwesen, die sich in keinster ja nullster Weise mehr um diese schäbige 3D-Welt kümmern müssen. Die wird ja von Normalos bevölkert, damit haben wir n i c h t s zu tun. Wir sind Spirituelle. Tobe da ein Krieg neben uns, wir sind besser.

Fasse es, wer kann, ich nicht. Mit tun die jungen Menschen leid, die so grausam verheizt werden. Alles Gute liebe Welt.

Bisher 7 Kommentare

7 Antworten auf „Die spirituelle Verlogenheit – Oder: Einbildung ist auch eine Bildung“

  1. @ Gigi

    Zunächst vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich habe fast nichts verändert: Schau nochmal drüber, ob so alles passt, wenn Du noch was ändern willst, gib mir bescheid.

    Ich habe mir natürlich die Mühe gemacht, den von Dir verlinkten Artikel und die Kommentare dazu zu lesen. Es wird schließlich wirklich ein schwerst stussiges Geschwurbel. Lesenswert aber in dem Sinne, dass es sich geradezu beispielhaft entwickelt. Und es fehlt da manchem wahrlich nicht an sprachlicher und inhaltlicher Kreativität, den Kreisel sich immer noch schneller drehen zu lassen. Das sind in der Tat im landläufigen Sinne relativ gebildete Leute, keineswegs halbe Analphabeten, die sich da textuell ins Nirvana delirieren. Auch wurde der Strang zum Glück nicht noch länger, bislang, man kommt recht schnell durch.

    Achja, ehe ich’s vergesse: Keinerlei Grund, sich bei mir zu entschuldigen. Ja, es ist der Artikel jenes Gehvorans etwas quälend zu lesen, aber danach wird es tatsächlich also grausig wie lustig (wenn man da noch lachen kann).

    Dabei muss man zur Ehrenrettung des mitdiskutierenden Au-Toren sagen, dass er die anderen Weltweisen mit seinem Artikel zwar durchaus erbarmungslos zur Schwurbelastik einlud, im Kommentarstrang aber noch als einer der Vernünftigsten glänzt.

    Doch, das Beispiel ist hervorragend gewählt. Lustig auch, dass der Blog „gehvoran“ heißt. Ich werde mir das ganze Beweisstück bei Gelegenheit noch genauer anschauen, denn da liegt jede Menge ungehobener Mist, mit dem ich vielleicht auch mal einen eigenen Artikel düngen werde, wenn mir mal wieder nach Spiri ist.

  2. @ Magnus

    danke für Deine rasche Veröffentlichung und gut passende
    Korrektur des Textes. Eigentlich hatte ich es nicht erwartet,
    dass Du das so weit auch so siehst. Das Ganze geht mir schon
    sehr unter die Haut. Ich war jahrelang mit dem Thema Kinder
    und Schule sehr belastet und eigentlich ist es ein Wunder,
    wenn ich betrachte, wie mit unseren Kindern umgegangen wird,
    dass nicht mehr passiert. Es läuft einiges sehr schief in unserem
    Denken und wie unsere Kinder in einem System funktionieren sollen,
    wo kein Platz für eigene Vorstellungen und Pläne ist, und wo absolut
    kein Sicherheitsnetz ist, wenn diese Lebensbausteine wegbrechen,
    wenn eine unvorhergesehene Änderung der Situation eintritt.

    Ein Mensch kann doch nicht einfach aus einer Situation, die gewachsen
    ist, ohne Mitgefühl und ausreichender Begleitung, herausgeschnitten,
    verjagt werden!? Ich kenne einen Fall, da blieb der verlassene Partner
    noch ein ganzes Jahr, auch räumlich, in der nicht mehr heilen Situation.
    Nicht jeder junge Mensch verkraftet eine Trennung so auf
    Knall und Fall,
    vor allem nicht, wenn er trauert, dass er da – schon so schnell –
    völlig ersetzt wurde! Wo bleibt da der Anstand? Darf dieses
    Wort überhaupt noch geschrieben werden?

    Ich schrieb dieses „Nachwort“ extra jetzt, um die Möglichkeit
    eines besseren Verständnisses zu bieten, für uns alle,
    für Betroffene, für Eltern, die vielleicht einmal in
    so eine Situation kommen.

    1. @ Gigi

      „Es läuft einiges sehr schief in unserem
      Denken und wie unsere Kinder in einem System funktionieren sollen,
      wo kein Platz für eigene Vorstellungen und Pläne ist, und wo absolut
      kein Sicherheitsnetz ist, wenn diese Lebensbausteine wegbrechen,
      wenn eine unvorhergesehene Änderung der Situation eintritt.“

      Ich muss jetzt so langsam aber zügig vorsichtig damit sein, Deine Rede hier zu loben. Du sprichst damit genau die Schleifung jedes Fundamentes gleichzeitig mit Panikmache und Rezeptlosigkeit für entwurzelte, vernutzte Kinder an, von der auch ich in anderen Worten rede. Sozusagen vom Abgrund aller Abgründe.

      Wir beide sind alt und weiß und Du vermutlich auch hetero, womit Du nur noch den Vorteil hast, eine Frau zu sein.

      Wie viel der allerdings noch hilft, wenn frau so schreibt, wie Du es tust, ich weiß es nicht. Allzumal Du es ja hier auch noch an der publizistischen Seite eines notorisch stolzen bösen alten weißen Heteromannes tust.

