Lieber Zombie

Manchmal werde ich angeschaut, als wäre ich ein Zombie.

Nein, es liegt nicht an den Narben in meinem Gesicht.

Die trage ich schon so lange so selbstverständlich, dass mir deswegen weder Entsetzen noch Mitleiden mehr entgegenschlägt, von Kindern nicht noch Erwachsenen.

Dann aber komme ich in eine Lage, in der ich entweder gefragt werde, wie meine Handynummer laute, oder ich bitte selber darum, kurz telefonieren zu dürfen. Somit kommt raus, dass ich kein solches Teil mit mir herumtrage und auch keine aktive Mobilnummer habe.

Gerade noch hielt man mich – indem ich nicht immer völlig zerlumpt oder in meiner Waldkleidung auftrete, wenn ich Städte berühre, auch meine Rede höflich und angemessen wirkte – für einen Menschen, und plötzlich bin ich ein schwer nebichter, vielleicht gar gefährlicher Zivilisationsverweigerer, ein verdächtiges Subjekt. Ein Irrer vielleicht?

Inzwischen sind fast alle öffentlichen Fernsprecher abgeschraubt, im Stuttgarter Hauptbahnhof zum Beispiel gibt es gar keinen mehr. Der Rest funktioniert nur noch mit Karte. Ich weiß nicht, ob schon überall, aber so sagte man es mir in einem „Store“ der Telekom. Der mir allerdings keine Vorauszahlkarte zu verkaufen wusste.

Ich werde, denn so sehr bin ich tatsächlich ein Zombie, nicht so einfach bezähmt werden. Lässt mich in Not keiner telefonieren, so geht es halt nicht. Daran sterben höchstens andere. Ja, vielleicht auch ich, hätte ich doch womöglich noch einen Notruf absetzen können, mit meinem Schmerzphon, schwerverletzt allein im Wald.

Kann sein. Da ich aber kein Handy nie nicht dabei habe, verlasse ich mich, wie früher,  auch nicht darauf, noch einen Notruf absetzen zu können, wenn ich so dranhange, dass das die letzte Chance. Ich passe lieber selber auf mich auf. Und ich meine, dass damit meine Überlebenschance nicht geringer liegt als jene derer, die immer meinen, übermütig, noch gerettet werden zu können, solange Empfang und Akku in Ordnung.

Ich will eben nicht jederzeit geortet werden können, gar noch den Vorwurf hören, wie lange ich denn mein Handy nicht abgehört hätte, von jedem Kasper und wegen jeden Scheißenendrecks. Gebe ich mir nicht mehr. Dessen hatte ich genug, als ich mehrere kleine Firmen leitete, viele Mitarbeiter wegen Dingen gar wie fehlenden Klopapiers in der Filiale sich erfrechten, bedenkenlos, mich darob anzurufen. Schicht war dann irgendwann im Schacht.

Lieber Zombie, lieber Modernitätsverweigerer, als beliebig anderer Depp, angefangen mit der NSA bis hin zum kleinsten Sinnlosen.

Bisher 3 Kommentare

3 Antworten auf „Lieber Zombie“

  1. Lieber Zombie

    hier ein kleiner Trost für Dich:

    https://www.youtube.com/watch?v=8d-wPjiqHA4&list=RD8d-wPjiqHA4&start_radio=1

    Meine Telefonzelle im Hof funktioniert besser, als mein altes Tastenhandy. Ich musste erreichbar sein für die Schule, denn mein jüngstes Kind war ein „Schulzombie“. Ich kaufte mir noch nie ein neues Handy, alle meine Handys, die ich hatte, waren Ableger und wurden so lange benutzt, bis sie den Geist aufgaben, auseinanderfielen oder Wackelkontakt hatten.

    Ich habe eine Freundin verloren, weil ich sie bat, mich nicht so lange am Handy festzuhalten. Wir könnten das doch alles so besprechen, wenn wir uns sehen.

    Die Grenze zur Sucht ist schnell überschritten bei diesen neuen Dingern, was die alles können! Jemand beschwerte sich bei mir, dass die Tochter eine Funktion eingeschaltet hatte, damit die Freundinnen wissen – sehen können – wo sie gerade ist!

    ImMo bekomme ich Beschwerden, weil ich so selten eingeschaltet habe. Ich sage dann immer: „Wenn ich im Garten oder im Keller bin (lachen…), dann höre ich das Telefon sowieso nicht.“ Ich sage Telefon. Keine Ahnung, warum.

    Warum ich in den Keller gehe lachen, kann sich jeder selbst ausdenken. Vielleicht hat die Menschheit im Allgemeinen zu wenig Humor mitbekommen…. Ich lache auch zuweilen über mich selbst, ist ja egal…. !?

  2. Dann bist du also ein Handyloser?!
    Na nicht ganz. Denn dafür müßtest du ja erst einmal eines besessen haben, um es dann verloren zu haben können. Richtig?
    Eines besessen zu haben, führte bei vielen nicht selten zur Besessenheit und in Folge davon zur Handysucht. D.h. wer sein Handy ständig sucht, der ist bereits süchtig danach.

    Ich wehre mich auch dagegen eines zu besitzen, habe deswegen auch keins. Fühle mich frei(er) damit keins zu haben. Telefonieren ist ohnehin keine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Deswegen reduziere ich es auf das Mindestnötigste.

    Ich habe noch nie einen Baum oder Strauch oder ein Tier, wenn’s kein dressierter Affe, telefonieren sehen, geschweige denn mit einem Handy. Aber all die genannten Wesenseinheiten soll es ja vielleicht bald wegen des neuen 5G-Netzes – Mikrowellenstrahlung – nicht mehr geben. Dann gibt es nur noch Zombies und unter denen fällt ein Handyloser dann vielleicht auch gar nicht mehr so auf? Denn wo kein Hirn, da auch keine Aufmerksamkeit mehr. Die meisten – sind’s noch Menschen? – fällt doch schon lange nichts mehr auf. Hauptsache sie haben eines.

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