Zarathustra ist kein Dichter mehr

Cervantes hat seinen Quijote die Dichtkunst als höchste aller Künste bezeichnen lassen, da sie ja alle Kenntnisse und Wissenschaften umfassen müsse und diese in Einklang bringen, also, dass das Verhältnis der Teile zum Ganzen und des Ganzen zu den Teilen stimme und der Mensch durch ihren Wohlklang noch erst recht erfreut und gehoben und tugendreicher werden möge.

So fasse ich das jetzt mal aus dem Gedächtnis zusammen.

Schaut man sich die Aussagen Konfuzius‘ an, die ja wohl erst nach seinem Tode zusammengetragen, so sind sie, allein ob ihrer Abfolge allenfalls auf den ersten, oberflächlichen Blick nicht auch Dichtkunst.

Jetzt von Seneca einiges gelesen, und der hat sich wohl kaum für einen Dichter gehalten, und doch bezeugt sein Redefluss sein Dichtertum.

In Nietzsches Zarathustra gibt es die eigentümliche Stelle, da ein Schaf am Epheukranze seines Hauptes frisst und verkündet, Zarathustra sei kein Dichter mehr. Geht dann von dorten, stotzig und stolz.

Hier wird eindeutig noch Höheres angesonnen.

Hier wird selbst die höchste Dichtkunst als schon nicht mehr die große Form des höheren Menschen anerkannt. Der habe mehr, solle mehr, wolle mehr, könne mehr.

Ganz so leicht aber schafft es Zarathustra nicht, denn er lässt sich mehrfach noch verführen und dichtet am Grunde weiter.

Am Ende sieht er sein unsinniges Mitleiden mit dem höheren Menschen als letzte Erweckung, verlässt seine Höhle, glühend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.

Ich sehe Nietzsches Hinweise hier im Zusammenhang mit der Redlichkeit als der jüngsten aller Tugenden. Der schönen Form halber, auch sonst oft Schwindler, mischen ihm die Dichter noch zu viel Zwielichtiges, unnötigen Zierrat in die Rede. Zu viel wird da dem Leser falsch angemischt.

In der Tat ist allein schon der Vers, sei es Stabreim oder Endreim, eine beständige Verlockung, die Aussage dem Verse zu biegen, das Wort dem Klang.

Ja, es gibt wunderschöne Dichtung, und es ging da wohl auch nicht darum, den Dichtern das Handwerk zu legen, ich wünschte, wir hätten wieder Dichter wie wir sie hatten.

Nun aber zurück zu Cervantes.

Der hat ja viel weniger versgedichtet denn Geschichten erzählt. Die hat er in einer wunderschönen, dabei mit tausenden Sprichwörtern und Redewendungen durchsetzten Sprache erzählt, womit er dann ebenso viel Erzähler leicht wie Dichter. Form und Inhalt sind eins.

Und dabei ist der Zarathustra als Nietzsches wichtigstes Werk sein einziges längeres zweifellos dichterisches.

Und doch meine ich, dass er uns damit, zu dem noch, was sonst darinnen steht, einen weiteren sehr bedeutenden Wink gab.

Bisher kein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.