Cicero zur Tugend

Ich bin heute in Ciceros „De re publica“ (Vom Staat – zweisprachige Ausgabe von Reclam – Übersetzung von Michael von Albrecht – S. 11) auf die folgende Passage gestoßen: „Doch ist es nicht genug, Tugend zu besitzen, so wie man irgendeine Kunstfertigkeit besitzt, ohne sie auszuüben. Zwar kann man eine Kunst, auch wenn man sie nicht ausübt, rein wissensmäßig beherrschen; Tugend aber besteht überahupt nur darin, dass man sie übt.“

Ich hatte es hier schon einmal davon, aber manche Dinge müssen eben auch – oft in neuem Gewande – wiederholt werden.

Im Zuge der Infantilisierung der Gesellschaft scheinen immer mehr Leute dem Glauben aufzusitzen, irgendetwas nicht zu tun sei bereits von vorbildlicher Tugendhaftigkeit, selbst wenn damit keinerlei echte Anstrengung verbunden ist. So brüsten sich heute Leute, die ansonsten ausgemachte Mitläufer und Feiglinge (zur „virtus“ gehört auch die Tapferkeit) beispielsweise damit, keinen dicken Daimler zu fahren – oder überhaupt ein Auto – indem sie mitten in der Stadt leben, wo das keinerlei oder fast keine Einschränkungen mit sich bringt (oft haben sie auch einfach kein Geld dafür und blasen dann deshalb verlogen die Backen auf). Andere, die essen kein Fleisch, weil sie es nicht mögen, spielen sich deshalb als Weltenretter auf. Wiederum andere haben endlich mit dem Rauchen oder Trinken aufgehört, oder damit gar nicht erst angefangen, halten sich deshalb für Tugendbolde. Und wenn wir dabei schon sind: Ich kenne einen Mann etwa meines Alters, der lässt ganz gern mal ein paar Biere rein, ein sehr robuster Typ, ein As in seinem kunsthandwerklichen Beruf, kiffen aber tut er nicht. Er habe es probiert, aber nicht vertragen. Der käme nie im Leben auf die Idee, diese Nichthandlung als bemerkenswert tugendhaft vor sich herzutragen. Der verzieht auch keine Miene, wenn andere sich mal einen Joint gewähren.

Es ist auch keine Frau deswegen tugendhaft, weil sie nicht mit jedem Seppel herumbumst. Tut sie alles für ihre Kinder, ja, das ist tugendhaft.

Und wenn der Fleischlose einen großen Biogemüsegarten anlegt und Obst- und Nussbäume für die kommende Generation anpflanzt, ja, das ist tugendhaft. Und wenn einer selbst bei schweren Schmerzen nicht dauernd jammert und klagt und damit seine Schmerzen auf andere überträgt (das kann man zwar als eine Nichthandlung ansehen, die aber sehr fordernd sein kann, also doch eine Handlung darstellt), dann ist das tugendhaft. Unter Einsatz des eigenen Lebens andere retten, das ist tugendhaft. In der Wissenschaft oder Lehre oder Politik zum als richtig Erkannten stehen, selbst wenn es bis zur Verfehmung führt, das ist tugendhaft. Irgendwo ein bisschen mitdemonstrieren und herumbrüllen, im Sinne der verordneten Mehrheitsmeinung, sich dafür noch mit breiter Brust als Held fühlen, das ist nicht tugendhaft.

Cicero, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren, tat alles für den Erhalt der Republik, unterlag schließlich (nachdem er sie vor Catilina unter ständiger Lebensgefahr noch retten hatte können) und wurde von den Schergen Marc Antons endlich widerstandslos (seinen Getreuen das Leben zu retten) ermordet , worauf man seinen Kopf und seine Hände öffentlich in Rom ausstellte.

Nun kann – schon von den Geistesgaben her – nicht jeder ein Cicero oder Konfuzius sein (dem ging es oft beinahe ans Leder, schließlich durfte er, Rückzug aus der Politik, bis zu seinem natürlichen Ende noch lehren), tun kann aber jeder, der irgendwie bei Verstand, etwas. Selbst der Dorfdepp kann brav mit der Karre Mist wegfahren, anstatt sich nur versorgen zu lassen.

