Vom Arztkriege

Sozusagen in eigener Sache.

Es gibt Leute, die mir zwar nicht gleich den Tod wünschen, sich aber doch darüber ärgern, dass ich immer noch sehr selten körperlich krank bin, so gut wie nie beim Arzt, obzwar ich rauche und trinke und Fleisch esse und offenkundig an mehreren psychischen Krankheiten leide, allen voran Größen- und Verfolgungs- und Klimawahn. Auch meine Les- und Rechen- und Hörschwäche müssten längst reichen, dass ich mich freiwillig in Behandlung begeben hätte. (Wegen meiner Kurzsichtigkeit war ich über zehn Jahre nicht beim Augenfutz, die Optiker messen das alleine gut genug. Kein Theater. selber bezahlt, fertig.)

Über all diese Krankheiten und Störungen und Schwächen hinaus, die bei mir schon von jedem Laien zweifelsfrei zu diagnostizieren sind, steht noch meine Sturheit, die ja der Dummheit ziemlich entspricht, welche beide fieserweise nicht als Krankheiten einzustufen sind. Damit ziehe ich mich, hochmütig und eiskalt, anmaßend und frecher als getrockneter Eberrotz, immer wieder raus. Denn auch Hochmut und Gefühlskälte und Frechheit, diese Lücke habe ich ebenfalls erkannt, zählen nicht als reguläre, zumal gemeingefährliche Krankheiten. Weswegen der Zwangsarzt nicht so leicht zu holen.

Ich habe sie noch nicht so weit gefoppt, ihnen zu erzählen, ich hörte Stimmen, hätte Visionen. Meine Restintelligenz reicht nämlich immer noch für die Banalität, dass sowas nur Jesusse und Mohammeds haben dürfen, ohne dass Arztgefahr droht.

Manche argwöhnen schon, dass ich mir all diese psychischen Erkrankungen mit Absicht, mit dem Käscher sozusagen, eingefangen hätte, um kaum noch einen Schnupfen oder eine normale Grippe zu bekommen, Schulterschmerzen, tauchen sie aus dem über zehn Jahre alten Beinahetotschlag noch auf, schlicht kaum noch zu bemerken, weil mein Hirn immerzu mit meinen Wähnen befasst ist, hiemit der Restkörper für solche Sachen keine Energie mehr hat. Magnus, der Schnupfen- und Schmerzräuber.

Die etwas Helleren von denen haben natürlich inzwischen was gemerkt, nämlich, dass sie meinen noch nicht erwähnten kranken Trotz angestachelt haben, ihnen zum Possen erst recht, nachweisbar, arztnotlos zu bleiben, vielleicht wollen sie mich so auch von einem entscheidenden, dann doch einmal notwendigen Gang zu einem abhalten, auf dass mich das Mores fürs restliche Leben oder ins Grab lehre.

Das sind Leute, die nenne ich unbewusste Verschwörer. Das heißt, sie haben sich kaum oder gar nicht im klassischen Sinne verschworen, denn so richtig genau besprechen sie sich meist nicht, und sie wollen aus treulichstem Herzen nur mein Gutes. Vor allem nichts mehr von mir hören. Das wäre das Beste meines Guten.

Viel mehr als meinen fortgesetzten Betrug fürchten sie aber, dass manche meiner Inselbegabungen die Menschheit, verwirrt, wie sie ist, das wissen auch die, die meisten jedenfalls von ihnen, in den Bann all meiner Wähne ziehen könnten. Irgendwann könnte die Menschheit mich gar als vernünftiger ansehen, mit meinem hohlen Wortgeklingel, als Greta Thunberg höchstselbst, vielleicht gar andere, die ich jetzt noch geheim halte, wozu sie nur vermuten können, wen es noch träfe.

