Cicero, Konfuzius, Nietzsche: Vom gut geführten Staat über den Minimalstaat zur Freiheit

Marcus Tullius Cicero war der größte Redner Roms. Seine philosophischen und staatstheoretischen Schriften sowie seine Rezeption der Griechen auch im Sinne der Erweiterung, Vertiefung und Verfeinerung der lateinischen Sprache darausher finden, wie ich meine, demgegenüber zu Unrecht vergleichsweise wenig Beachtung.

Von seinen Ansichten geht offenkundig vielen besonders gegen den Strich, dass er den weisen, philosophisch gebildeten Staatsmann noch vor den „reinen“ Philosophen setzt, der sich über ersteren erhebt, da er sich mit derlei niedrigen Dingen wie Politik nur nebenbei oder notgezwungen befasst. Spott gießt er gar über jene aus, die ansetzen, ja, wenn der Staat in höchster Not sei, dann könne der Philosoph schon einmal heilsam eingreifen müssen: Ausgerechnet jemand, der sich nie in der Kunst geübt habe, den Staat auch nur durch ruhige oder höchstens leicht erregte See zu steuern, ausgerechnet der wolle sich anmaßen, ziehen schwere Stürme auf, als der geschickteste Steuermann das Schiff vor dem Untergang zu bewahren?

Gleichzeitig sieht er die Philosophie wie die darauf gegründete Redekunst als unverzichtbare Grundlagen des weise wirken könnenden Staatsmannes an. Ein erfahrener Staatsmann, selbst wenn weniger philosophisch gebildet als einer jener Maulhelden, sei allemal geeigneter, das Gemeinwesen durch harte Zeiten zu führen.

Diese Art des unbedingten Patriotismus, die praktische Sorge um das Gemeinwohl über jede rein theoretische Erkenntnis zu stellen, das hat man ihm wohl bis heute nicht verziehen.

Die Philosophen nicht, weil sie sich damit in ihrer Weltbedeutung herabgesetzt sahen und sehen (langfristig gibt es ja durchaus starke Argumente für deren wahres Gewicht), die Staatenlenker nicht, weil sie ihm wahrscheinlich so ziemlich alle philosophisch wie rednerisch unterlegen waren und sind. Grob gesagt fühlen sie sich beide von ihm beleidigt.

Dabei verachtet er ja Philosophen, die dem politischen Geschäft aus dem Wege gehen wollen oder sich einfach nervlich oder aus sonstigen Gründen dafür nicht als tauglich erachten, keineswegs. Ganz im Gegenteil: Die sollten sich dann nur nicht als die wichtigsten und vornehmsten Leute der Gesellschaft aufblasen, ihre sehr wichtige, grundlegende Arbeit tun.

Konfuzius‘ Philosophie ist zu erheblichen Teilen Staatsphilosophie. Zwar hat er immer das Menschliche, Allzumenschliche im Blick, und doch geht es ihm stets ganz wesentlich um das Gedeihen des Gemeinwesens durch weise Führung, Vorbild, kluge, für jeden verständliche Rede und Gesetze. Die beiden hätten sich wahrscheinlich sehr gut verstanden. (Beide sicherlich in der Lage, die jeweilige andere Sprache sehr bald sehr gut zu durchdringen, die verschieden abgegrenzten Begriffe zu verstehen. Zumal dann verfeinert im Gespräch.)

Ich will an der Stelle jetzt auch noch ein paar Libertäre ärgern. Jene, die, im Gegensatz zu den Sozialisten, statt eines totalen Staates ganz schnell gar keinen Staat mehr sehen wollen. Mit Nietzsche sagen, der Staat sei das kälteste aller kalten Ungeheuer.

Konfuzius und Cicero waren bestimmt alles andere als Sozialisten, sie kannten das Recht auf Unterschied, alles bis ins Kleinste vorzuschreiben und zu regulieren, das ist nirgends ihre Sache: Damals wie heute aber war der Mensch noch nicht weit genug für eine völlige Abschaffung der Staaten.

Ich bin Minimalstaatler. So wenig als möglich davon, und das sollte so gerecht und effizient als möglich funktionieren. Konfuzius und Cicero sind Wegweiser.