Und all die, die meinen, Tugend werde ja ohnehin nur bestraft, man vergeude sich nur, diene man dem Staatswesen, hülfe also allen, mit denen geht Cicero aufs schärfste ins Gericht. Er geht so weit, dass er sagt, man verdanke dem Vaterland mehr als selbst dem eigenen Vater. Denn den wie alles sonst, was jetzt das Volk weiterhin nähre und schütze, hätte es ohne das Vaterland nie gegeben, damit auch einen selbst nicht.

Man komme mir dazu jetzt nicht mit Geschichten von den bösen imperialistischen Römern. Die Karthager waren genauso imperialistisch, und ich will nicht wissen, wie Europa heute aussähe, hätten die Rom niedergerungen. Die Kelten führten auch immerzu Krieg. Meine lieben Germanen ließen sich auch nicht immer nur bitten.

Bisher 9 Kommentare

9 Antworten auf „Cicero zur Tugend“

  1. @ Magnus

    Du räumst ja ganz schön auf. Ich mag die Römer überhaupt nicht. Die hatten einfach keine Kultur. Sie hatten Kriegsgerät im Kleinen wie im Großen und haben hauptsächlich Feldzüge gemacht und schlichte Kelten massakriert. Die Karthager kenne ich nicht (mehr), sie sind mir in meinem langen Leben abhanden gekommen, habe ich denn einmal in der Schule von ihnen gehört. Ja gut, leider gibt es keine richtigen Helden und heilige Völker hier auf der Erde, die tugendhaft waren und ehrenwert. Zumindest nicht soweit wir sie kennen.

    Nun habe ich mit dem Schluss angefangen – der Mittelteil -Cicero und Konfuzius – diese beiden Kaliber sind mir zu weit weg, nicht fassbar. Was ganz oben über die Tugenden steht, gut, das leuchtet mir nicht nur ein, das kann die Grundlage für echtes, beglückendes Zusammenleben sein. Dass Du Dich so darum bemühst, das ehrt Dich. Spricht von selbst für Dich. Trotzdem und noch einmal: Ich mag die Römer nicht. (Ich polarisiere… )

    So, wie Du die Welt erklärst, da wäre ja noch Hoffnung? Wenn es die Grünen nicht gäbe? Die Ideologien? Die Kriegsgeräte? Die Diplomaten? Die …. Ach was, ich verstehe einfach viel zu wenig von Allem! Immerhin ist es ein heimeliger Aufenthalt, im Schatten von Einem, der Cicero liest und sich um die Tugenden bemüht, und sie zum öffentlichen Verständnis ausstellt.

    1. @ Gigi

      Die Römer hatten keine Kultur? Na, wie Du meinst.
      Die Kelten werden ständig idealisiert, dabei waren die Druiden wohl gar nicht die lieben Spiris mit den weißen Bärten und den Heiltränken, wie bei Asterix und Obelix.
      Zu den Karthagern. Sicher ist, dass das auch keine reinen Ökopaxe waren. Erst heizten sie den Griechen ein, dann den Römern. Die waren am Ende aber zäher.
      Achja, Vercingetorix hinterließ im Kampf gegen Cäsar im eigenen Land systematisch verbrannte Erde (ich schrieb davon schon einmal), damit die Römer nichts mehr zu fressen fänden. Es verhungerten dann aber nur seine eigenen Leute, denn Cäsar sorgte für Getreidenachschub aus Spanien.
      Die feinen Helvetier (Kelten) verwüsteten ebenfalls ihr eigenes Land, um ins wärmere Gallien einzufallen, so, dass keiner mehr an Rückzug denken würde. Cäsar schickte sie dann zurück, als Dauerschweizer gegen die Germanen sozusagen.
      Mehrere keltische Stämme kämpften lange auf der Seite Cäsars. Undsoweiterundsofort.

  2. @ Magnus

    Na gut, ich weiß viel zu wenig. Das gebe ich zu.
    Die Römer: Klein, dumm, in einer Hand die Keule, in der anderen der Schweinshaxn, und wenn ein Kelte vors Visier kam, so wurde der so ganz „nebenbei“ ordentlich gepiekst! So wurde mir das erzählt. Ich definiere hier ganz deutlich und direkt: Städtebau ist bei mir kein Merkmal von Kultur. Siehe die Endergebnisse. Ganz deutlich zu sehen an der zwangsläufigen Neurose eines New-Yorkers.

