Ist Schmerz notwendig, um in Reife zu gehen?

Ein Gastbeitrag von Gigi Lichtaubergh

Die einen halten, die anderen entwickeln Schimmel oder gehen in Gärung über. Je nach dem. Doch von vorne das Ganze, und mit etwas Ernst, wenn ich bitten darf, denn es geht um Schmerz. Schmerz auf allen Ebenen des Menschseins, und das ist kein Witz.

Die Einen verteilen ihn, die Anderen gehen daran fast oder ganz zugrunde. Nicht nur die Selbstmörder, auch die indirekten Selbstmörder und oft die Eheleute, sie sehen zwar noch frisch aus, doch insgeheim sind sie irgendwann einfach abgestorben. Leerer Blick, hohles Gesicht, automatisiert. Sie bewegen sich noch, reden eintönige Salven von Wortfolgen, doch sie haben aufgehört zu hoffen, und auch zu leben.

Existenz ist nicht gleich Leben und die Resignation ist insgesamt weit fortgeschritten. Wer könnte sich selbst eindeutig zuordnen in eine der beiden Kategorien? Es gibt Phasen, da ist der Schmerz so stark, dass er das Leben aus den Knochen treibt. Starke Charaktere erholen sich, schöpfen irgendwo her – und sei es aus einem einsamen Sommer in den Bergen mit einem alten Onkel und einer Herde Schafe – die benötigte Kraft, wieder ins Leben zurückzukehren. Die Anderen muffeln vor sich hin und bewerfen auf subtile Weise ihre Mitmenschen mit ihrem Schmerz, damit diese auch genug davon abbekommen, doch ist geteilter Schmerz halber Schmerz? Oder ist auf diese Weise geteilter Schmerz doppelter Schmerz?

Meine Cousinen jammern in einem fort, besonders, wenn ich sie alleine antreffe. Sie machen das so exzessiv, dass ich mir eines Besuches eine Strategie ausdachte. Ich erzählte gleich nach der Begrüßung von einer jungen Frau, die mir ihre Kindheit erzählt hatte und diese saß mir noch frisch in den Knochen. Ich beendete meine Erzählung mit den Worten: „Also, da ging es uns allen doch wesentlich besser, so dass wir überhaupt nicht jammern brauchen, findet ihr nicht?“ Die beiden sahen mich mit verhangenen Blick an und stimmten mir zu. Eine grinste ein bisschen. Schien geklappt zu haben. Ich atmete auf.

Zu früh gefreut. Genau eine halbe Stunde später ging es los. Das war viel Aufwand gewesen für eine halbe Stunde Aufschub! Warum nur sind meine Cousinen solche Stinkstiefel? Optisch gesehen war mein Leben wesentlich schlimmer verlaufen während meiner gesamten Kindheit. Warum nur können meine Cousinen das nicht sehen? Habe ich mal einen moralischen Anfall und beschwere mich über Einzelheiten aus meinem Leben, die mir wirklich arg vorkommen, etwa als mein Mann meine Kleider an seine Freundinnen verlieh – vor meinen Augen! Wenn ich fragte, um was es geht, dann wimmelte er mich ab: „Ach nix.“ Wenn ich auf Abholung meines wunderbaren Lammfellmantels pochte, dann waren die partout nicht zu Hause und verreist! Ich war nicht hartnäckig genug, weil ich nicht im Traum daran dachte, dass mein Mann mich so schändlich hereinlegen könnte!

Alle meine Cousinen sind Witwen. Sie könnten einen Witwenverein aufmachen. (Sie lesen hier nicht…. hakm. ) Habe ich genügend Mitgefühl für diese ihre Lebenslage? Ich bezweifle es. Eine beschwert sich immer: „Mein Mann hat mir nichts als Schulden hinterlassen!“ Ja gut, aber diese Schulden hat doch die Lieblingstante von ihm prompt bezahlt! Warum ist das überhaupt ein Thema, wenn die Schulden zwar auf dem Konto waren, doch sofort aus der Welt geschafft wurden? Ein Geheimnis für mich.

Ich weiß, dass das ein Geheimnis für mich ist, weil ich nicht in der Haut meiner Cousine stecke. Sie fühlt sich auf einer oder mehreren Ebenen von ihrem verstorbenen Mann um ihre Erwartungen betrogen und hier, an diesem sichtbaren Punkt: „Die Schulden“, kann sie es festmachen. Ihre Wut, ihre Enttäuschung ausleben.

