Von weisen Menschen (II)

Ich habe im ersten Teil nunmehr reichlich genug selbstnachkommentiert, also jetzt der zweite.

Weise Menschen werden leicht zur Projektionsfläche von Wütenden und Missratenen: es trifft sie der Fluch der Projektion Zukurzgekommener.

Sie sind wandelne Mahnung und Warnung. Dafür werden sie von vielen gehasst. Üble Machthaber wollen ihnen sowieso immer an den Kragen.

Verleumdung ist oft ihr täglich Brot. Gut bezahlte Arbeit gibt man ihnen sehr ungern, nur in höchster Not. Zumal Priester machen sie zu Aussätzigen oder lassen sie in den Kerker werfen oder bringen sie auf den Scheiterhaufen.

So gesehen ist es kein Wunder, dass es so wenige weise Menschen gibt. Die Gefahr ist einfach groß.

Weise Menschen kennen aber auch ein Glück, von dem nur wenige außer ihnen auch nur ansatzweise eine Ahnung haben. Sie brauchen keine Religion, denn sie sind schon bei sich selbst.

Sie haben Freude an allen schönen Dingen. Als Mann achten sie auch das Weib und umgekehrt. Doch nicht übers Maß.

Sie sehen, so sehr sie die Zeit zwingen mag, vieles überzeitlich. Ihre Sinne bleiben scharf, selbst wenn ihr Alter sie schon geschwächt. Denn sie lassen einfach nicht nach.

Bisher 7 Kommentare

7 Antworten auf „Von weisen Menschen (II)“

  1. Von weisen Menschen

    da will ich auch was dazu schreiben, ohne die Zeit von Dir, Magnus übermäßig zu beanspruchen. Ich denke im Allgemeinen, daß Weisheit zu sehr idealisiert wird, weil Weisheit in meinen Augen partiell auftritt und nicht alle Ebenen eines Menschen erfasst. Weisheit ist nicht beweisbar und es gibt keine Anleitung, wie Weisheit erlernt werden kann. Ich spüre schon, was Du antwortest, nämlich, daß Weisheit nicht erlernbar ist?

    Etwas, das derart schwierig erreichbar, und kaum zu erhaschen ist, dazu noch theoretisch und nicht praktisch irgendwo verankert, auch nicht beweisbar, noch erklärbar- ist es erstrebenswert? Von Sokrates wird erzählt, er sei mit seinen Freunden im Steinkreis-Lokus gesessen und habe diskutiert. Darüber vergaß er ein um das andere Mal, zur rechten Zeit zur Mahlzeit nach Hause zu kommen. Mindestens ein Mal soll ihm seine Frau Xanthippe die heiße Suppe über das weise Haupt gegossen haben, worauf ihr Mann „nur“ einen weisen Spruch abließ.

    Ja, ich weiß, ich war nicht dabei, und ich habe es nicht selbst gesehen, ob es sich so zugetragen hat. Eher ist es heute noch so in Griechenland, daß die Frauen Göttinnen sind, auf ihre eigene Art und Weise. Jedenfalls macht der Arzt und machen die Angehörigen im Krankenhaus die Pflege der Patienten, und nicht die Krankenschwester, das ist so.

    Wenn der Sokrates eine Koryphäe auf seinem Gebiet, der Philosophie war, dann muß er nicht auch weise in der Ehe gewesen sein, das wäre vielleicht zu viel verlangt von einem Griechen, oder einem Mann? Also gibt es nach meinem Verständnis von Weisheit „den Weisen“, „die Weise“ nicht, sondern es gibt Menschen, die ihre speziellen Weisheiten haben.

    Nicht jeder Weise muß zwangsläufig gut oder ruhig sein in seiner Haltung oder in seinem Temperament. Auch ein quirliger, aufbrausender Mensch kann weise sein auf seine Art. Sonst müßte ein Weiser perfekt sein, und dann wird die Luft insofern dünn, weil dieser Anspruch der Realität nicht standhält. Ich denke, wir sollten insgesamt die Weisheit etwas entspannter sehen. Ich habe viele gute Mütter erlebt und die hatten eine Weisheit, daß ich oft nur staunen konnte. Nämlich in Sekundenschnelle das Kind so lenken, daß das Kind lachen mußte, ohne Kampf. Das ist meines Erachtens Weisheit der Mutter. Sie wird zu oft übersehen.

    Nur-Denker haben oft eine sehr geringe Erdung und werden abstrakt und unrealistisch in ihrem Dasein. Das kann dazu führen, daß sie nicht wissen, wie der Kugelschreiber auszuknipsen ist. Das erlebte ich bei einem Professor, der 15 Sprachen konnte, darunter Alt-Griechisch und Latein. Schmälert nun dieses Manko im Praktischen die Weisheit des Professoren am anderen Ende wieder? Für mich ist das eine krasse Minusleistung, wenn einer nicht einmal einen Kuli ausmachen kann, das kann immerhin schon ein ziemlich kleines Kind!

