Altersheim-Verbot

Von Gigi Lichtaubergh

Während meiner aktiven Zeit hatte ich einmal eine steinalte, demente Frau zu betreuen: Lena.

Wenn ich ankam, und sie hatte schon gegessen, das „rollende Essen“ oder „Essen auf Rädern“, und ich fragte sie: „Lena, was hast du denn Gutes gegessen?“ Da sah sie mich an und sagte: „Jetzt weiß ich es nicht mehr.“ Dann sahen wir beide in den leeren Teller und lachten laut. Ich bot ihr an, mit der Lupe zu kommen, um in ihren Bauch zu sehen, was uns nicht minder belustigte.

Einmal kam mit der Post eine Aufforderung zur Wahl und ich gab sie ihr, und sagte: „Lena, du mußt wählen gehen.“ Da ging Lena los wie eine Tarantel: „Gar nichts muß ich, das wäre ja noch schöner, einen Dreck werde ich tun, die können mich gern haben!“

Lena konnte biestig sein. Wenn ich etwas putzen wollte, und sie war dagegen, warum auch immer, da fing sie gräßlich an zu schimpfen: „Was machst du hier, das brauchst du nicht, ich mache das selber! Schau, daß du weiterkommst! Geh heim!“

Nicht selten sagte sie auch: „Hau ab!“ Doch da lachte sie dann doch, weil sie spürte, das war jetzt etwas grob. Meist konnte ich sie mit gutem Essen belohnen, und für diesen Zweck hatte ich Maroni gekauft, die ich in ihrer Wohnung versteckte. Denn wenn ich ihre Lieblingsspeisen nicht versteckte, dann kam es vor, daß sich alles an einem Tag aufaß. Ihr Hunger- und Sättigungsgefühl funktionierte nicht mehr so richtig.

Immer, wenn sie Maroni sah, begann sie zu singen: „Maroni, Maroni, Maroni“. Ich verbesserte Lena: „Das heißt Marina.“ Wir sangen das Lied voller Inbrunst, zweistimmig, oder mehr – und danach auch mit dem anderen Text: Marina, Marina, Marina, i wosch dir mit Presto die Fiaß. (Hochdeutsch: …ich wasche dir mit Presto die Füße. Presto=vorsintflutliche Waschmittelmarke.)

Das ging so lange, bis es uns langweilig wurde. Da Lena immer gern über Sex sprach und mich auch immer allerhand dazu ausfragte: „Hast du heute schon Sex gehabt?“, stach mich bald der Hafer und ich dichtete eine neue Strophe zu unserem Lieblingslied:

Marina, Marina, Marina, heut Nacht ist der Sex wieder prima!“ Lena und ich sangen jeden Tag, bis sie ins Altersheim kam. Ich besuchte Lena dort und wir sangen alle unsere Lieder laut und innig im Aufenthaltsraum. Die anderen Insassen freuten sich, lachten oder dämmerten still vor sich hin. Dann kamen wir zur Marina, deren Sex prima ist. Ein Herr wurde daraufhin sehr lebendig und eine Dame fing an, sich zu erregen. Unruhe kam auf, und Lena wurde laut: „Was habt Ihr denn? Ist doch ein schönes Lied?“

Der Herr war der Dame mit den spitzen Ellbogen nahe gekommen und bekam einen Stoß, weil sie herumfuchtelte. Die Diskussion wurde lauter und eine Betreuerin kam angerannt. Dann saßen plötzlich in einem Rollstuhl zwei, und Tumult brach aus. Die Betreuerin mußte Verstärkung holen.

Ich wurde zum Rapport befohlen, weil ich einen Massentumult in dem Altersheim veranstaltet hatte und sich die Kinder von Lena brüskiert gefühlt hatten. Ich sah Lena nie wieder. Seitdem ist Sex ein Reizthema für mich: Ich bin die einzige Frau in Europa mit Altersheim-Verbot. Was machen die, wenn ich 90 bin?

Bisher 12 Kommentare

12 Antworten auf „Altersheim-Verbot“

    1. @ Kunterbunt

      Danke für DIESEN Link!
      Da können wir angesichts der am Ende eher traurigen Geschichte Gigis doch wenigstens wieder schmunzeln.
      Traumhaft die Landschaft – ist das der Lago di Como?, Landschaft und Autokennzeichen lassen darauf schließen – und der schnuckelige rote Cinquecento.

      (Anmerkung: Ich habe die alte „ß“-Schreibung in Gigis Text stehenlassen. So wird sie es gelernt haben, und hier geht das.)

      @ Gigi

      Danke für den Beitrag!

      1. Lieber Magnus (das musste jetzt sooo geschrieben werden)

        Hab‘ mir haargenau dieselben Überlegungen gemacht.
        Autokennzeichen –> Lago di Como, passt.
        Den roten Cinquecento find‘ ich auch so süss!

        LG

    1. @ Kunterbunt

      Doppel-ß gibt es in dem Sinne gar nicht, nur „ß“, welches in D nach langem Vokal statt bei Euch und in der Schweiz immer noch für „ss“ steht.
      Luxemburgerin?
      Schönes kleines Land mit köstlichem Moselfränkisch. Dareingemischt allerlei französische Brocken.
      Hörte vor Jahren auf der Heimfahrt aus Belgien mal Euer RTL, das war echt lustig.
      LG

  1. @ Magnus

    „Ist das ein Scherz?“ Treffende Frage, finde ich.
    Teils seriös, teils scherzhaft – jedenfalls symbolisch zu verstehen.
    Was wie wo wann warum würde ich dir nur pers. ausplaudern.
    LG

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