Von daher verstehe ich deren Anliegen sehr gut. Sie glauben, mir ginge es ohne all diese Wähne besser, ihnen natürlich auch, die ganze Menschheit würde von einer existenziellen Gefahr befreit, gelänge es endlich, mich unter genau die klärenden Drogen zu setzen, von denen ich nunmal gar nichts wissen will. Und zwar diesmal richtig. Nicht dass dieser gerissene Geisteskranke die Benzodiazepine, wie schon als schwerverbranntes Kind, in den Mund nehmen und nachher heimlich abspeiben kann, seine alten kranken Hirnfunktionen zu erhalten.

Nun, das ist in etwa der Jetztzustand dieser epischen Schlacht, die von meiner Seite her schon etwas Aberwitziges hat, denn ich rate der Gegenseite immer noch, eben nicht wegen jedes Kratzers zum Arzt zu gehen. Dabei müsste ich sie als guter Feldherr dazu ermutigen, sich selbst durch Dritte vernichten zu lassen.

Da mag inzwischen tatsächlich ein Strategiewechsel angezeigt sein. Den kann ich aber nur ganz langsam vollziehen, sonst fällt es auf; zudem könnten sie mich ja damit erst recht zum Arzt fordern, ich mir also selber ins Knie geschossen haben. Es gilt also, immer ziemlich traurig dreinzuschauen, die Rede erschüttert-bedacht zu beginnen, wenn ich, schwersten Herzens, Not kennt kein Gebot, weitere Arztbesuche, zwei Tränen im Auge, der anderen nicht mehr als nicht notwendig von der Hand weisen kann. Bei so einem missratenen Pickel, da ziehe man besser fünf Spezialisten bei, schließlich sei nicht jeder auf dem modernsten Stande der Wissenschaft.

In der Zwischenzeit werde ich ihnen wahrheitsgemäß berichten, dass ich, einsichtig, schon ohne schwere Schmerzen beim Zahnarzt gewesen sei, das ganze Geraffel mal wieder anschauen und reinigen und gegebenenfalls auch reparieren zu lassen. So hebe ich ihre Stimmung, mache ich mich glaubwürdiger.

Irgendwann habe ich sie alle zu so vielen Ärzten geschickt, dass sie gar nicht mehr wünschen, ich käme auch, weil die schon verdammt knapp.

 

 

 

Bisher 5 Kommentare

5 Antworten auf „Vom Arztkriege“

  1. @ Magnus

    hahaha ha ha , so ähnlich geht es mir auch. Habe aber einen guten Komplementärmediziner in petto, falls einmal etwas ist. Leider ist er allzu besorgt. Alles sage ich ihm nicht, was ich so an Medizinchen zu mir nehme….. Medica mente = Heilung durch den Geist. (Weißt Du ja…?)

    Nun noch ein guter Witz:

    . Über mögliche unerwünschte Nebenwirkungen fressen Sie den Beipackzettel und klagen Sie den Arzt oder Apotheker .

    Der Spruch geht in A eigentlich so, dass anstatt kl agen schl agen steht, aber da Du Magnus, das dann nicht freigibst, habe ich es umgeändert.

    1. @ Gigi

      Ach, ich hätte das auch im austriakischen Original freigegeben. Bin ja nicht Ösi noch Ötzi. Man darf ja noch sehr fremdländlische Folklore als satirische Einsprengsel von Schwerstverwirrten wiedergeben. Hier im Landkreis kommen selbst unsere feschesten Bergburschen nur bis 513 Meter über den Arztspiegel.

      1. @ Gigi

        Ach, jetzt erzähle ich noch was.
        Waren wir in den Siebzigern mit der Großfamilie in der Schweiz in kleiner Berghütte im Urlaub, und siehe da, mein kleiner Bruder hatte schweren Kopflausbefall. Meine Oma, die drei Kinder durch den Krieg gebracht hatte, dazu ganz ruhig: „Jedsed miaßed mer ebbes macha.“ Daraufhin zog sie Salatöl und eine Plastikguck und einen Bändel bei, salbte dem Kleinen gründlich den Oberrüsel ein, band die Guck feste drumrum, das blieb einen halben Tag drauf, und es ward da niemals mehr eine Laus gesehen. Ja, der Kopf musste noch gewaschen werden.