    Die ganze Kriegsführung eines Volkes wie das der Römer, braucht ein ordentliches Maß an blindem Gehorsam, zusammengefasst eine „Armee“ an Nicht-Denkenden, auch das ist für mich kein Merkmal von „Kultur“! Was bleibt? Brot und Spiele mit Daumen nach oben oder unten, je nach dem? Ist d a s Kultur? Wahrscheinlich habe ich einen zu hohen Anspruch an das Wort „Kultur“. Zerlege ich es, dann kultiviere ich etwas.

    Ok, wenn Du angibst, die Kelten und Germanen hätten im Vergleich zu den Römern auch keine Kultur gehabt, dann lasse ich es so stehen, weil Du weißt es besser. Interessant ist es für mich schon, wie Du es siehst, aus Deinem Wissensschatz hervor. Ja gut, Cäsar hat für Essen gesorgt. Für Getreide. Das tat – vorher – oder nachher – ? -schon Kleopatra. Deshalb sind diese beiden Helden? Innerhalb was für einem Gemetzel eigentlich?

    Gut, die indigenen Stämme, seien es die alten europäischen, oder die afrikanischen der Neuzeit, sie hatten allezeit Stammesfehden. Das ist sogar mir bekannt. So in meinem Hinterkopf ist da auch noch die Infrastruktur. Nicht organisierte Völker haben keine gut funktionierende Infrastruktur und wenn Du das als Kultur verstehst, dann gab es diese in den großen Epochen zu Hauf, doch frage ich mich, mit welcher Macht-Ausübung als Begleit-Musik? Ständig diese Hierarchien und Kasten und Bessergestellten und Schlechtergestellten, das ist doch kein freies, kulturelles Leben? In welcher Epoche der Menschheit durfte sich der Mensch frei entscheiden, ob er heute lieber am Flussufer sitzt und Nase bohrt, als unter Hieben das Brot für die Majestäten zu backen, und selbst nichts davon zu bekommen?

    Zusammengefasst: Du hast das Wissen, Magnus und ich habe die Einwände. Obwohl ich eine Frau bin, komme ich nicht von der Venus, ich komme von den Plejaden. Da wird anders gedacht, als hier auf der Erde. Vielleicht hast Du trotzdem noch etwas, das ich nicht im Visier habe, und das Du als „Kulturmerkmal“ bei den Römern ortest? Ich bin gespannt. Gigi 🙂

    1. @ Gigi

      Ich habe nicht angesetzt, dass die Kelten und Germanen im Vergleich zu den Römern auch keine Kultur gehabt hätten.
      Die Römer hatten eine reichhaltige Literatur, eine großartige, nachhaltige Architektur, hervorragende Hygiene und Medizin, Badehäuser, Esskultur usw. usf.

  3. Nachtrag: Sprache und Schrift ist ein Kulturmerkmal, das ich anerkenne, doch für sich genommen, allein, n u r mit Städtebau gemeinsam ist das zu wenig. Hierarchie ist scheinbar notwendig wie Geld auch. Doch was ist Hierarchie? Der, der das Geld hat, das eigentlich überflüssig ist zum Überleben, weil Geld ist nicht essbar, sondern das Brot, aus echtem Samen gewachsen, aber zurück zum roten Faden:

    Der, welcher Geld und Macht hat, ist ganz oben in der „Hierarchie“, egal welchen Charakter der hat, und ob er für seinen Reichtum gearbeitete hat, oder ob er diesen durch Ausbeutung Anderer oder einfach nur über „Erbe“ bekommen hat. Die hier schon strapazierte Putzfrau hat kein Ansehen. – Ist nichts „wert“.

    Es geht um Wertigkeit. Das ist für mich Kultur, wenn Bewusstsein herrscht, dass j e d e r MENSCH gleich wertvoll ist, egal, welche Funktion er in der Gemeinschaft hat. Wenn jeder das tun darf, was er am Besten kann – und nicht gleich den ganzen Tag – sondern so lange, bis sein Körper sagt: `Jetzt ist es erst mal genug, sonst entsteht ein Schaden im System` – dann entsteht eine echte, gewachsene Kultur. Etwas, das kultiviert wurde und seinen Weg gefunden hat. Eine Gesellschaft ist so viel wert, wie ihr letztes Mitglied. Was sind wir alle wert? Werden alle gleich geachtet?