Nach und nach werden wir uns dann dem annähern können, was Nietzsche langfristig vorschwebte.

 

 

 

 

Bisher 9 Kommentare

9 Antworten auf „Cicero, Konfuzius, Nietzsche: Vom gut geführten Staat über den Minimalstaat zur Freiheit“

  1. @ Magnus

    warum gehst Du eigentlich nicht in die Politik?
    Du durchschaust die Funktionen und hast das Mundwerk dazu.
    Ein Wahlhelfer verdient doch für einen Tag schon recht gut,
    da wird es jeder, der mehr macht, sogar um vieles besser haben.
    Einmal vom wirtschaftlichen Standpunkte aus gesehen.

    Du bist integer, nimmst keine Spenden, das beweist Du jeden
    Tag, und eigentlich, wenn ich es so bedenke, hast Du mich
    noch nie zum Weinen gebracht. Anderen ist das immerhin
    gelungen, teilweise sogar sehr gut.

    Irgendwo müssen wir doch einmal in der Praxis und tatkräftig
    anfangen, diesen Saustall aufräumen, der uns dieser Tage
    schon fast den Atem nehmen will. Stabil bist Du, hältst was
    aus, bist einigermaßen kernig, was will unsereins mehr?

    Bitte denke jetzt nur und ausschließlich, dass ich eben
    diese Idee hatte und sie aus reinem Herzen kommt.
    Wollen musst Du. Ganz klar. Na ja, vielleicht schläfst
    Du einfach einmal eine Nacht darüber… ?

    1. @ Gigi

      Gegenwärtig ist da nichts drin. Ich habe hier schon einmal erklärt, weshalb ich nicht in die AfD eingetreten bin, die einzige Partei, die derzeit infrage käme. Ohne Partei geht aber erstmal nichts. Doch können sich die Zeiten ändern. Ich habe auch schon gesagt, dass ich gerne das Bildungsressort übernähme. Daran hat sich nichts geändert. Ein Anruf genügt. Meine eigenen Kinder sind aus dem Haus. Ich bin jederzeit bereit, meinen Erstwohnsitz nach Berlin zu verlegen.

