Wozu Schach?

Nachdem ich als junger Kerl etwas Schach in niedrigen Ligen spielte, erlahmte das Interesse, es kehrte erst nach Jahrzehnten wieder, vor ein paar Jahren.

Das schöne Harte am Schach ist seine unerbittliche Gnadenlosigkeit. Es gibt keine Ausreden. Ein schlechter Zug ist ein schlechter Zug, und gegen einen guten Gegner reicht einer, um zu verlieren. Der Text ist nicht mehr zu ändern.

Diese Strenge stählt.

Auch meine ich, dass es meinem Hirnkasten guttut, wenn er sich nicht nur mit allerlei Geschreibs und Geglotz befasst, sondern auch ein Denken übt, das zwar, mathematisch gesehen, streng binärlogisch, in der menschlichen Wirklichkeit aber nicht nur mit Rechnen zu tun hat, sondern auch mit aus Erfahrung gewonnener Intuition, mit dem schnellen Erfassen, notwendig, von Stellungen, mit zwingender Geschwindigkeit, mit dem Entscheiden jedes Mal.

Entscheidungskraft. Die ist wesentlich im Schach.

In Armenien, einem bitterarmen, gleichwohl stolzen Land, die Armenier beinahe von den Türken vernichtet, ist Schach Schulfach.

Mindestens als Wahlschulfach, anstatt Schwachsinnsenglisch in der Grundschule, indem kaum einer noch Deutsch oder Mathe kann, wünschte ich mir das auch für Deutschland.

Es gibt genügend – in dem Falle für mich glaubwürdige – Studien, dass das Schachspiel das logische Denkvermögen gerade bei Kindern befördert, ja selbst, indem man für jeden Sieg wie für jede Niederlage ausschließlich selbst verantwortlich, selbstverantwortlich ständig Entscheidungen treffen muss, das echte Selbstbewusstsein fördern kann.

Ich meine nicht, dass Kinder dazu gezwungen werden sollten. Davon halte ich gar nichts. Ein schlechter Schachspieler ist nicht ein dummer Mensch.

Andersherum sind aber die besten Schachspieler meist sehr reflektierte Menschen, oft echte Vorbilder in ihrer Sportlichkeit, von ihrer Tapferkeit gar nicht zu reden.

Und ist ja merkwürdig, dass das Schach, indem kein Mensch darin mehr mit den Maschinen mithalten kann, doch weiterhin so anziehend, allzumal indem in diesem Sport gerade einmal ein paar handvoll Leute davon als Profis ordentlich leben können. Jeder Fußballregionalligaspieler verdient mehr als ein mittlerer Großmeister je.

So gesehen ist Schach eben ein Ehrensport. Millionen betreiben ihn, aber kaum einer verdient auch nur Tausender daran.

Insofern kann man auch ansetzen, dass es ein aristokratischer Sport sei. Allzumal die, welche nichts davon verstehen, wirklich nichts davon verstehen. Von Fußball versteht jeder etwas. Ist ja auch nicht schwer. Guter Spielzug, Ball im Tor. Schlecht geköpft, daneben.

Und: Selbst die Maschinen haben das Schach noch nicht ganz ausgerechnet. Schätzungen der insgesamt möglichen Partien gehen in Richtung von zehn hoch einhundertzwanzig. Damit an die Grenze oder über die Grenze des überhaupt je Ausrechenbaren.

Und: Die Maschinen haben die menschlichen Schachspieler, da sind sich alle Großen einig, in ihrem Schachspielen noch beflügelt, zumal indem sie zeigten, dass bislang als unhaltbare Stellungen angesehene doch zu halten sind, die Maschinen teils Material opfern, als wären sie Michail Tal, der große Opferweltmeister.

Wo sonst haben die Binärrechner den Menschen bisher geistig weitergebracht?

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