Schmerz ist nicht so geheimnisvoll, wie es anmutet. Eine Ebene ist hiermit bereits erschlossen, es handelt sich um die Erwartungen, die, unerfüllt, Schmerz auslösen. Man hat investiert, man hat vertraut, man hat sich geöffnet. Dann kam die Enttäuschung und das tat weh. Ein Lebenspartner der geht, kann nicht nur Trauer, auch Wut auslösen. Er hat sich aus dem Staub gemacht. War die Partnerschaft von Liebe durchdrungen, kann der Tod des Partners tiefe, kaum heilbare Wunden und Narben hinterlassen und der Rückzug des Übriggebliebenen kann endlos sein.

Schmerz außerhalb dieser elementaren Ereignisse ist meist hausgemacht. Wo kein Hammer, da kein blauer Daumen. Doch auch das Außen ist fies. Es gab Zeiten in der Eso-Szene, da hieß es bei allem und jedem: Was hat das mit dir zu tun? Du hast in dir die Resonanz! Folglich: Hausgemacht. Falsch. Es gibt das Außen und das Außen ist zuweilen pathologisch und das kann enorm Schmerzen verursachen. Ohne eigenes Zutun.

Mehr Leute als wir denken, die uns begegnen, haben kranke Seelen. Sei es aus genetischen Ursachen, Ursachen in der traumatisierenden Kindheit oder weil sie es so vorgelebt bekommen. Nicht selten aus einer archaischen Religion als Grundlage. Wenn schon der Gott so grausam ist, seine „geliebten Kinder“ zu quälen, was hindert diese Kinder dann, es ihm gleich zu tun?

Zitat „Bibel“ aus dem Buch von Tellinger, „Die Sklavenrasse der Götter“ Seite 218 Zweites Quiz: „Die Liebe Gottes“.

Lernziel: Bitte geben Sie an, wie viele Menschen unser liebender Gott in den folgenden Situationen jeweils grausam umbrachte:

1 Wieviel Menschen tötete Gott an einem Tag, weil sie Sex vor der Ehe gehabt hatten?

A. Keinen. Gott tötet Menschen nicht wegen einer solchen bedauerlichen Fehleinschätzung.

B. 23.000

C. Gott tötete einmal einen Vergewaltiger, weil er außerehelichen Sex hatte, aber niemanden sonst.

D. Keine der genannten Antworten.

Seite 220 Richtige Antwort: B (23.000). „Auch auf Unzucht dürfen wir uns nicht einlassen, wie einige von ihnen es taten und dadurch an einem einzigen Tag den Tod von dreiundzwanzigtausend Menschen verursachten.“ (1 Korinther 10:8) Zitat Ende.

Für mich ist das ein Guckloch aus einer Scheune auf das weite Feld unserer ursprünglich in Europa gültigen Staatsreligion. Für mich ist es so, dass wir uns als Masse weitgehend von diesem Gott gelöst haben und wir haben uns auf die Suche nach etwas Wertvollerem gemacht. So sind wir uns selbst näher gekommen. Deshalb fragen wir uns, wo unsere eigene Verantwortung im Erleben des Schmerzes ist.

Es gibt starke Menschen, die ertragen Schmerz heroisch, ohne um sich zu schlagen und alles kurz und klein zu machen. Selten kann ein großer Schmerz ganz verborgen werden und bei genauerem Betrachten sehe ich manchem Anderen und auch mir selbst einiges nach, weil es in Schmerz begründet ist, sein könnte, und nicht reine Bosheit.

Woher nehmen Gewalttäter ihre Gewaltbereitschaft? Auch dem ging Tellinger gründlich nach. Er würde fündig in unserem Genom. Seite 70. Zitat:

„Hier nun einige Belege für jenes schwer fassbare Gewalt-Gen, das ich bereits erwähnte. Forschungen am Institute of Psychiatry in London ergaben einen faszinierenden Hinweis auf den Einfluss, den die Wechselwirkung zwischen Genen und Umwelt auf dissoziales Verhalten haben kann. Eine Gruppe von Neuseeländern wurde daraufhin untersucht, ob Misshandlungen in der Kindheit dissoziales Verhalten verursachen können, und man stellte fest, dass dies tatsächlich der Fall ist. Allerdings ist diese Tendenz bei Menschen eines bestimmten Genotyps weit ausgeprägter. (Anm. von Gigi: Frauen wurden nicht untersucht?) Bei Männern, die im Kindesalter misshandelt worden waren und „schwach aktive “ Gene für Monoaminoxidase auf dem X-Chromosom aufwiesen, war die Wahrscheinlichkeit weit höher, dass sie mit dem Gesetz in Konflikt geraten würden. Sie sind als gewalttätig zu bezeichnen und zeigen in einem Persönlichkeitstest unsoziale Züge. Die Männer mit „hoch aktiven“ Genen waren weitgehend immun gegen die Einflüsse von Misshandlungen in ihrer Kindheit. Der Unterschied zwischen den hoch aktiven und den schwach aktiven Genen liegt wiederum in der Länge des Promoters. Lange und kurze Promoter führen zu geringer Aktivität, Promoter mittlerer Länge zu hoher Aktivität.“ Zitat Ende.

