Gleichgültigkeit und Gelassenheit

Der folgende Gastbeitrag von Leserin „Kunterbunt“ fand seinen Weg hierher auf meine Bitte hin, den Großteil eines ihrer Kommentare zu meinem kurzen Artikel „Vom Zurückverachten“ auf diesem Wege eigens hervorheben zu dürfen. Wie es dazu kam, siehe den dortigen Strang. Mein Dank an Kunterbunt für die Genehmigung zur gesonderten Veröffentlichung. (MWG)

Gleichgültigkeit kann in meinem Deutsch die Bedeutung haben von „me ne frego“ auf Italienisch, mit einer pejorativen Konnotation einer Situation oder Person gegenüber. Anderseits kann es auch bedeuten, angemessene Distanz zu einer Gegebenheit oder jemandem zu haben. Gleichgültigkeit sollte echt und neutral sein, um eine ebensolche Wirkung zu haben, will heissen, weder mich noch jemand anderen anzuwandeln. Wenn ich nämlich mit einer Wut im Bauch behaupte, xy sei mir doch gleichgültig, dann kann dies kaum der Wahrheit entsprechen.

Gelassenheit ist in meinem Deutsch anders zu verstehen als Gleichgültigkeit, fühlt sich auch anders an. Gelassenheit neigt sich in meinem Veständnis der Zuversicht entgegen. Ich bin eutonisch gelassen, weil ich zuversichtlich bin.

Würdest du diese Begriffe auseinandernehmen wie es manche zu tun pflegen, sogenannt „al pie de la letra“, würde sich die Auseinandersetzung damit unverzüglich in den Kopf verlagern.

Es würde dann behauptet, Gleich-Gültigkeit bedeute, xy habe die gleiche Gültigkeit wie a-w+z. Oder in einer Verfassung der Ge-lassen-heit würde etwas oder jemand hinter sich oder weg- oder so belassen oder zugelassen. Die ganz Pingeligen unter den Pie de la letra-Leuten würden dann einwenden, Ver-FASSUNG und Ge-LASSEN-heit würden sich sowieso ganz arg widersprechen. Und Zustand von Gelassenheit könne man schon gar nicht schreiben, da ZU und STAND dem LASSEN ebenfalls widerspreche.

Mir ist der Begriff Gelassenheit sympathischer als der Ausdruck Gleichgültigkeit, obwohl beides zu seiner Zeit akkurat und indiziert sein mag. Vielleicht, weil ich Gleichgültigkeit mir gegenüber persönlich nehme, hingegen Gelassenheit in meiner Gegenwart unpersönlich und eher angenehm empfinde…

Bisher 8 Kommentare

8 Antworten auf „Gleichgültigkeit und Gelassenheit“

  1. @ Kunterbunt

    Was will ich dazu noch sagen?
    Zunächst lediglich, dass Leute, die behaupten, sie sähen das und das völlig gelassen beziehungsweise stünden dem oder jenem gelassen gegenüber, sehr oft andere belügen oder auch sich selbst oder gar beides.
    Gelassen zu sein, das klingt eben souveräner, weniger bäuerlich als gleichgültig.
    Nehme ich nun mal her, was mir dict.cc an Übersetzungen von Gelassenheit ins Englische bietet, so wird mir fast schwindlig.
    Denn da kommen nacheinander „serenity“, was erstmal klar, heiter bedeutet, dann „composure“, also Zusammengenommenheit, dann „poise“, ursprünglich Gewicht, jetzt ausgeglichenes Gewicht, ausgeglichene Haltung, hernach „equanimity“, etwa Gleichmut, weiterhin „calm“ und „tranquility“, also eher Ruhe, später „sobriety“, da wären wir bei Nüchternheit, auch „aplomb“, Selbstvertrauen und Selbstverliebtheit, „placidity“, Friedsamkeit, „sangfroid“, Kaltblütigkeit, „easygoingness“ (Gechilltheit?), „sedateness“ (Sediertheit?) und „dispassionateness“ (Leidenschaftslosigkeit?), davor noch „imperturbability“ (Unstörbarkeit? Unbeirrbarkeit?).
    Du siehst, ich komme mit dem Wort schlecht zurecht.

  2. @ Kunterbunt

    Ich will noch anfügen, dass Dein letzter Absatz zu den beiden Begriffen bezüglich des persönlichen und unpersönlichen Empfindens für mich gut nachvollziehbar und sehr einleuchtend ist. Was keineswegs heißen soll, dass ich das davor geringschätzte. Im Gegenteil. Darum bat ich Dich ja, das Ganze zu einem gesonderten Gastbeitrag machen zu dürfen.