    Abgekoppelt von der echten Gleichwertigkeit trotz der Verschiedenheit der Individuen und ihrer Aufgabe, ist das, was einer t u t, nicht immer das, was g u t ist, im Sinne von „zum Wohle aller“ und da sollte eine reife Gemeinschaft sehr wohl Mechanismen entwickeln, wie sie damit umgeht und wo die Grenzen des Erträglichen sind.

  4. @ Magnus

    ja, Du hast n i c h t geschrieben „Kultur“, sondern das, was Du meintest, war das auch Nicht-friedliche Verhalten von den Kelten und Germanen.

    Bei den Vorzügen der Römer, die Du oben beschreibst, lasse ich dann gelten, wenn von diesen Vorzügen a l l e im Reich lebenden Zugehörigen profitieren konnten. Liest sich wie im Schlaraffenland. Was waren die Nachteile dieser römischen Kultur? Ich meine, die waren ständig im Krieg oder? Die Cäsaren waren von Macht besessen und bestimmten willkürlich über Leben und Tod der „Untertanen“. Extra große, wilde Männer wurden gezüchtet für diese abscheulichen Kämpfe in der Arena. Nackte Gewalt und Brutalität wurde öffentlich zur Schau gestellt. Zusätzlich mit Nervenkitzel angeheizt durch wilde Tiere.

    Das ist doch auch Teil dieses 1000jährigen römischen Reiches? Ich kann damit nichts anfangen, sorry. Für mich waren die Römer einfach nur eine organisierte Armee, die in Europa herumlatschte und alle Völker terrorisierte, um ihre römischen Gesetze durchzuziehen. (Es heißt ja heute noch „römisch katholische Kirche“ und einige Gesetze sollen immer noch pur aus dem römischen Recht stammen….) Auch vor den eigenen Leuten wurde nicht Halt gemacht, es wurde intrigiert und vergiftet, dass sich die Seiten der Geschichtsbücher biegen.

    Nenne es meine eingeschränkte Wahrnehmungsmöglichkeit, oder mein pessimistisches Weltbild. Schöne Bauwerke sind eine bewundernswerte Tatsache, Medizin, Literatur und eine Bewässerungskultur, ok, das ringt mir schon Respekt ab, die Aquädukte der Römer. Das Gute kann man lassen. Mir graust eben vor diesen brutalen Praktiken, die sie im Krieg und in der Arena ausgeführt haben. Das ist für mich Subkultur im Sinne von Unmenschlichkeit. Dazu stehe ich in meinem Dasein.

    NS. Heute denkt sicher niemand, dass Du ich bist….. Gigi 🙂

    1. @ Gigi

      (Zu Deinen letzten beiden Kommentaren)

      Ich will jetzt nicht weiter die bösen Römer verteidigen müssen, aber: Die Kelten hatten bevorrechtigte Adelige und die mächtige Priesterkaste der Druiden. Bei den Germanen gab es wohl viel weniger Hierarchie in dieser Richtung.
      Gewisse Hierarchien gibt es immer. Das gibt die Natur vor. Wer meint, es gehe anders, der versteht das nicht, oder er lügt. (Meistens sind es Sozialisten oder Christen.)

  5. Sorry, das mit der Hierarchie gehört wohl hier her. Kannst Du das bitte transferieren, Magnus?

    Meine beiden Fragen vom 25. Juni 2019 um 12:36h haben nichts mit gänzlicher Abfuhr an die Hierarchie zu tun. Schon gar nicht mit Lügen, Sozialisten oder Christen. Das sind Killerphrasen in der Sprache. Wozu? Diskussionen dienen der Erweiterung des Verständnisses, oder? Man muss sie nicht extra unterbrechen mit Lügen, Sozialisten und Christen.

    Osho wird nachgesagt, er hätte von Themen geschrieben, wie etwa Mut, die er selbst nicht hatte, weil er womöglich selbst recht feige war. Lässt das den Schluss zu, dass Cicero nicht sehr tugendhaft war? Wer von uns könnte diese Frage beantworten, wenn wir ihn alle nicht persönlich kennen? Es gibt Videos im Netz, wo das Mittelalter völlig geleugnet wird und als Fiktion dargestellt. Danach wäre Cicero eine Erfindung und hätte nie gelebt. Ich wünsche echt, dies hier alles in einem regen Austausch mit vielen Kommentatoren zu erörtern und durchleuchten.

    LG Gigi 🙂

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