Die Einlagen von Tellinger lassen ahnen, dass das Gewalt- und Schmerzproblem auf unserer Erde ein komplexes ist, doch es gibt noch einige weitere Ebenen, die ich noch kurz streifen möchte. Astrid Lindgren hatte eine sehr schöne Kindheit, jedoch ihr Leben war dann zumindest in ihren jungen Jahren nicht sehr einfach, sie zog ihre Tochter die ersten, wichtigsten Jahre allein auf und in ihren alten Tagen rieb sie sich für das Wohl der Kinder ziemlich auf. Dies ist für mich ein weiterer Grund, dass im Außen sehr wohl Kräfte wirken, die störend ein Leben beeinflussen und sogar aus der Bahn werfen können.

Gerd Hamer, der umstrittene, jedoch approbierte Arzt, beschreibt unter anderen eine Ursache für Krebs folgendermaßen: Ein Mensch, der einen Schock bekommt, jedoch allein dieser Situation ausgesetzt ist, bekommt später Krebs. Ist jedoch ein weiterer Mensch in der Situation dabei, kann dieser Schock verarbeitet werden und es kommt nicht zu Krebs.

Das deckt sich mit anderen Beobachtungen von mir, was das Mobbing von Kindern betrifft. Kinder, die gemobbt werden, doch niemand ist da, der echten Beistand leisten kann, sind später ängstlich und kommen immer wieder in Situationen, die ihnen beweisen, wie gefährlich und ungerecht dieses Leben ist. Sie sind mannigfach gefährdet und leben ein nicht gefestigtes, unsicheres Leben.

Menschen, die ebenfalls als Kinder gemobbt wurden, denen jedoch Beistand zukam, meistern die Hürden zum Erwachsenwerden etwas zäher, als nicht gemobbte Kinder, können jedoch noch stärker daraus hervorgehen, als ursprünglich angelegt und bekommen einen regelrechten Biss, es d e n e n da draußen zu beweisen. Viele Millionäre sind ehemals gemobbte Kinder.

Zuletzt – ich bin eine Frau – noch etwas Esoterik. Die Astrologie. Planeten scheinen eine unausgesprochene Macht zu haben. Die Kirche verteufelte die Astrologie als Satanswerk, bediente sich jedoch dieses Werkzeuges nicht nur bei der Erstellung des Gregorianischen Kalenders, sondern in etwa allem, was sie – bis jetzt – aktiv unternimmt. Nichts wird dem Zufall überlassen. Die Bezeichnung Horoskop soll eine Abwandlung des Namens von Horus, der ägyptischen Gottheit sein, was verständlich wird, wenn das gesamte Werk der Planeten einen einengenden Charakter für uns Menschen hat, haben soll. Dann k a n n der Mensch nicht anders, er muss gemäß seiner Prägung durch das Horoskop handeln.

Die Planeten wirken ab einer gewissen Geburtskonstellation. Bei Beginn eines Menschenlebens genauso wie bei Gründung eines Staates, Vereines, einer Ehe oder einer Karriere. Es wirken in den Transiten dann die Planeten in Oppositionen, Quadraten, also herausfordernd bis hemmend, und positiv im Trigon, Sextil, und so fort. Das würde erklären, warum wir Menschen mit starren Fixpunkten in unseren Leben kämpfen. Wir sind gefestigt in einem unveränderbaren Körper, mit geringen Abschweifungen, in einem Leben mit bestimmten Vorgaben.

Dagegen behaupten jetzt einige Forscher aus der Quantenphysik, der Geist ist alles, die Genetik ist nichts. Sie haben das noch nicht letztendlich bewiesen. Positives Denken, Heiterkeit, Musik lassen uns dieses Leben anders erleben und erhöhen das Potential von Wohlgefühl, trotz aller Gewalt, aller Schmerzen, denen wir immer wieder ausgesetzt sind.

