Von alten und von neuen Witzen

Besser als der bewusst gemachte ist bekanntlich oft der unfreiwillige Witz, der Deppenwitz.

So will ich einleitend den nochmal erzählen. (Soweit ich mich erinnere, habe ich ihn in meinem alten Blog „Neues aus Hammelburg“ nicht wörtlich wie hier schon einmal untergebracht.)

Wir hatten einen Nachhilfeschüler in Mathe 8. Klasse Realschule Bayern, ein Schlur und Faulpelz vor dem Herrn, Versetzung stark gefährdet, wenn nicht schon perdu, und da trat er an, mit Expertenmiene, das ganze sei nicht so schlimm, denn er habe da einen Kumpel an der und der Schule in Schweinfurt, der kenne sich total aus und blicke voll durch, denn der mache die Achte wegen Mathe zum dritten Mal, da sei es total easy, mit einem Wechsel dahin sei also alles geritzt.

Meine Frau und ich, zudem sein junger Mathelehrer, wir standen zunächst wie angewurzelt da, um dann ein jedes ins eigene Gackern zu verfallen, wobei das Beste war, dass der Junge gar nicht verstand, weshalb wir uns kaum noch einkriegen konnten.

Meistens sind denn auch die Deppenwitze von derlei Frohnaturen nicht unbedingt im Sinne des Grotesken, aber doch der Leichtigkeit, besser als zum Beispiel Witze jener, die sich so verfolgt fühlen, dass sie unter einer Badewanne schlafen und ihre skurrilen Erklärungen dazu absondern, denn mit solchen packt einen schlimmer das Mitleiden, das ein herzliches Lachen leicht zu hemmen vermag.

Zu meinen Lieblingsdeppenwitzen gehören aber auch solche, die entstehen, weil man dem Volke Sand in die Augen streuen will, wie etwa der eben unter „Neues vom Wahnsinn“ aufgespießte Zweiwortkalauer „sicherheitsgefährdende Schutzsuchende“.

In meiner Kinderzeit gab es noch eine ganze Serie von Witzen, wo etwa ein Ami, ein Engländer, ein Franzose und ein Deutscher in einem Flugzeug in Not, und nur der Deutsche kam nicht als Depp davon. Hört man heute aus verschiedenen Gründen kaum noch. Vielleicht sollte ich da mal graben gehen und neue dazudichten.

Bei Cervantes‘ Sancho Pansa sehen wir sozusagen den Edeldeppenwitz, durch Sanchos ständige Sprichwortverdrehungen unter anderem, indem er ja gar kein richtiger Depp ist.

Andere Deppenwitze gehen in die Richtung, dass man vielleicht nur einmal darüber lacht, oder weil man denjenigen, von dem erzählt wird, kennt. Da wäre zum Beispiel der, wo ein Mann einen anderen auf der Straße fragt, ob er ihm sagen könne, wie spät es sei. Der prüft seine Uhr, bejaht und geht wortlos weiter. Typologisch eine recht verbreitete Witzart. Oder, wie ich‘s erlebte, erzählte ein Spezi, er habe den R. gefragt, wie denn jene Fete jüngst gewesen sei, worauf der: „Schnitzelbrödle zwoi Mark fuffzich had koschded.“ Den Typus mag ich besonders. Überdies den, den man besonders schön in den Aphorismen Lichtenbergs findet, meist verfeinert, mitunter aber auch derb.

Besonders interessant steht es derzeit auch wieder um die Witze, die man nur noch wenigen Vertrauten erzählen kann. Also all jene Witze, die sich über Nichtmänner, Nichtweiße, Nichtdeutsche, Nichtjuden, Nichtmoslems, Nichtillegale, Nichtpatrioten, Nichtheteros usw. lustig machen. Das sind die Witze, die im Schatten wachsen und blühen.

Gerade dachte ich, ich wolle doch noch einen von denen, spontan entstanden, in herrlichem Unterfränkisch, vor über zwanzig Jahren, nicht von mir, unter Gelächter der ganzen gemischten Landeiersauna, hier einstellen, doch ich lasse es lieber, denn nicht nur kommt darin ein Wort vor, das man nicht mehr benutzen darf, sondern auch zwingend noch der Name einer heute noch bekannten öffentlichen Person, die mir ohne weiteres mit dem Anwalt kommen könnte, gar noch recht damit beikommen, das sei durchaus nicht witzig und nicht von der Witzfreiheit oder Redefreiheit oder Satirefreiheit, oder wie all das Gezeugs heißt, gedeckt. Ich kann noch anfügen, dass der Witz also entstand, dass einer eine schon schräge aber gute knappe Frage stellte, der Brüller zur Antwort eines anderen gerade mal fünf Wörter umfasste.

Naja, in der Sauna, da ist es recht schwitzig und dunkel.

Nun, in einer Zeit, da selbst der Angelsachse beim Witze reißen gelernt hat, sich erstmal auf die Zunge zu beißen, dreimal umdrehend, wessen religiöse oder sonstigen Gefühle welcher Pressgruppe er verletzen könnte, indem er vielleicht einen Witz macht, in dem nicht nur verschrumpelte Penisse von Nazis vorkommen, sondern eine gut bestückte moderne Frau, sehr sympathisch, die den Witz trägt und dabei auch noch siegt, aber am Ende doch sexuell diskriminiert und herabgesetzt sei, so dass er einen Scheißesturm erntet, der ihn sämtliche Einladungen und Aufträge kostet.

Vielleicht, man sieht, es bleibt wenig, lege ich eine Witzreihe auf, die sich ausschließlich um weiße deutsche Männer dreht, die nicht Moslems noch Juden, aber hetero, Patrioten, und oft auch alt.

Wer wird da kommen und einen Scheißesturm gegen mich auslösen? Wie, wegen was, sollten sich da welche diskrimiert oder in ihren Gefühlen verletzt fühlen, dass sie deswegen schreien wie am Spieß?

Karle Klempner sieht Michel Mull beim Kleben von Plakaten für die AfD. „Michel, du Depp, heute Nacht sind die alle in fünf Minuten mit dem Seitenschneider abgezwackt, und dein Parteiheld da, der liegt mit der Fresse im Blättermatsch. Wenn die Stadtreinigung keinen Bock hat ein paar Tage. Oder räumst etwa du die Sauerei dann weg?“ „Ich mache aus der Sauerei eine Doku, gegen die Antifanten.“ „Und wenn sie sie gar nicht zwicken?“ „Dann helfe ich nach.“ „Wie bitte, du willst die eigenen Plakate abzwicken, um es der Antifa in die Schuhe zu schieben? Die zwicken doch so schon genug ab!“ „Ja, aber je mehr, umso besser für meine Doku.“ „Da hast du nun auch wieder recht. Hast du denn wenigstens einen anständigen Seitenschneider? Lass mal sehen. Das Ding da?“ „Was hast du gegen meinen Seitenschneider? Du meinst etwa, die Antifa hat bessere?“ „Aber mit Sicherheit, mit einem vernünftigen Seitenschneider sind die mindestens doppelt so schnell wie du.“ „Das heißt ja, dass meine Doku unrealistisch werden könnte, wegen der Geschwindigkeit der Plakatschändungen?“ „Exakt.“ „Karle?“ „Ja, ich geh schon und hole dir ein anständiges Werkzeug.“

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