Ich leugne für mein Leben gern

Ich bekenne mich jetzt endlich öffentlich als Leugner. Dies ist mein überfälliges Coming-Out.

Ich leugne, jemals in Tokio gewesen zu sein, ich leugne, dass ich ein Transgender sei, zudem, dass ich kein deutsches Gymnasium besucht hätte, auch, dass ich die chemischen Formeln von Methan und Kohlendioxid nicht kennte.

Aber schlimmer noch: Ich leugne, dass ich Frauen für mind hielte, weil sie anders sind als Männer. Zudem leugne ich, dass das mit dem Anderssein, diese Einschätzung, meiner verkratzten Brille und meinen ungeputzten Ohren zuzuweisen sei.

Ich leugne sogar, dass ich als Mann und Weißer und gar deutscher Mann irgendwie schuldig, ich leugne gar, dass ich je NSDAP-Mitglied gewesen sei.

Ich leugne auch, dass das EU-Parlament, wo meine deutsche Stimme nur einen sehr kleinen Bruchteil anderer Stimmen ausmacht, ein legitimes Parlament sei. Selbst noch, wo ich nicht leugnete, was ich redlicherweise müsste, dass es sich fragt, wozu der Saftladen eigentlich da, indem die Kommissare regieren.

Ich leugne auch, heute schon einen Whisky auf mein Leugnen getrunken zu haben: käme jetzt ein Fachmann zum Blutabzapfen, ich bin mir sicher, der bestätigte mein Leugnen. Ich leugne gar, dass ich heute noch einen Whisky trinken wolle, denn eben steht mir nicht der Sinn darnach.

Gut, in der Tat, manche Sachen leugne ich nicht. Dazu gehört, denn so schlecht pflege ich nicht zu leugnen, so gerne ich auch leugne, dass dieser Text sehr vermutlich so ungefähr in deutscher Sprache verfasst ist, man Wörter wie Whisky und Parlament als nicht so fremd ansehen dürfe, dass das nicht mehr zuträfe. Auch die Grammatik ist recht eigentümlich deutsch. Man soll nicht leugnen bis zur Dummheit und völligen Lächerlichkeit, mag es noch so viel Spaß machen.

Sogenannte Tatsachen kann und soll man aber sehr wohl leugnen, wenn sie eben keineswegs erwiesene Tatsachen sind. Zum Beispiel leugnete ich unter vier oder sechs Ohren schonmal die Geschichte von Katyn, als das für mich noch, wären es mehr gewesen, hätte Knast setzen können.

Wahrscheinlich waren es einige zu großzügige Lehrer, die es zwar nicht immer gerne sahen, wenn ich leugnete, und mich doch recht weitgehend gewähren ließen. Sie hätten mich bei jeder Leugnung des Klassenraums verweisen müssen, eine Suspendierung von der Schule setzen, so auch in jedem Pro- oder Hauptseminar, wäre ich überhaupt je noch in den Genuss einer allgemeinen Hochschulreife gekommen, als notorischer Leugner.

Ja, da lief einiges noch schief, in den Siebzigern und Achtzigern. Ich durfte nicht alles gar zu frech leugnen, was ich gerne offen geleugnet hätte, aber doch eine ganze Menge.

Heute wollte ich nicht mehr Schüler noch Student sein. Man darf fast schon nicht mehr leugnen, dass man Kevin heiße. Weil eben jeder ein Kevin.

Waren mir noch die Schreibvorschriften für Seminarsarbeiten gemessen am angelsächsischen Raum in Deutschland zu eng, da man nicht „ich“ sagen durfte, was dort selbstverständlich nicht unakademisch, so muss man heute „gendergerecht“ schreiben, vielerorts in Nordamerika, aber auch hier. Was heißt, dass man gezwungen ist, in meinem Falle war es dann ja auch Sprach- und Literaturwissenschaft, wie ein Sprachspast über Sprache zu schreiben. Schöne Neue Welt.

Oh, was ist da passiert?

Ich bin ganz vom Hauptthema abgekommen, dem Leugnen, ja, also: Ich leugnete schon damals, dass das gut sei, heute leugne ich es noch mehr.

Beim Lidl und der Norma (ich nenne jetzt die beiden Namen, es ist so, die sind halt am einfachsten verfügbar, Aldi steht auch aus anderen Gründen weit hinten) leugne ich an jedem Einkaufstag, also etwa dreimal die Woche, gleich hunderte Male, wirksam: nämlich dass ich auch nur eins von den hunderten Produkten wolle, die ich wollen solle. Nur bei ein paar leugne ich das nicht.

Selbst wenn man mich derzeit fragt, ob ich bald wieder in Stuttgart leben wolle, leugne ich das.

Ich merke schon gar nicht mehr, was ich alles leugne.

Eigentlich habe ich gar keine Zeit dazu, jede meiner Leugnungen gesondert zu erfassen.

Sie kommen einfach so.

Ja, manchmal machen sie auch Spaß.

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