      Auch für mich verwunderlich nicht, dass Du nach unserem kleinen Disput neulich, eben nicht ein gemeinhin unmittelbar sehr erhebendes Thema gewählt hast, Dir, wenn man so will, dem Rücken freigeschaffen für wirklich wieder Schönes. Mag sein, dass ich da überinterpretiere. Auf jeden Fall, meine Meinung aus dem Nähkästchen, hast Du damit, ich helfe gerne, wenn es nottut, die ganzen „Spiris“ schon ziemlich von der Backe, wollen sie Dich, schreibst Du dann mal wirklich rein Schönes, als Schwätzerin, Blöde, Zukurzgekommene, neidische Unerleuchtete, was denen noch einfallen mag, insgesamt herabzusetzen ansetzen, damit zumal, was Du geschrieben hast. Deinen Text jetzt hier werden sie es kaum wagen, aufzunehmen, gar anzugreifen. Zu viel der Entlarvung.

      Wenn ich etwas von Dir oder einem anderen für einen unhaltbaren Scheiß halte, veröffentliche ich es einfach nicht. Bei Kommentaren vielleicht schon. Da bin ich sehr liberal. Bei Gastbeiträgen gibt es so eine Art Göllerschen Mindeststandard. Ich muss nicht in allem zustimmen, den Artikel aber für insgesamt interessant und gut geschrieben halten. Wichtig. Diskussionswürdig.

      Da habe ich Grundsätze. Da gibt es auch Dir nichts zu Gefallen.

      Ich freue mich schon auf weitere Gastbeiträge von Dir.

      1. @ Magnus

        hier will ich noch einmal nachhaken, Du hast so vieles reingepackt und sehr wohlgeformt, dass ich nicht widerstehen kann. Ja, ich war eigentlich auf Schönes aus. Erhebendes. Doch dieser Strohhalm knickte ein, bevor er zum Baum geworden, in dem ich baumeln hätte wollen, können. Das ist es, was ich mir so wünschte. In diesem Herbst. Nach vielen Abenteuern.

        Ich werde wohl einen Baum finden müssen, der mich einlädt, der mich trägt. Hoch oben mit den Tieren des Himmels und den flinken kleinen Kletterern. Und Kletterinnen. Und Kletten. Und Klammeraffen und Sehnsüchten. Und weisen, verspielten Wichteln und Märchenfiguren. Endlich ohne Zeit. Ohne farblich abgestimmte Kleidung, vielleicht ein Phantasiegewand? Mit ordentlich verknitterten Stoffbahnen?

        Weit weg, zu weit von den ätzenden Spiri-Urteilen. Sie kommen. Kommen sofort. In großer Zahl. Wenn du kommst, ohne Arg in ihre Reichweite. Du hast sie aufgezählt. Doch dort hinauf wagen sie sich nicht. Sie haben keine Ahnung von den hohen Bäumen, die einladend sich öffnen, willkommen sein, in ihnen wohnen und beobachten und Kraft tanken und spielen. Vor allem spielen. Unendlich spielen in der Zeitlosigkeit.

        Gelächter hören und Windhauch spüren. Äste wippen sehen, Blätter zählen. Rinde riechen, Käfer studieren. Ameisenstraßen beobachten. Was machen die in einem fort? Ständig sind sie auf den Beinen, tragen Lasten, sind die hyperaktiv? Streiten die nie? Jedenfalls nicht nachhaltig, nicht über Jahre und nicht laut! Glück ist etwas für Tiere. Also macht mit Tieren leben glücklich? Ein kleines Ferkel adoptieren. Ferkel sind saubere Haustiere. Brave Hüter des Hauses. Spaß ist etwas für Menschen.

  3. @ Magnus

    danke für die hohe Latte. Damit kann ich leben.
    Echt, geradlinig, für alle gleich. Gut so.

    Das Thema habe ich nicht gewählt, es hat mich
    gewählt. Und mit gehvoran war noch die ein oder
    andere Rechnung offen. Ich mag diese Halbheiten
    nicht. Große Töne, und dann einknicken, beim
    leichtesten Fönwindchen.

    Ein Schlusswort noch zum Kernthema des Fünffach-
    Mordes. Zwei Frauen und ich haben es erarbeitet:
    Das Ergebnis ist mit 5 Toten extrem schlecht.
    Also muss vorher extrem viel schief gelaufen sein.
    Mir wurde gesagt, der Verschmähte Freund traf
    die beiden Verliebten in einem Lokal. Nach einem
    kurzen Streit saß er allein draußen und weinte.
    Fremde Augenzeugen sagten es später aus.

    Unsere Erde beherbergt doppelt so viele Reiche
    (=Arme) wie Menschen. Wo waren diese, als ein
    verlassener junger Mann vor diesem Lokal weinte?

    Wir sollten einander öfter umreichen.
    Menschen.

    1. @ Gigi

      Tut mir leid. Ein Fünffachmörder (durchgedrehter tiroler Jungspund ebenso wie Pariser Polizeiislamist, der seiner Kollegen) einer ganzen unschuldigen Familie wie des neuen Freundes seiner Angebeteten hat bei mir gar nichts.

  4. @ Magnus

    J e d e Situation hat mehrere Wege offen, um sie zu leben.
    K e i n e Situation hat nur einen Weg und keinen Ausweg.
    Ich hätte diese Situation so gern v e r h i n d e r t.
    Ja, die Tat war eindeutig schlechte Energie.
    Mir geht es um die Analyse, welche Abzweigungen vorher
    ein anderes Ergebnis gebracht hätten. Das ist alles.

    Einmal „ich verstehe dich“ mit einem tiefen Blick in die
    Augen eines Verzweifelten, einmal fest gehalten, ein
    tiefgehendes Gespräch können Wunder wirken. Vielleicht.
    Doch dann wurde wenigstens alles getan.
    Wurde in diesem Fall alles getan, dieses Morgen g r a u e n
    zu verhindern? Oder wurde alles getan, um es stattfinden
    zu lassen?

    Das ist hier die Frage.

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