Ach ja, meine Cousinen. Bringe ich ihnen biologische Medizin, dann bluten sie sicher aus der Nase oder bekommen Niesanfälle………

Bisher 12 Kommentare

12 Antworten auf „Ist Schmerz notwendig, um in Reife zu gehen?“

  1. Weltuntergang

    Jetzt wird wieder der Weltuntergang vorausgesagt. In diversen Astrologie-Blogs, wie diesem folgt nun logisch der völlige Zusammenbruch.

    http://sternenlichter2.blogspot.com/2019/09/der-neumond-am-28-september-2019.html

    Also müssen wir uns jetzt einfach hinsetzen, nicht mehr denken, nicht mehr agieren, nicht mehr leben. Weil es kommt der Weltuntergang. Vor allem müssen wir, bevor wir in Starre gehen noch Einkaufen. Hamsterkaufen. Auf jeden Fall. Seit Jahren wird im Versandhandel angefangen von der Sturmlampe samt Petroleum, Astronauten-Nahrung und Survival-Messer alles angeboten, was dem Menschen das Überleben sichern soll.

    Medizinbücher, Solar-Radio, Alarmgerät mit Überlautstärke. Saturn macht es, Saturn ist gehackt, Pluto dazu, eine Prise Uranus, fertig ist das Pulverfass.

    Ich kann mich noch gut erinnern, es ist wenigstens dreißig Jahre her, da wurde die „Ionisierung“ vorhergesagt. Wir kauften ein. Wir stauten den Keller zu. Jahre später waren dann Obstkonserven durchgerostet, weil wir sie vergessen hatten, zu essen.

    Irgendwie bin ich müde geworden, immer wieder von Neuem meine Habseligkeiten zu verschenken und auf den Berg zu gehen, um auf den Weltuntergang zu warten. Wenn er nicht kommt, dann kann ich wieder runtergehen, sehen, wo ich neue Sachen finde, um ganz von Vorne anzufangen. Hat das mit Schmerz zu tun?

    Ich weiß es nicht.
    Ich weiß überhaupt nichts mehr.
    Was ist schon richtig, was falsch?
    Man kann doch nicht sein ganzes Leben immer nur warten.
    Dass der Weltuntergang kommt.

    Wann kommt denn das Leben?
    Wann wird Spaß vorausgesagt?
    Nostradamus ist schuld.
    Der hat mit dem Unfug angefangen.
    Jetzt gibt es zu viele Nachahmer.

    Ich sage nun voraus:
    Es wird mit jedem Tag besser werden, uns Lachen und Liebe zu erfinden.
    Es wird ein Sonnenaufgang sein, ohne eine Wolke am Himmel.
    (Wird das überhaupt jemand bemerken?)
    Es wird ein Liebespaar kommen, das die echte Liebe erfindet.
    Es werden Blumen wachsen, die werden Düfte verströmen,
    welche uns high machen. Dazu werden diese Blumen singen!

    Wir werden in Gedankenschnelle reisen können.
    Strache werden wir in einer Millisekunde vergessen haben.
    Auch Greta, die Wörter Politik, Geld, Besserwissen und
    Granteln. Schlechte Laune wird es nicht mehr geben.
    Nicht einmal das Wort „schlecht“.

    Was ist schon Weltuntergang?

  2. Ich würde sagen, dass man durchaus Lehren aus Schmerz ziehen kann. Aber damit muss man ihn auch überwinden, und das ist eher selten der Fall. Schmerz kann auch zum Lebensinhalt werden. Ich leide, also bin ich. Ab einem gewissen Grad an Bewusstheit sollte kein Schmerz mehr notwendig sein, um zu verstehen.

    Es gibt toxische Persönlichkeiten, die man für das eigene Seelenheil meiden sollte, denn sie ziehen einen unweigerlich herunter. Die Cousinen scheinen so ein Fall zu sein.

    1. @ Hugin

      Man kann auch, wenn man schon viele schwere Schmerzen erlitten hat, weniger Angst davor haben. Man kann unter Umständen besser damit umgehen, wenn es wieder welche setzt. Oder auch umgekehrt.

      1. @ Magnus

        immer wieder erstaunt es mich, welche Schlüsse Du ziehst. Mir kommt vor, es ist tatsächlich so, wie Du es skizzierst. Es kommt einfach darauf an, womit man es zu tun hat. Nach einer harten Zeit kann schon die Normalisierung himmlisch wirken, und als wäre man immun für weiteren Schmerz.

