Magnei Wolfowitsch Gollerov

Eine meiner spielerischen Denksportübungen führte mich vor einiger Zeit dahin, dass ich mich frug, als was ich am liebsten neu auf die Welt käme, wenn nicht wiederum als Deutscher.

Nun, Österreicher oder Schweizer oder Niederländer, das wäre auch nicht schlecht, als Ösi nur mit halber ewiger Erbschuld geboren, als Schweizer oder Niederländer mit gar keiner. Gleichwohl, das wären zu billige Lösungen der Frage. Weshalb ich diese gleich gar nicht ernsthaft in Erwägung zog.

Schnell merkte ich indes, dass ich doch nicht so ganz vom weißen Europäertume lassen wollte, indem es zwar irgendwie verlockend erschien, gen Ostasien zu blicken, vielleicht mal Chinese oder Koreaner oder doch am liebsten Japaner zu sein, doch irgendwie funzte das nicht, kam nicht so recht bei mir an.

Gut, Däne oder Norweger oder Isländer oder Färöer – vor deren geistiger Umnachtung auch womöglich Schwede – : Warum nicht?

Mag sein, dass ich nicht schon wieder ein Germane sein wollte, nur mit einer Sprache und Literatur, die meiner bescheidenen Meinung nach nicht ans Deutsche heranreicht.

Endlich, es dauerte gar nicht lange, entschied ich mich für Spanier oder Russe.

In Spanien habe ich insgesamt nicht viel weniger als ein Jahr verbracht, und ich liebe die Sprache und die Lebensart. In Russland war ich nie, und ich kann kaum dreizehn Wörter Russisch. Aber ich habe viele Russen kennengelernt, ich liebe die russische Literatur, den Klang der Sprache, den eher stillen Stolz der Russen, deren Tiefe, Urkraft und Feierfreude.

Als ich nun einem guten deutschen Freunde von meiner Wahl berichtete, war der bass entsetzt.

Das mit dem Spanier hätte er mir mit einem leichten Kopfschütteln wohl noch durchgehen lassen, das mit dem Russen jedoch brachte ihn zwar nicht in Rage – er ist einer, der nicht so leicht in Rage gerät – , doch zeigte er wenig bis gar kein Verständnis dafür, was wohl in den Magnus gefahren sei, ausgerechnet ein Iwan oder auch nur ein Sergei oder Vladimir oder Pjotr sein zu wollen, mit all der Rückständigkeit des Riesenlandes, mit Putin und all den Geschichten der Gulags und Sowjets und der heutigen Mafias im Genack. Hinzu kam, dass er den Russen insgesamt nicht traut, sie weit mehr als Gefahr für uns Deutsche sieht denn als natürliche Freunde.

Wie auch immer, klar, dass man mit der spanischen Sprache auch außerhalb Spaniens weiter herumkommt als mit der russischen außerhalb Russlands, zudem schlägt einem nicht so leicht das Misstrauen entgegen, das im Westen aus machtpolitischen Gründen, zumal um uns Deutsche von den Russen abständig zu halten, wenn nicht gleich ein altes Feindbild nach vorn zu rücken, seit Jahrzehnten gesät wird.

Derlei kann meine Wahl aber nicht entscheidend beeinflussen.

Ich weiß noch nicht gesichert, wie ich mich entschiede, hätte ich mich jetzt zu entscheiden. Ich vermute aber doch, dass es auf den Russen hinausliefe. Als Russe – man kommt halt nicht so leicht aus seiner Haut – könnte ich mehr für die russisch-deutsche Freundschaft tun denn als Spanier. Und die deutsch-russische Freundschaft halte ich für entscheidend für Europa und den Weltfrieden.

Und man kann auch Krimwein trinken statt Rioja, ein gelegentliches Gläschen Wodka überlebe selbst ich, und man muss ja nicht zwangsläufig in Norilsk leben oder in Archangelsk.

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