Urlaub von meinen Tugenden

Wenn man, wie Nietzsche meint, auch mal Urlaub von seinen Tugenden machen sollte, so kann das in meinem Falle wohl nur bedeuten, dass ich der ständigen Mäßigung einmal entraten müsse, nicht unbedingt gleich bis hin zur Hybris, aber doch einem gewissen Übermute.

Wie fange ich das jetzt an, dass es nicht gleich wie Zwangsurlaub aussieht?

Gibt es irgendwas, das ich herausplärren könnte, das dem Sinn des Urlaubs gerecht würde?

Also nicht ins Gefängnis, und man hört mich doch?

Dieser Urlaub war schlimmer als Mucken und biblische Plagen. Noch nie wurde es mir abscheulicher, unsinnig grobe Rede zu führen. Ich war schon nach einer von drei Wochen fix und fertig. Bei meinem Lieblingswhisky schließlich geschah es, dass ich das Fluchen wieder lernte, indem ich bemerkt hatte, dass ich ihn kaum noch schmeckte: Welch Frevel, was für eine Undankbarkeit, welch Abweg!

Mit diesem Ausbruch war es um die Sache aber noch lange nicht getan. Denn drei Wochen waren dummerweise öffentlich angekündigt. Ich konnte nicht einfach abbrechen. Ich musste vielmehr endlich wenigstens ein Mal saftig liefern.

Ich musste mir eine Dummheit ausdenken, die so noch nie einer oder nach Eulenspiegel kaum einer ausgeboten hatte, und mir wurde bald klar, dass ich mehr brauchte, als eine Eulenspiegelei, nämlich eine wirksam grelle Verschwörungstheorie.

Ich sann noch drei Tage. Dann brachte ich in Umlauf, dass Angela Merkel von Reichsdeutschen als Tarnfigur dahingehend gesteuert sei, durch das Migrationschaos die Übernahme der Reichsdeutschen erst möglich zu machen.

Das war frech. Aber es saß. Denn auf sowas muss man erstmal kommen, kann man aber, so abwegig es erscheint, doch kommen. Es klappte vollauf.

Ich kam aus meinem Urlaub zurück, und die Leute sahen mich schweigend an. Nicht feindselig die meisten, eher zweiflig. Es war kein gutes Gefühl.

Ansonsten war man froh, dass ich aus dem Urlaub zurücksei, und doch sah ich verstohlene Blicke. Es war klar, dass man mir nicht mehr recht traute, mir mindestens dahingehend nicht mehr traute, dass ich meine Tätigkeit der ständigen Mäßigung wieder aufnehmen werde, werden wolle oder könne, alswie zuvor.

Kurzum, indem ich den einen Alp, jenen verdammten Urlaub von meinen Tugenden, abgeschüttelt zu haben glaubte, hatte ich in dessen Gefolge gleich noch einen zweiten im Genack, diesmal für allen Alltag.

Jetzt stellte ich selbst meinen Lieblingswhisky in den Schrank, aß einen halben Tag lang nur Rohmilchkäse mit Weißbrot und Oliven, trank den besten Roten dazu.

Noch ein paar Wochen, und sie würden mich aufgefressen haben, das war klar. Nach diesem Urlaub werden sie mir nie mehr trauen.

Ich holte doch noch Nüsse. Mein Groll wuchs.

Ich werde sie verklagen. Ich werde ihnen sagen, dass ich gemäß meines Glaubens gehandelt habe. Der mir sagt, dass ich Urlaub von meinen Tugenden nehmen solle, und Urlaub stand mir zu, wurde mir zudem angeraten, jeder weiß, dass ich Nietzscheaner bin, und nun werde ich aufgrund meines Glaubens, vermutlich auch Geschlechts und Alters wie meiner Hautfarbe, von allen Mitarbeitern gemieden, schräg angeschaut, man tuschelt, grinst schräge, ja ich fühle mich gemobbt, her mit der Knete.

Das Ganze endete natürlich in einem mittleren Fiasko. Allerdings für beide Seiten. Von der grellen Verschwörungstheorie blieb so viel hängen, dass mich keiner mehr in einen solchen Sonderurlaub schicken wollte. Ich sagte zu, nicht mehr darauf herumzureiten und wurde, unter Drohungen, einigermaßen ausbezahlt.

Jetzt habe ich erstmal Dauerurlaub und kann mich um meine Tugenden kümmern, wann und wie ich will.

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