        Wenn er aber kommt, dann laufe ich davon.
        Zumindest innerlich.

        1. @ Gigi

          Ich lasse mich nicht gerne zusammenschlagen oder von Ärzten sinnlos schmerzrichten und auch noch verblöden. Ist aber beides schon passiert, ersteres echt, zweiteres nur versuchsweise. Denn ich spie als schwerverbranntes Kind mit acht Jahren das Valium, gewaltige Dosis, heimlich vorgeblich eingenommen weg, ich arger Lügner, stellte mich hernach ruhig, wie als ob ich es genommen hätte. Musste lügen. Verstand aus Instinkt. Sonst wäre ich jetzt vielleicht wie gewünscht dumm. Wäre vielleicht besser für alle. Egal. Bin ich ja sowieso. Himmlische Normalisierung danach? Naja. Ich laufe auch innerlich nicht weg.

          1. Muss echt schlimm gewesen sein, damals. Kinder sind maximal beeindruckbar. Sicher weißt Du noch jedes Detail. Das Wort „grausam“ kommt hoch. Erzähle es öfters, dann geht einiges davon weg.

            Ich las in einem Buch, das in meinem Schrank steht, von einem etwas reicheren Herrn, der lud sich jüngere Familienmitglieder zum Essen ein, ganz bewusst, um immer wieder solche Kindheitsereignisse zu erzählen. Ganz bewusst, mit Einverständnis der Gäste. Das soll enorme Heilkraft haben, es immer wieder erzählen. Vor aufmerksamen Zuhörern. Ich habe aufmerksam gelesen, Magnus.

            Bestätigt wieder meine Einstellung: Wo sind wir hier gelandet?

          2. @ Gigi

            Ich bin nicht Deiner Meinung, jedenfalls für mich nicht. Ich hätte hier diesebezüglich wohl besser nichts von mir erzählt. Nun gut, die Dummheit ist begangen. Und vielleicht ist es dies eine Mal hier nicht einmal eine Dummheit gewesen, indem es, wenn man Bilder von mir im Netz anschaut, wenigstens einigermaßen glaubhaft. Ansonsten rede ich nie davon, wenn nicht ausdrücklich darauf angesprochen.
            Was sollte ich Leute ungefragt mit meiner Vergangenheit zutexten? Tut denen nicht gut, mir auch nicht. Ich habe da keinen Mitteilungsdrang. Die Leute haben ihre eigenen Verwundungen und Probleme. Zudem halten die meisten die Geschichten, die für sie gefühlsmäßig weit jenseits vom heimlichen kindlichen Abspeiben eines üblen Giftes stehen, sowieso nicht aus. Ich hatte durchaus Fälle, da ich gefragt wurde, ausdrücklich und bestimmt, mal ein wenig aus meinem „Nähkästchen“ zu plaudern, mitunter gar aufsässig und frech, wo der oder die Fragende es dann sehr schnell nicht mehr aushielt, meinen nüchtern beschreibenden Worten zuzuhören, ich endlich deswegen für ein eiskaltes Monster, für sie offenkundig Vorteil daraus schlagen wollend, gehalten wurde, was dann so an andere weitergegeben. Nein, ich rede nie davon, wenn es nicht unbedingt in den Zusammenhang passt oder gefordert und der Gesprächspartner es vermutlich aushalten wird, daraus Sinnvolles erwachsen kann.
            Wie es mich im Jänner auf Glatteis saudumm reingewichst hat (war diesen Jänner tatsächlich so) und das ein paar Wochen ziemlich wehtat, anfangs mächtig, naja, so eine lustige Gechichte gebe ich bei Gelegenheit gerne mal zum Besten. Zur Warnung, zur Erheiterung, einfach so, passt es gerade. Das halten die Leute aus, denn die meisten haben sich auch mal das Knie oder sonstwas lädiert.
            Leute, die immer wieder von ihren vergangenen schweren Leiden erzählen, sind mir selbst auch suspekt. Ich halte das zwar ziemlich locker aus, mir das mal anzuhören, doch wozu, gar mehrmals?
            Wozu andere Leute mit Dingen belasten, an denen sie ohnehin nichts ändern können? Zur eigenen Heilung, Entlastung? Ein anständiger Mann macht das nicht, wohl auch eine anständige Frau. Nicht nur aus Rücksicht, sondern auch, weil das keineswegs irgendwas voranbringt.
            Wird gar vergangenes Leiden gelindert, indem man andere damit zutextet?
            Das mag für andere auf Kosten anderer taugen. Ich halte das für schäbig. Keinen Bock darauf, sowieso. Ich bin schlicht der Magnus, der halt ein paar Narben hat. Wer wissen will, woher sie stammen, dem sage ich das kurz und knapp. Wer mehr wissen will, den prüfe ich erst auf seine Ernst- und Standhaftigkeit, seinen unbedingten Willen, mehr in seine Ohren zu ziehen. Vorher gibt es keine Details.
            Ja, bräche ich dabei jedesmal in Tränen aus (dazu gibt es das seit gut vierzig Jahren nicht mehr, schon wieder zuviel gesagt, mich selbst zum kalten Monster gemacht), so fiele vielen das Zuhören wohl leichter. Sie könnten sich etwas in Mitleiden üben, sich sagen, ich übertriebe wohl, sich überlegen fühlen. Das tut den meisten gut.
            Verständige Menschen wollen von allerlei „Details“ im Zusammenhang mit meinem schweren Unfall sowieso nichts wissen. Die können sich, nur mein Gesicht anschauend, schon denken, das das nicht vom Zuckerschlecken herrührt. Daher werden sie allenfalls nach Umständen und Zusammenhängen fragen, nicht nach einzelnen Grausamkeiten, den Schmerzschreien eines kleinen Kindes. Das macht man nämlich einfach nicht. Es sei denn, einer hat ähnliche Erfahrungen gemacht, interessiert sich rein medizinisch, will sich mit mir darüber austauschen, und man kann inzwischen und damit zwischendrein gemeinsam auch seine Scherze dazu treiben. Das ist wiederum, wenn auch selten, etwas anderes.

