Forschung extrem

Manche Filme, die davon handeln, wie eine Person systematisch in den Wahnsinn getrieben werden soll oder wenigstens dahin, dass deren Umfeld sie für wahnsinnig hält, sind recht aufschlussreich.

Der oder die das betreiben haben aber praktisch immer einen klaren, handfesten Grund dafür. Man will erbschleichen, man will die Tochter, man will Rache undsoweiter. Auch mag es vorkommen, dass die Zielperson irgendeiner Firma oder Regierung gefährlich geworden ist und man es vorzieht, sie so unschädlich zu machen, weil eine Ermordung oder Verselbstmordung den eigenen Zielen aus verschiedenen möglichen Gründen weniger dienlich wäre als diese Methode. Zum Beispiel kann man alles, wofür die Zielperson steht, darüber viel besser lächerlich machen und als einer kranken Phantasie entsprungen präsentieren, denn wenn man sie einfach umbringt.

Ich meine aber, es gibt noch ganz andere Fälle.

Nämlich das Objekt sozusagen fast reiner Forschung.

Will heißen, man interessiert sich dafür, wie man einen im Ganzen glücklichen Durchschnittsmenschen mit gutem Beruf und intakter Familie nach und nach kirre macht, einfach um zu studieren, wie das geht, entscheidende Punkte und Reaktionen, die Widerstandsfähigkeit eines solchen Menschen herauszufinden.

Besonders interessant für derlei Forschung aber dürfte der robuste Querulant sein. Also einer, der schon viel eingesteckt hat, dabei mitunter in überraschender Weise zurückgeschlagen, weiß, wer ihn gar nicht leiden mag, weder über Drogen noch Frauen von seinen gar nicht so paranoiden Vorstellungen wesentlich abzulenken und zudem deutlich überdurchschnittlich intelligent ist. Also in dem Sinne ein „Gefährder“.

Nachdem man ihm reihenweise Jobs sabotiert hat, jede Art üble Nachrede in sein Umfeld gesetzt, und er wird doch nicht bräver, nicht einmal merklich verrückter, stellt man ihn vor echte Rätsel.

Er beginnt, sich zu fragen, wem er denn noch von all den sonderbaren Begebenheiten erzählen könne, stellt nun also auch seine Freundschaften auf die Probe. Wem sollte ich, wem kann ich was erzählen?

Frägt er sich bis da noch nicht, ob er etwa irre geworden sei, eben alles nur Zufälle, so wird voraussichtlich wenigstens das an ihm nagen. Er wird normalerweise wollen, dass wenigstens ein anderer von seinen Erfahrungen Kunde hat. Sei es, um sich damit vermeintlich etwas abzusichern, sei es zur seelischen Entlastung, sei es, wo er seinen gewaltsamen Tod schon ernstlich fürchtet, für seinen Nachruf.

Scheinbar oder auch wirklich ideal ist es nun, genau diese Vertrauensperson oder diese Vertrauenspersonen von vornherein zu kontrollieren, denn so kommt man an seine Gedanken und hat mannigfache Möglichkeiten, die Zielperson weiter zu verunsichern.

Andererseits kann dies das Ziel der Forscher (oder schlichtweg Versuchsvernichter) auch gefährden. Denn das Ziel kann das merken, und man verliert erst recht den Zugriff über ihm Nahestehende. Die Zielperson kann noch vorsichtiger werden, ihrerseits über die kontrollierten „Freunde“ Falschinformationen über ihre Gedanken und ihre Verfassung an die „Forschergemeinde“ schleusen, diese ihrerseits in die Irre zu führen. Sogar, fallweise, so indirekt mehr Erkenntnisse über seine Feinde zu gewinnen.

Der Proband muss unter allen Umständen kleingehalten werden, bis er ausrastet. Auch vor der normalen Polizei. Da darf er nicht hingehen können, dass die ihm etwas glaubt.

Es ist bei einer derartigen Zielperson entscheidend, dass man ihr nie eine Beweiskette an die Hand gibt, mit der sie bei der normalen Polizei oder gar der Öffentlichkeit vorankommen könnte. Man schmeißt also beispielsweise der Zielperson einen schleimichten Pariser ins Bad, und sie weiß wiederum, dass das Liebesgrüße aus Moskau oder Langley sein müssen, kann aber nirgends etwas damit anfangen. An Silvester wird ganz zufällig der Briefkasten von einem Kanonenschlag gesprengt, was ja nur die üblichen betrunkenen Jugendlichen gewesen sein können. Auf seinem Hoftor findet er plötzlich ein eingeritztes Z von irgendeinem Spinner.

Gelegentlich stört man ihm sein Telefon, lässt es genau an einem wichtigen Punkt abstürzen. So macht man es auch mit seinem Rechner. Keiner wird ihm je glauben, dass es einen Zusammenhang mit dem ganzen Rest geben könne.

Übel wird es für die Forschergruppe dann, wenn die Zielperson sich sozusagen in Ruhe sortiert. Genau überlegt, welche Bruchstücke vielleicht mal da oder dort im halben Scherze zu erzählen seien, eben nicht jede kleine normale Malaise auf äußere Einflüsse zurückführt. Es also einfach nicht klappt, das mit dem Irremachen.

Hier nämlich müssen die Forscher zu immer gröberen Mitteln greifen und riskieren damit, dass Leute im Umfeld der Zielperson sich von selbst fragen, was denn da vor sich geht. Warum. Schlimmstenfalls fragen sie die Zielperson selber, was denn da los sei. Und die antwortet nur, fröhlich lügend, dass sie selber keine Ahnung habe, sich das alles nicht erklären könne. Obzwar ihr schon das eine oder andere merkwürdig deuchte…

Man kann nun damit anfangen, irgendwo in einer späten Stadtnacht Schläger auf die Zielperson loszuschicken, wieder ganz zufällige. Man kann ihm ein Drogenpaket unterschieben, indem er im Schnee liegt. Man kann endlich auch deren Kinder angreifen, so dass die Zielperson die Handschrift spürt. Damit sie endlich ausrastet.

Dabei kann die Zielperson inzwischen gelernt haben, dass sie im Grunde nicht entkommen kann und sich mit der Lage irgendwie arrangieren. Es ist nunmal so, gegen diese Folterknechte kann ich allenfalls auf einer magischen Ebene was bewirken, denn keiner wird mir glauben, die haben höchste Deckung, im Zweifel alle Gewalt. Ich lasse die Forscher nicht einmal mehr merken, dass ich deren Machenschaften als ihre wahrnehme. Es ist bei mir alles ganz normal. Shit happens. Ich habe zu tun. Ich gebe keinen Pfifferling mehr auf eure Schikanen. Fuck You!

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