        Ich will aber wiederum betonen: Es gibt hervorragende Ärzte. Die Chirurgen am Stuttgarter Marienhospital, die mir erst mein Gesicht (soweit das noch möglich war, nach dem geldgeilen Pfusch ihrer Vorgänger) und dann auch noch meine linke Hand wiedergaben, nichts lasse ich auf die kommen. Das hätte meine Oma nicht gekonnt.

  2. @ Magnus

    Salatöl? Wie einfach. In Schweden nahmen sie Sabatillessig. Weiß ich von Astrid Lindgren, ich meine, sie schrieb es in dem Buch von Bullerbü, so viel ich mich erinnere.

    Sabatilla – Läusekraut, auf Wikipedia bekannt, leider weiß ich es erst jetzt. Bei uns geht jeder, der Lausbefall hat in die Apotheke und bringt mehr oder minder bekanntes Bekämpfungsmittel daher. Ich sehe mich nicht danach um. Hatte selbst nur einmal Läuse, die Nachbarkinder von einer langen Zugreise mitbrachten. Ein Sohn hatte sie, der andere nicht!

    Ein guter Arzt ist ein Segen, früher wussten sie noch ziemlich viel. Heute muss man sich bei kleinen Wehwehchen selber helfen, damit nicht aus einem kleinen ein großes Problem wird. Doch manchmal hat man Glück und kommt an einen guten Arzt. Der Mensch braucht zuweilen Hilfe. Dann ist ein guter Arzt ein Segen. Eines meiner Kinder hatte immer Mittelohrentzündung. Als mir das zu viel wurde, bald alle 6 Wochen Antibiotika zu geben, die blauen Lippen des Kindes zu sehen, ab dem 5. Tag, da fuhr ich mit ihm zu diesem Komplementärmediziner. Der machte Immunstärkung mit Eigenblut homöopathisch und kurierte den Darm des Kindes.

    Krank wurde der ab da nur in kritischen Situationen, wo er somatisierte. Wenn alles ruhig dahinging, war er total gesund. Ich kann mir nicht vorstellen, was aus meinem Kind geworden wäre, hätten wir nicht die Hilfe dieses mutigen Arztes gehabt. Komplementärmedizin zu machen ist heute sicher kein Honiglecken, bei d e m Gegenwind, der da entstehen kann.

    Es ist nicht jeder so gesund wie MWG auf seinem Hof im Deutschen Mittelgebirge auf 513m über dem Arztspiegel….. 🙂

    Na ja, die paar Jahre werde ich schon noch halbwegs hinüberbiegen….

    1. @ Gigi

      Ich bin ja keiner von den hiesigen Oberbergfexen. Rohrbach liegt auf 258 Metern. 513 Meter nennt sich die Bayerische Schanz. (Allerdings gab es früher tatsächlich viele Räuber im Spessart. Man kam leicht über die Grenze.)
      Meine Kinder hatten es sehr schwer. Es ist bekannt, dass sie ihre Mutter früh verloren. Vielleicht waren sie deshalb so wenig krank, weil ich so böse bin. Grad aus Trotz.
      Böser Spaß beiseite. Ich ließ es einfach nicht durchgehen, dass jeder kleine Schnupfen zur galaktischen Katastrophe ausgerufen werden konnte. Keine Chance. Ich kochte Suppe und Tee. Gab gute wie harte Worte. Wir sind nicht die anderen. Kleine Verletzungen richtete ich selber und sagte ihnen, wie sie darauf aufpassen sollten, dass kein Dreck reinkäme, dass es jetzt nichts länger zu jammern gebe, ein echter Junge kein Weichei sei. Irgendwie vertrauten sie mir doch. Ich war fast nie beim Arzt mit ihnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.