      1. @ Gigi

        Hinzu tritt, dass ich mich jetzt mit 55 von draußen und bislang ohne jede ernstzunehmende Hausmacht sowie mit einer sehr geringen öffentlichen Wahrnehmung irgendwie hochzudienen hätte, mit sehr zweifelhaften Erfolgsaussichten, unter vermutlich schweren Verrenkungen. Da halte ich es erstmal lieber mit der Schreiberei. Da macht es vergleichsweise wenig aus, wenn manches vielleicht erst später zu einer weiterreichenden Bedeutung kommt, oder auch nicht, denn es besteht immerhin die Möglichkeit. Negativ ausgedrückt: Ich kann meine Zeit nicht nur nach Lust und Laune vergeuden, ich muss überdies für keinen etwas. Auch wenn ich mich derzeit auf ein paar Dinge sehr verpflichtet sehe: Wie ich sie angehe, kann ich allein selbst entscheiden, und ich kann zudem Dinge ansetzen, die vielleicht gerade (ungefähr kann ich das ja anhand von Nichtreaktionen wie den zwar nicht immer verlässlichen Zugriffszahlen sehen) kaum jemanden interessieren, etwa zu Philosophie und Sprachwissenschaft. Da ist es mir einfach schnurz, wie viele oder sowieso wenige gleich wegklicken, oder schnell das Gähnen bekommen, ihr Interesse insgesamt verlieren. Was soll’s?
        Fürs Geld ginge ich ohnehin nie in die Politik. Was nicht heißt, dass ich mich nicht anständig für meine Arbeit bezahlen ließe, sähe ich darin die Möglichkeit, in meinem Sinne etwas zu bewirken. Mich als Mann in den besten Jahren wegen ein paar lausiger Kröten und etwas Aufmerksamkeit noch korrumpieren, zum Affen irgendwelcher anderer Lakaien machen, indem ich bis heute durchgehalten habe, aus Frühaltersschwäche irgendwie mitaffen zu dürfen, weil ich mich schon frage, wer mir in einigen Jahren den E-Rollator stellen wird und ein Viertel Spätburgunder am Tag?
        Ich bin es so viele Jahrzehnte gewohnt, auch ohne den richtig guten Käse und das Lammfilet zu leben, erst recht ohne lose Weiber, die dann ganz schnell auftauchen, plötzlicher noch als auf einmal Geld da ist, dass ich mich damit sehr gut eingerichtet habe. Die Verlockung auf besseren Wein und feineres Essen ist zwar groß, doch schmeckt alles nicht, wenn die falschen Gesichter und seichte Reden dabei, man lachen muss, wo man das gar nicht will, Dummheit, Maßlosigkeit und Dreistigkeit und scheele Geilheit und verlogene Unterwerfungsgesten, schalste Witze und des schlimmsten Toren Geschnalze das Tischgespräch prägen. Hier habe ich meinen Lidl-Roten, Spanier, kräftig, drei Euronen, macht nicht blind noch dumm nöch üble Magensäure, nicht unansprechend, meine Brotzeit oder meinen Zwiebelkuchen, Bratkartoffel mit Käs oder auch Gulaschsuppe, sorgsam selbstbereitet dazu, und die Welt ist ohne jeden weiteren Trottel in einer bestens gut gefügten Ordnung.
        Geselligkeit an einer Tafel, wo die Spießgesellen der Aufwiegelung, Einschmeichelung, des Schwindelns und Prahlens zum Scheine nur mit jenen der Dummheit, Gier, Unanständigkeit, Kriecherei und Kabale im Streit, solcher Teil zu sein, ja, das sollte man einmal erlebt haben. Mancher braucht vielleicht ein paar Male. Dann aber ist die Sache durch, und man geht sowo nur noch hin, wenn das Leben daran hangt oder man vorhat, ihnen gleich allen miteinander einmal so richtig deutsch aufs Haupt zu schlagen. Sich so nochmal zum guten Weine laden lassen, das kann doppelt etwas haben.
        O liebe Gigi, so schlecht ist die ganze Welt da draußen natürlich nicht, nur weil sie den besseren Wein hat und dafür selbst beim sechzig Jahre alten Kognak noch so geistlos wie beim Aufwärmchampagner. Die sind ja nicht alle blöde da, die reichen Leute. Wer aber von denen hat einen Arsch in der Hose? Schau Dir nur mal an, wie die alle Greta das Tun vom Berge hinterherschleimen, kein echtes Widerwort in der Klimasache wagen? An den Tafeln solcher Schlunze will ich nicht sitzen. Lieber teile ich mit einem Seemann oder Tischler mein letztes Bier. Mit den sogenannten einfachen Leuten habe ich keinerlei vergleichbare grundsätzliche Zechprobleme. Da kriege ich vielleicht irgendwann eine aufs Maul, es kommt aber eher nicht dazu, dass man mich verselbstmorden lässt, sobald nicht nur das Tischgespräch den anderen nicht passt. Gradliniger, ehrlicher. Jeder Schluck schmeckt besser.
        Der Seemann weiß, dass man absäuft, wenn man es zu grob treibt, der Tischler, dass sehr schnell Finger fehlen, und zwar die eigenen ob eigener Unachtsamkeit oder Übermuts, indem jene mit Kinderschändern auf Du und Du und mehr, keine Gefahr, die Milliarden, der Techtrust, die Dienste sind da, selten nur muss man einen großen Fisch, einen der eigenen, über Bord werfen.
        Kurzum, es ist ja ein sehr kurzer Text geworden: Man muss mich gut einladen.