            Ich ginge auch nie auf ein „Party“, wo der Gastgeber oder auch nur ein dafür bekannter Teilnehmer sicherlich wieder von seinen Leiden erzählen würde. Wozu? Etwa, damit ich im Vergleiche befragt würde? Sowieso nicht. Wenn der es braucht, kann er mit mir unter vier Augen darüber reden, ich berechne keinen Cent dafür. Vor anderen Leuten, den ganzen Entsetzten oder gar schon Gelangweilten, Genervten? Nicht mit mir.
            EINMAL oder auch insgesamt ein paar Male guten Freunden von solchen Dingen erzählt zu haben, das mag angehen, sogar guttun, ohne einen anderen über Gebühr damit zu behängen. Ansonsten beschädigt man sich und andere nur noch mehr.
            Jetzt rede ich schon so weitschweifig darüber, in diesem kleinen Kommentar, dass fast schon ein Artikel daraus werden möchte. Eine, gerade in dem Falle, besonders nüchterne Betrachtung der Problematik.
            Ich werde das aber wohl, zumindest vorläufig, bleibenlassen. Allzuleicht wirkte es alswie eine Wichtigtuerei, eine Selbstverherrlichung, ein Gurutum gar. Egal wie gut geschrieben.

  3. @ Hugin

    danke für Deine – wie immer – sehr zentrierte Betrachtungsweise.

    Die Cousinen sind ab ihres Jammerns harmlos. Man kennt sich. Man kennt das. Oft sehe ich sie nicht. In der Familie soll es bevorzugt eine gute Übung sein, sich trotzdem zu lieben. Man könnte es vergleichen mit vertrauten Landschaften. Sie sind so, wie sie sind. Haben ihre Höhen und Tiefen und letztendlich geht immer alles gut aus.

    Solange noch miteinander geredet wird, finde ich diese Mätzchen harmlos. In vielen Familien ist der Karren so verfahren, dass es Ausgestoßene gibt und Geächtete. Das tut weh, auch nur beim Zusehen. Speziell ich selbst habe keine Hemmungen, auch mal recht offen zu sein. Das tut dann mir selbst am Meisten gut. Bekanntermaßen… 🙂

  4. Ich stimme Magnus zu, dass das permanente Erzählen von Leid und Schmerz niemand nützt, am wenigsten dem dereinst Geschädigten. Aber die ganze Psychotherapie lebt davon, immer wieder Schmerzliches erleben zu lassen. Kein Wunder, dass sie so erfolglos ist.

    @Gigi
    Nun, Du hast Deine Cousinen als Beispiel angeführt. Deshalb habe ich sie als toxisch empfunden. Aber anscheinend ist es zum Glück ganz harmlos…

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