  3. @Magnus

    Calmness hat ungefähr die Energie, welche ich mit Gelassenheit verbinde.
    Unstörbarkeit – für mich ein neues Wort. Es drückt Stabilität aus, dennoch sind drei von vier Silben anfällig fürs Gegenteil. Werde mir mal vornehmen, mir zu suggerieren „während dieser Arbeit bin ich unstörbar“ und beobachten, was dabei herauskommt.
    Easygoingness ist ein Wort, welches mir gut tun könnte, es glaubt an den einfachen Verlauf einer Sache.

    Gleichgültigkeit [neutrale Mitte zwischen Gegensätzlichem] wird in diversen Sprachen mit Indifferenz ausgedrückt, also Unverschiedenheit.
    Nach Wikipedia –> Indifferenz steht für
    _den Wesenszug der Gleichgültigkeit
    _Indifferentismus, in der Psychologie [noch nie gehört]
    _indifferentes Gleichgewicht, Grenzstabilität in der Physik
    _indifferenter Haushalt, Indifferenzkurve in der Ökonomie

    Mir scheint irgendwie, dieses Zitat drückt das aus, was ich als ersten Kommentar unter dem Artikel ‚Vom Zurückverachten‘ gemeint und geschrieben hatte:
    „Immer wird die Gleichgültigkeit und die Menschenverachtung dem Mitgefühl und der Menschenliebe gegenüber einen Schein von geistiger Überlegenheit annehmen können.“ [wobei Schein hervorgehoben werden müsste]
    Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1930)

    Weniger drastisch gesehen, kann Gleichgültigkeit auch echtes Desinteresse ohne jegliche Herabwürdigung und simples Stehenlassen, wie es nun mal ist, meinen.
    „Die Mietpreise der Immobilienhaie in Shanghai sind mir gleichgültig.“

    1. @ Kunterbunt

      Ich fange mal von unten an: Die Herleitung und das Beispiel mit Shanghai dazu überzeugt. Auch das Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach mit Deiner Hervorhebung.
      Weiter oben, auch sehr schön, dass Easygoingness an den einfachen Verlauf einer Sache glaube. Die habe ich vielleicht mal, wenn ich bei 28 Grad Luft- und 24 Grad Wassertemperatur noch zehn Meter bis zum Mittelmehrstrand zu schwimmen, da keine Seeigel, ich könnte auch schon gehen, der Gin-Tonic ist aufgetragen, das Hotel drei Wochen im voraus spendiert, eben einen Vorschuss von 100 000 auf beliebige nächste drei Blogeinträge in Gold erhalten, das schon verteilt vergraben, weiter hinten ist der Barolo atmungsgerecht gezogen, die Antipasti mit dem Sancerre warten bereits, und Kunterbunt hat sich zum gepflegten philosophischen Gespräch angesagt. Dazu keinerlei loses Gesindel in der Nähe, und es braucht zu Schutz und Trutze auch keine Polizei.
      Noch auf den zehn Metern fällt mir ein trefflicher Aphorismus ein. Der Abend kündigt sich lau an. Keine Stechfliegen, Kakerlaken oder Ratten dräuen. Nirgends einer mit Smartphone. Kein Wifi und keine Tiefflieger. Wofern uns genehm, können wir uns noch etwas Belcanto kommen lassen.
      Da das alles aber etwas viel verlangt, hätte ich die Easygoingness wohl lieber vor einer Berghütte, niemand umher als der volle Mond, der über den See glitzert, und vielleicht ein oder zwei oder gar ein paar liebe, fröhliche Leute…
      Kurzum: Dass etwas wirklich „Easygoingness“, merkt man eher erst hinterher, dann, wenn es auch hielt.

    1. @ Kunterbunt

      Also gut.
      Easygoingness ist für mich einfach ein Waldspaziergang, es seicht nicht wie Sau, ich singe und habe eine Büchse Bier vom Lidl dabei.

  4. @ Magnus

    In dieser Szenerie haben sich die Bedingungen auf den Wald reduziert 😉
    Alles Andere ist situativ frei wählbar…
    Gute Nacht und guten Wochenstart!

  5. @ Kunterbunt

    Danke!

    Die Woche ist jetzt schon in guter Mitte, im Wald war ich schon wieder ein paar Male, und ich fühle mich dadurch keineswegs reduziert. Liegt wohl daran, dass der Altgermane zwar gerne auch mal Salsa und Samba und wie das alles heißt hört, aber doch inzwischen mehr von der schönen Müllerin und den Bachsuiten, die ihn bald zum erntefrischen Bärlauch führen werden.
    Vielleicht nenne ich indes den daraus gewonnenen Pesto, nur für Dich, dieses Jahr Salsone.

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