        1. @ Gigi

          Du siehst, Deine Anfrage und meine kleine Exkursion mit etwas Netzpause haben mich in die menschenfreundlichste Stimmung gebracht: Heute gibt es Bio-Biohirschmedaillons und Chateau Petrus für alle. Schenke ich alles einfach so raus. Es muss ja auch raus, denn bis in zwölf Jahren müssen alle Hirsche weggefressen und der ganze Wein muss weggesoffen sein, mindestens auch der Sauternes und die besten alten Whiskys. Soll all das gute Zeug etwa vergammeln? Wie viele haben ihr Leben dafür gelassen? Wie viele Jäger schossen sich selbst ab, wie viele Winzer fielen in ihre Messer, Tapfere in Whiskyfässer?
          Sowieso sind jetzt die ganzen Freilaufrinder in Argentinien abzuernten. Da merkt das Weltvolk vor seinem Untergang nochmal, wie Fleisch bald gar nicht mehr schmecken kann. Wichtig, bei den meisten steuert der Bauch das Hirn, für die spirituelle Verarbeitung des Abschieds im Sinn einer möglichen Hinaufreinkarnation hinterm Sirius.
          Wer jetzt nicht alle besten Fässer aufmacht und alle leckersten Viecher wegfrisst, der kann sie wirklich nicht alle auf dem Christbaum haben. Wir können machen, was wir wollen, in die Höhle zurück, egal was, die Chinesen werden uns doch totstinken. Wer seinen eigenen Leichenschmaus nicht gut vorzufeiern versteht, hat eine negative Einstellung und wird erstmal lange nicht wiedergeboren, fängt dann auf dem Mars als Kohlkopf wieder an. Dauert lange, bis er wieder einen Weltuntergang wird sehen dürfen und daranentlang geistig wachsen.
          Im Grunde will ich, dass jetzt zwölf Jahre lang alle ihr Restleben genießen und es nicht mehr auf ohnehin sinnlose Arbeit verschwenden. Sowieso: Die haben sich so oft verschätzt, vielleicht haben wir ja nur drei Jahre oder fünf. Das heißt, wir müssen alles, was taugt, noch schneller wegsaufen und wegfressen, um noch eine karmische Chance zu haben.
          Du siehst, ich habe eigentlich die großen, grundnotwendigen Dinge im Blick, weniger dies kleine Berlin.

    1. @ Gigi

      Ich sehe eben erst Deine Antwort. Du hast meinen Nachkommentar offenkundig noch nicht gelesen. Kann sein, dass der Dich Deine meine Beorderung nach Berlin noch einmal überdenken macht. LG

  2. @ Magnus,

    lieber Magnus. Du kriegst anstatt Berlin von mir einen Lach-Orden!
    Hast Du mich doch jetzt so zum Lachen gebracht, dass ich davon
    Glitzeraugen habe und ich amüsiere mich sehr, immer noch und
    erfreue mich an Deiner sehr entlastenden und weitblickenden
    „Neuen Ordnung“ aus Deiner urigen, sehr bodenständigen Sichtweise.

    Ist das toll, endlich einer, DU, der uns freispricht von diesen Zwängen,
    diesen tobenden Untergangsgesängen. In allen Medien, in allen Blogs,
    in allen Gehörnen, wie die Schlümpfe es vertonten, ich bin schlicht
    sehr gut drauf nach Deiner weisen, kurzen Ansage. Wow!

    Spätburgunder habe ich… zum Ansatz von Kräutern und Gesundheits-
    Mittelchen, und die gute Wirkung zur Verstärkung der Magensäure
    kann ich sehr gut gebrauchen. Wein ist an sich ein Heilmittel, sogar
    für die Laune… Du hast es ausgerufen, nun folge ich Dir: Ich feiere
    den klimatischen Weltuntergang frenetisch und völlig überzogen,
    denn Ausgleich muss jetzt her, schnell sogar!

    Und sollten d i e sich verschätzt haben, und es sollte alles so weiter-
    gehen, immer weiter, dann haben wir wenigstens gefeiert, während
    Andere sich zu Tode sorgten….

    Danke für Deine wertgeschätzte humoristische Glanzleistung. 🙂

    1. @ Gigi

      Danke. Das mit Deinem Lob haben wir prima abgesprochen. Es muss jedem Laien echt erscheinen, und selbst die argwöhnischsten Fachleute können sich nicht sicher sein. Echte Profiarbeit. Zeit, dass wir uns dafür mal gegenseitig auf die Schulter klopfen. So geht vernünftige Verschwörung.

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