    Macht zu weise Weisheit schon wieder eine Schieflage im praktischen Zusammenleben? Siehe Sokrates – ich meine, wer andauernd zu spät kommt, kann das Zusammenleben strapazieren, und wer sich zudem noch gefallen läßt, die heiße Suppe auf den Kopf geleert zu bekommen, ist das noch ein echter Mann?

    Andersrum: Ist ein Mann, der sich die heiße Suppe auf den Kopf leeren lässt – seiner Frau gegenüber weise? Und schmälert das Verhalten des Weisen in der Ehe- und Ess-Angelegenheit seine insgesamte Weisheit nicht auf krasse Art und Weise? Ich meine, wer kann einen ernst nehmen, der sich die heiße Suppe über den Kopf leeren lässt?

    Vielleicht bin ich allgemein zu praktisch veranlagt, um all diese speziellen Ansätze einordnen zu können. Weisheit ist nicht praktisch, oder? Weisheit. Gibt es sie überhaupt? Wenn es echte, andauernde Weisheit gäbe, dann sähe es doch nicht so aus auf der Welt, oder? Wozu ist Weisheit nütze?

    Ich verstehe Weisheit am Besten, wenn es um die Weisheit der Mütter geht, weil die mündet in Lachen, anstatt im Kampf. Doch darüber hinaus? Wo findet heute Weisheit ihren effektiven Einsatz? Wo und wann überzeugt Weisheit? Was ist Weisheit? Ist sie Beweisbar?

    Das sind meine echten Fragen und ich will damit niemanden herausfordern, noch Dir, Magnus, damit auf die Nerven gehen. Seit Tagen habe ich diese Gedanken. Liebe Grüße, Gigi 🙂

    1. @ Gigi

      Ich weiß immerhin, weshalb ich Dir jetzt recht zurückhaltend antworte.
      Nicht, dass ich Deinen Beitrag für dumm hielte.
      Danke allemal dafür.

      1. @ Gigi

        Ich stimme Dir in vielem zu.
        Allerdings waren Konfuzius und Nietzsche für mich eben doch weise. Bach auch.
        Man kann natürlich der Meinung sein, das gäbe es gar nicht, oder nur so begrenzt, dass es letztlich keinen Unterschied mache.
        Ich schließe mich dieser Meinung ausdrücklich nicht an.

  2. @ Magnus

    danke. Im Moment habe ich diese Probleme mit der Weisheit, weil sie mir zu wenig aktiv in unseren Leben „werkt“. Sie scheint auf einem Mauersims ihr einsames Dasein zu fristen und uns nicht zu tangieren. Eine Weiser, eine Weisheit von dazumal, kann die heute noch Bedeutung haben? Ich habe einiges gelesen, doch die Luft zum atmen und mein geliebtes Essen – ich esse gut, doch nicht zu viel – und der Kontakt mit lebenden Menschen ist mir greifbarer als die abstrakten Weisheiten, die nicht aus mir, nicht im Begreifen, sondern von Außen, als kaum zu erhaschendes Gespinst kurz auftauchen.

    Am Nächsten ist mir Marie-Ebner Eschenbach, wenn sie sinngemäß schreibt:

    Hast du nicht gelitten wie ein Hund,
    kannst du nicht schreiben wie ein Gott.

    Freilich sind manche Gedichte und Geschichten von den Weisen erhebend und erbaulich, doch der Alltag holt uns wieder ein, und zwar Augenblicklich! Immerhin erscheinen Weise oft kurz, um uns wähnen zu lassen, wir wären nicht allein. Leider lebe und erlebe ich kein abgehobenes Dasein, wo ich nur schwebe. Das kann aber auch sehr schön sein, im Schweiße des Angesichts den Garten umgraben, Pflanzen setzen oder einen Berg besteigen, und die Erde von oben besehen. Ernten! Ernten ist heilig und wunderbar. Ist ernten weise? Apfel um Apfel die Reife entgegennehmen und dankbar die Süße der Sonne schmecken.

    Weisheit ist für mich sehr materiell, wie mir scheint.

  3. Magnus Du hast recht, es ist viel Schrott unterwegs.
    Sind ja alles nur subjektive Wahrnehmungen.
    Gibt es überhaupt echte Objektivität?
    Wie soll Einer, Eine objektiv sein?
    Bei all den Einzelwahrnehmungen,
    Filtern, Schubladen und
    Erziehungsfallen.

    Salute Magnus, gehab Dich wohl. Gigi 🙂

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