Nichttun als Haupttugend

Ich habe auf das Phänomen schon früher aufmerksam gemacht, will es heute noch einmal angehen.

Mir scheint, dass es in den letzten Jahren massiv ausgegriffen hat, sich ein reines Nichttun oder eine Ablehnung von etwas angeblich Verwerflichem als herausragende Tugend anzurechnen, öffentlich und demonstrativ.

Nun, ich wähle ganz bestimmt nicht die Grünen, mag keinen zerkochten Rüben- noch Kürbismatsch noch Tofu, doch wie könnte ich mir eins davon als Tugend anrechnen?

So, wie viele sich es als Tugend wähnen, kein Fleisch noch gar irgendein Tierprodukt als sittsam anzusehen, die AfD bestimmt nicht zu wählen, Trump scheiße zu finden, kein „Antisemit“ zu sein, bestimmt nicht, erklärte Judenfeinde dabei ebenfalls nicht abzulehnen.

Normalerweise, die hiesige Leserschaft wird es verstehen, ist es zwar tugendhaft, verschiedenste Schweinereien, selbst brächten sie Geld und Prestige, nicht mitzumachen, selbst auf schweren eigenen Nachteil hin, bis hin zur Verfolgung.

Gleichwohl ruht der Tugendbegriff von alters her mindestens gleichgewichtig, eher übergewichtig, auf dem echten Tun, statt des Abtuns, Nichttuns, Nichtmittuns.

Also, ob man wirklich Voranbringendes ins Werk setzt, auch und eben redliche Rede redet, geradesteht, auch, wo es nottut, haltlosen Schwätzern wie schlimmen Demagogen das Wasser abgräbt, dabei auch Vorschläge hat, wo was wie zu verbessern sei.

Ich fahre keinen Diesel! Ich kaufe nichts von Nestle! (Ich schon, den Diesel zwar nicht, aber ein bestimmter Senf von Nestle schmeckt mir einfach zu gut.) Ich bin kein alter weißer Mann! Ich bin stolz darauf, die Migrantenschinderpartei CDU nie gewählt zu haben! Und wie stolz bin ich erst darauf, dass ich keine biodeutschen Kinder in die Welt gesetzt habe, mehr von dieser Rassistenpest! Wie schön, dass ich nicht braun bin! – Äh, ich meine natürlich im Sinne der Nazis. Ich bin ja auch nur eine Frau, sozusagen, und dafür, dass ich weiß bin, kann ich nichts. Das waren meine Eltern.

Nein, ich werde mich nicht bewegen, um einen etwas strafferen Po zu bekommen und weniger Schwimmring um die Hüften, damit irgendwelche Scheißmachos mehr hinglotzen und auch noch meinen, ich täte das für sie. Ich werde allenfalls ein bisschen weniger Nutella essen, und so. Das sehe nur ich. Schlanksein für diese missratenen Arschlöcher, so weit kommt es noch!

Vielleicht binde ich mir draußen jetzt auch ein Kopftuch um, damit sie nicht nur sehen, wie fett ich bin, sondern obendrein denken, ich sei Mohammedanerin. Dann werden sie nur noch kurz hinschauen, diese blonden, weißgesichtigen Dummbocksfratzen.

Ja, und damit lehne ich es auch ab, weniger Nutella zu essen. Was soll das? Wie weiblich unterdrückt muss man sein, um weniger Nutella essen zu wollen?

Ich bin gegen alle Unterdrücker, und darauf bin ich stolz.

Bisher ein Kommentar

Eine Antwort auf „Nichttun als Haupttugend“

  1. Der Macho

    Der Macho stapft durch die Gegend und tut, was er will und sagt, was er denkt.

    Er ist stolz auf sich und zumindest bis vor Kurzem pfiff er einer hübschen Frau nach, wenn ihm der Sinn danach stand. Vor allem von Baustellen herunter und Feierabends aus dem Biergarten oder einfach aus dem offenen Fenster. Die Mädchen lächelten und gingen unbeirrt weiter. Seit es so viele Autos gibt, geht das allerdings nicht mehr so gut, weil die meisten Autos haben stabile – und keine Schiebedächer.

    Der Macho versteht es zu leben, zu essen und zu trinken und er gibt an. Er gibt mit allem an, was irgendwie geht, auch mit seiner tollen, behaarten Brust. Die Frau schweigt und genießt.

    Würde die Freundin des Machos zehn Kilo zunehmen, dann wäre es das. Oder auch nicht. Zumindest kündigt er das schon mal vorsichtshalber und laut so an. Der Macho hat immer einen flotten, kessen Spruch auf der Lippe und ist rührig, emsig und bemüht. Sein Revier verteidigt er mit seinen Zähnen, wenn es sein muss und wehe, es sagt jemand „Macho“ zu ihm!

    Doch nun zur Frage: Wer würde denn mit einem Chauvinisten, einem Softie oder gar einem „Weichei“ schreiben wollen? Da sich Machos um vieles einfach nicht kümmern (wollen), scheint es so, als wären sie nicht mehr so zahlreich, wie früher. Doch ich habe meinen Beitrag geleistet. Ich habe drei Söhne, und nun ratet mal, wie viele Machos?

    Ohne Machos und Brummifahrer und Angeber würde ich hier keine Minute mehr bleiben! Geoutet oder nicht, einer meiner Drei sagte im Affekt einmal zu mir: „Machoine“!!!!! Na wenn das mal kein tolles Kompliment ist!?

    Diese Diskussion hatte er damit eindeutig gewonnen. Für eine halbe Stunde sagte ich nichts mehr. Dieses Kompliment musste ich erst einmal einordnen und verdauen. (Ich ziehe jetzt noch eine säuerliche Miene. Nicht so wegen dem Wort selbst, sondern: WAS soll man darauf noch sagen??????)

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